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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1910-09-09 · 36 (9.9.1910) · page 10

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
27 (1910)
Issue
36 (9.9.1910)
Date
1910-09-09
Page
– (sequence 10)
Language
German
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Seite 602 Dr. Blochs Wochenschrift. Nr. 36 Sie haben bei mir auf keine Schwierigkeiten gestoben, Herrn Schreiber zu verzeihen. Herr Sabbadini hat mich aber jahrelang mit einem unglaublichen Hatz verfolgt, materiell und moralisch mit allen möglichen erlaubten und unerlaubten Mitteln zu schädigen gesucht, was ihm auch möglicherweise teilweise gelungen sein konnte. Dieser Herr Angeklagte mischt sich in Angelegenheiten, die ihn gar nichts angehen, die er weder berechtigt noch berufen ist, zu.beurteilen. Ihm muh die Erkenntnis beigebracht werden, dah man nicht ungestraft seinem Nebenmenschen die Ehre abschneiden darf. Indes täte es mir 'leid, ihn einer harten Strafe auszuliefern, ich bestehe nicht — wie mein Advokat beantragt, — auf einer vierwöchentlichen Arreststrafe, aber eine Geldstrafe, die ihn nicht um sein Vrot bringt, wird ihm gut tun, und überdies wird die Oeffentlichkrit schon durch die Verhandlung hinreichend über ihn unterrichtet sein. Diesen Ausführungen Rechnung tragend, hat der Richter Sabbadini der schweren, Ehrenbeleidigung schuldig . erklärt, und ihn zu einer Geldstrafe von 150 Kr. und sämtlichen Spesen oder Arrest von 15 Tagen verurteilt. Die antisemitischen Zeitungen haben sich dieses Prozesses, der in der Tat Aufsehen in allen Kreisen erregte, mit Vergnügen bemächtigt, haben Herrn Dr. Vrettholz in allen Tonarten angegriffen, und so fühlen wir uns verpflichtet, den reinen Sachverhalt festzustellen. Jedenfalls bedauern wir aufs tiefste, dah ein Rabbiner erst bei Gericht seine Genugtuung sich verschaffen muh. Ober-Rabbiner Moses Grünwald f. A. Das ungarische orthodore Judentum hat einen schweren Verlust zu besagen. Hat es doch einen seiner Besten, einen seiner vornehmsten und edelsten Vertreter verloren, dessen auch wir in diesen Vlätten in pietätvoller Ehrung gedenken möchten. Denn wie einst beim Tode des babylonischen Weisen Rabbah die Ufer des Euphrat, beim Hingang des Rabbi Josef die des Tigris sich berührt hatten, so berührten beim Tode des Mofes Grünwald, Oberrabbiner in Chist, die Ufer der Donau und der Theiß einander, und von allen Enden des Landes erscholl die tiefe, iwÄhmutsvolle Klage: „Ihr wisset ja, dah ein Fürst, ein Groher in Israel heute gefallen ist". Am 7. Ab starb in der Blüte der Manneskraft der gelehrte, weit über das Weichbild der Stätte seiner Wirksamkeit hinaus berühmte Rabbi Moses Grünwald, der klassische Typus eines Grohen, den mit Recht das Epliiteton omans „Goaun" schmückte. Er wirkte in den Gemeinden Klein-Wardein, Homonna und Ehist als Rabbiner, gehörte aber kraft seiner souveränen Beherrschung der rabbinisch-talmüdischen Literatur, nicht minder aber infolge seiner ethisch gefestigten Persönlichkeit zu den tatkräftigsten Führern der ungarischen Orthodorie. Verstandesschärfe und Gemütsliefe, hervorragende Gelehrsamkeit, in Verbindung mit echtem Gesinnllngsa.del, gaben dieser Persönlichkeit das Gepräge eines Höherstehenden. Bei den Beratungen aktueller Fragen, die die orthodoxe Judenheit betrafen, wurde sein Name immer zu oberst genannt, zumal er stets bei glühender Liebe zum Frieden seiner lleberzeugung ebenso mit kraftvoller Entschiedenheit, als mit männlicher Würde " erfolgreich vertrat. Es ist höchst bezeichnend für seinen Charakter, dah er — der chassidaischen Partei angehörend — nicht von dieser engen Perspektive klösterlicher Beschaulichkeit heraus die Dinge des nüchternen Lebens betrachtete, sondern stets' einen tiefen Geistesblick bekundete, denn in der stillen, dunklen Klause seines Studierstübchens leuchtete ihm ein Heller Stern, der goldene Strahl höherer Erkenntnis für die Forderungen, welche die moderne Kultur geschaffen. Durch Kasteiungen und Entäuherung von allem Weltlichen, die den fiebernden Geist zu religiösen Verzückungen und schwärmerischer Andacht entflammten, war er eigentlich erst in den letzten Jahren in die gewaltige Wellenbewegung des Chassidismus hineingeraten, aber auch im Reiche der geistigen Kongestionen und des Uebernatürlichen blieb er der Mann des realen Lebens, übte Toleranz und Duldung auch denen gegenüber, die seine religiösen Anschauungen aufs heftigste bekämpft halten. Seinen nach Tausenden zählenden Schülern war er ein väterlicher Freund und Berater und huldigend beugten sich auch jene Schüler vor dem Meister, die seinem geistigen Hochflug nicht folgen konnten oder durch die Macht anderer Einflüsse demselben nicht folgen mochten. An seiner Bahre sprach sein Kollege und Freund, Oberrabbiner Juda Grünwald aus Szatmar. Einen würdigeren Mann konnte die orthodoxe Judenheit Ungarns nicht entsenden, um dem teuren Entschlafenen den Nachruf zu halten. Rabbi Juda Grünwald am Sarge Moses Grünwalds! Fürwahr ein erschütterndes Bild! Im Geiste sehe ich an der heiligen Lade einen Hohepriester voll Seelenadel, den gottbegnadeten Meister der Beredsamkeit mit weithin klingender Stimme, der so mächtig zu erschüttern vermag. Ich sehe vor mir den schmerzensreichen Jeremia beim Brande des Allerheiligsten. Heute umschwebt seine Rede nicht der vornehme HauH der Ruhe. Mit durchwühltem Innern und zerrissenem Herzen weint und llagt er über den Tod dieses Groben, über den Brand des Oraun Hakaudesch. — Sein Auge, sonst ein Quell von Tränen, wie ein von Höhen niederstürzender Bach, der alles Mit sich fortreibt, kann nicht mehr weinen, es hat keine Tränen mehr. Ich sehe dieses traurige Bild, auch mir stiehlt sich eine Träne der Wehmut ins Auge, ich sehe neben dem schmucklosen Sarg Rabbi Juda Grünwald stehen und fühle es : Ki lau almou Tsroel. So lange solche Männer auf Erden weilen, ist Israel nicht verlassen! Bad Reichenhall, im Monate Ab 5670. Dr. S. W. Link. Das Ritualmordmärcheu von Kövesd. „Alkotmäny" brachte vor einiger Zeit einen Artikel, in welchem die Behauptung aufgestellt war, daß der Kövesder Gastwirt Buchsbaum an dem Töchterchen 'des Landwirtes Sompläk einen „Ritualmord" verüben wollte. Das Sompläk'sche Ehepaar sagte aus. daß Buchsbaum es am Tage des „Attentats" veranlaßt habe, das Haus zu verlassen, damit er an der Ausübung der Tat nicht gehindert werde. Wegen dieser Aeußerung hat nun Buchsbaum gegen das Somplak'sche Ehepaar beim hiefigen Bezirksgericht die Verleumdungsklage angestrengt, deren Verhandlung kürzlich vor dem Bezirksrichter Bartholomäus Gabriel stattfand. Die Anklage vertrat staatsanwaltschastlicher Funktionär Zoltän Okruczky. Die Verhandlung begann damit, daß Buchsbaum seine Klage vorbrachte; er sagte aus, daß das Ehepaar Sompläk der Gendarmerie von dem Ritualmärchen Mitteilung gemacht habe. Die Bevölkerung der Ortschaft habe in Folge der über ihn verbreiteten Gerüchte sein Lokal boykottiert und es sei ihm daraus großer Schaden erwachsen. Frau Sompläk erklärte auf eine bezügliche Frage des Richters, sie habe eigentlich nicht gesehen, daß Buchsbaum ihrem Töchterchen etwas zu Leide getan habe. Sie gab an, daß die Kleine im Schlafe oft phantafierte und einmal in der Nacht aufgeschrieen habe: „Juden!" „Gendarmen!" Josef Sompläk gab an, er sei zwei Monate in den Diensten Buchsbaum's gestanden. Am Morgen des 23. Juli habe er ihm einen halben Liter Branntwein geschenkt, am Abend desselben Tages habe ihm Buchsbaum eine überaus erregte Szene gemacht und ihn einen Schuft geheißen. Er gab ihm den Rat, nach-

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