Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 27 (1910)
- Issue
- 36 (9.9.1910)
- Date
- 1910-09-09
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
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Nr. 36 Dr. Blochs Wochenschrift. Seite 601 Dr. Ludwig Bendiener. Eine der populärsten Persönlichkeiten der Prager Judenschaft, Dr. Ludwig Bendiener, vollendete am 4. September sein 70. Lebensjahr. Dr. Ludwig Bendiener genießt als geistvoller, scharfsinniger Jurist, als bedeutender Schulmann, als eifriger. Förderer aller Humanitären Bestrebungen und nicht zuletzt als gesinnungstreuer Jude einen weit über die Grenzen seiner Vaterstadt hinausreichenden Ruf. Seit 1869 ist Dr. Bendiener in Prag als Advokat ansässig, aber schon als Student nahm er am öffentlichen Leben regen Anteil. 1871 wurde er in das Stadtverordnetenkollegium und von diesem in den Stadtrat gewählt. Und diesen Körperschaften gehörte er elf Jahre an, bis die deutsche Minorität zum Austritt gezwungen war. Aber selbst dann noch wurde er 1888 ins Stadtverordnetenkollegium berufen, wo er trotz aller Rekurse und Proteste ein Jahr lang die Interessen der Deutschen vertrat. In bedeutenden. deutschen Vereinen und Körperschaften nimmt Dr. Bendiener eine führende Stellung ein, und nachdem er dem Prager deutschen Bezirksschulräte als Mitglied angehört hatte, wurde er zunächst 1887 und später 1902 in den Landesschulrat berufen, dem er seitdem als eifriges Mitglied angehört. Besondere Verdienste hat sich der Jubilar auch um seine jüdischen Mitbürger erworben: seit mehr als 20 Jahren bekleidet er die Vizepräsidentenstelle in der Kultusgemeinde-Repräsentanz, der er bereits 40 Jahre angehört. Um die Regelung des Armenwesens hat er sich erfolgreich' bemüht und auch sein vierzigjähriges Wirken als Direktor des isr. Nächstenliebsvereines war segensreich. Der Kaiser anerkannte die Verdienste des Jubilars durch Verleihung des Ritterkreuzes des Franz Joseph-Ordens (1881) und des Ordens der Eisernen Krone III. Kl. (1907), viele Vereine ernannten ihn zum Ehrenmitglieds und die Advokatenkammer verlieh dem glänzenden, erfolggekrönten Verteidiger die Würde eines Kammeranwalts. Von seiner Tätigkeit im Kultusvorstand sei nur die glänzende Rede erwähnt, die derselbe im Februar vorigen Jahres bei Eröffnung des neuen Mischen Rathauses und anläßlich des 70. Geburtstages des Präsidenten Dr. Arnold Rosenbacher gehalten hat, ferner sein entschiedenes Auftreten gegen die von verschiedenen Seiten auftauchenden Reformbestrebungen, sowie sein Festhalten am konservativen Judentum. Karlsbad. Unter unseren Karlsbader Glaubensgenossen herrscht seit drei Tagen eine nicht geringe Aufregung, und ein Vorfall wird in allen Kreisen, in welchen Juden verkehren, auf das Lebhafteste besprochen. Er sei hier ohne jeden Kommentar berichtet: Der Karlsbader Turnverein vom Jahre 1860 gehört zu den angesehensten Vereinen der Kurstadt. Er wurde seinerzeit von den ersten Bürgern der Stadt gegründet und insbesondere einige jüdische Bewohner Karlsbads haben sich für das Gedeihen des Vereines eingesetzt und wesentlich dazu beigetragen, daß eine Turnhalle gebaut werden konnte. Als vor etwa 12 Jahren in Karlsbad die antisemitische Bewegung entstand, wurden die Juden veranlaßt, aus den meisten Vereinen auszutreten, und insbesondere im Turnverein vom Jahre 1860 fand man Mittel und Wege, die jüdischen Mitglieder zu bewegen, aus dem Vereine auszutreten. Seit jener Zeit wird kein Jude im Turnverein von Karlsbad mehr ausgenommen und es werden Juden auch zu den Unterhaltungen dieses Vereines nicht zugelassen. Am verflossenen Sonntag, den 4. September, fand in Karlsbad das 50jährige Jubiläum des Vereines statt. Die Stadtvertretung, welcher viele Turnvereinsmitglieder angehören, widmete eine große Spende von einigen Tausend Kronen, der Bürgermeister wurde aufgefordert, die Festrede zu halten, und hielt sie auch; die öffentlichen Gebäude und v sämtliche Häuser der Stadt, welche Nichtjuden gehörten, waren reichlich beflaggt und von Samstag Nachmittag an bis Sonntag Vormittag zogen zahllose antisemitische Turnvereine unter klingendem Spiel in Karlsbad ein, um dem großen Jubiläumsfeste beizuwohnen. Fast die gesamte Bevölkerung Karlsbad nahm Anteil daran, und wenn nicht ein starker Regen niedergegangen wäre, dann hätte das Fest einen großen Erfolg gehabt. Natürlich wurden auch sämtliche arische Vereine Karlsbads zum Festzug geladen; außerdem auch die freiwillige Feuerwehr, zu welcher noch einige Juden gehören. Man gebrauchte nun für dieselben eine Rücksicht, die eben das böse Blut verursacht. Man teilte nämlich den jüdischen Mitgliedern mit, was nebenbei sicherlich ganz überflüssig war, daß es ratsam für jüdische Mitglieder der Feuerwehr sei, sich nicht an dem Festzuge rc. zu beteiligen. Es seien da viele hundert arische antisemitische junge Leute versammelt, welche vielleicht durch Trinken und guten Humor aufgeregt sein könnten und da sei es am Ende möglich, daß irgend ein jüdischer Teilnehmer insultiert oder gar angespieen werde, was zu den unangenehmsten Folgen für die Kurstadt führen könnte. — Ein Kommentar ist wohl überflüssig! Triest. Dem Triester „Jl Piccolo" entnehmen wir. daß sich daselbst ein Prozeß abgewickelt hat, dessen zweiter Teil Mittwoch voriger Woche vor den Schranken des Gerichtes den Abschluß fand. Es ist jedenfalls sehr bedauerlich und ein trauriges Kapitel in der Geschichte der jüdischen Gemeinde Triests, daß es zu so einem Prozesse kommen mußte. Als Kläger erschien vor Gericht Hr. Prof. Dr. Brettholz. Rabbiner der Triester Kultusgemeinde. Angeklagte waren ein dem Rabbiner untergebener Lchrer. Emäw Sckreiber, Leiter der jüdischen Schule, und ein Gymnasiallehrer, Salvatore Sabbadini. Beide werden beschuldigt, den Rabbiner gröblich beleidigt und über ihn wahrheitswidrige, ehrenrührige Gerüchte verbreitet zu haben. So unglaublich es klingt, soll es vorgekommen sein, daß der Leiter der jüdischen Schule seinem unmittelbaren Vorgesetzten, dem Seelsorger, den Eintritt in dieselbe verboten haben soll. Der betreffende Lehrer, Herr Schreiber, wurde von der Gemeinde daraufhin suspendiert, wollte sich aber dieser Verordnung nicht fügen, und es mußte gegen ihn Polizeigewalt angewendet werden. Als die Statthalterei im Wege der Schulbehörden von den Vorgängen Kenntnis erlangte, bat sie angeordnet, daß Dr. Brettholz gegen dir beiden Herren Emilio Schreiber und Salvatore Sabbadini die Ehrenbeleidigungsklage überreiche. In der Gerichtsverhandlung selbst versuchte Herr Schreiber zunächst die unglaublichsten Dinge gegen Dr. Brettholz vorzubringen, er wurde jedoch von seinem eigenen Rechtsanwälte aufmerksam gemacht, daß er dadurch seine Situation nur verschlimmere, worauf er sich denn auch aufs Bitten verlegte, und appellierte an das „bekannt gute Herz" seines Seelsorgers, ihm sein Vorgehen zu verzeihen, was ihm auch seitens seines Rabbiners bereitwilligst gewährt wurde, in Anbetracht dessen, daß Herr Schreiber krank und darum die Folgen seines Vorgehens zu ermessen kaum fähig ist. Anders mit Sabbadini, der sich zur Entschuldigung nicht verstehen wollte. Der Kläger Dr. Brettholz sagte nach dem Berichte des „Piccolo" vor Gericht: „Ich habe schon einmal erwähnt, daß ich als Mensch längst die beiden Herren vors Gericht hätte zitieren müssen, als Rabbiner war es meine Pflicht. Skandal zu vermeiden. Mag nun meine Nachgiebigkeit als Schwäche gescholten werden, mein Gewissen verbot es mir, anders zu handeln. Die Statthalterei hat indes angeordnet, daß ich die Klage überreiche, und dieser Verordnung mußte ich mich fügen, wenngleich ungern und schweren Herzens. Sie haben, Herr Richter, selber aus dem Gange der Verhandlung die Ueberzeugung gewinnen müssen, daß mir jede Rachsucht fernliegt, und