Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 27 (1910)
- Issue
- 36 (9.9.1910)
- Date
- 1910-09-09
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
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Seite 600 Dr. Blochs Wochenschrift. Nr. 86 „Wie der Baum auf dem Felde ist der Mensch"; man fällt ihn, wenn er seine Frucht nicht mehr trägt; das ist, so deuten die Weisen, der Talmid chochom hogun, der Gottesgelehrte, der diesen Titel verdient. Und unser Bruder, um den wir trauern und weinen, er war ein echter Talmid chochom. Doch er wurde gefallt, bevor er alle Frucht gespendet, welche reich zu spenden er berufen und befähigt war. Er ziehe hin in Frieden, sein Andenken sei gesegnet. Dann trat der Präsident der Kultusgemeinde Dr. Alfred Stern vor die Bahre, um dem verstorbenen Rabbiner den Dank der Gemeinde für sein siebenjähriges Wirken auszusprechen und widmete folgende wehmütige Worte des Abschiedes: Rede des Präsidenten Dr. Alfred Stern. Der Tod hält in diesem Jahre eine reiche, traurige Ernte in unserer Gemeinde. Noch find es erst wenige Tage her, daß — als wir einem um unsere Gemeinde hochverdienten Manne das letzte Geleite gaben — an dieser Stätte des Todes, in dieser Halle, der Mann, der heute hier im Sarge ruht, mir gegenübertrat in voller Lebenskraft, erfüllt vom Schaffensdrang, so daß er und ich, wir Beide, uns noch reichen Segen von seiner Tätigkeit für unsere Gemeinde erhoffen dursten. Und insbesondere ein Gebiet war es, auf welchem er segenbringend wirkte. Um einem momentan dringenden Bedürfnis abzuhelfcn, hatten wir vor einigen Jahren eine Religionslehrer-Bildungsanstalt ins Leben gerufen. Wenn diese Anstalt, welcher nur ein vorübergehendes, ephemeres Dasein beschieden sein sollte, nunmehr zu einer festen, dauernden Institution wird, so ist es der hervorragenden, nicht genug zu rühmenden Tätigkeit, dem Pflichteifer des Dahingeschiedenen zu danken. Der Pflichteifer — Zedek, Zedek tirdauf, wie soeben von ehrwürdiger Seite gesagt wurde — der von keiner persönlichen Rücksicht beirrte, nicht vor drohenden Widerwärtigkeiten zurückschreckende Eifer in Erfüllung seiner Pflicht in beruflicher Tätigkeit, als Leiter der Lehrerbildungsanstalt, in der Inspektion des Religionsunterrichtes und wo sonst er zu wirken hatte, war eine hervorragende Charaktereigenschaft, ein hochanzuerkennendes Verdienst des Dahingeschiedenen — Pflicht und Recht zu üben, aber auch Milde und Güte walten zu lasten — das ist es, was ich auf Grund jahrelanger, unmittelbarer Wahrnehmungen und Erfahrungen ihm nachrühmen muß. Und so mögen insbesondere jene in seiner vielseitigen Tätigkeit hervorragenden, nachhaltigen, eigentümlichen Leistungen zum Wohle unserer Gemeinde dem Dahingeschiedenen ein dauerndes Gedenken sichern. Seclier Zaadik livroclioli! Es sprachen sodann Prof. Dr. Ludwig Singer für den Lehrkörper der Religionslehrerbildungsanstalt und Kustos Dr. Frankfurter für den Freundeskreis und die Studienkollegen, zum Schluste der Abiturient der Israelitischen Lehrerbildungsanstalt Aron Schwertfinger namens der Schüler. Dann wurde der Sarg von Mitgliedern der Kultusgemeinde zu dem Ehrengrabe getragen. Nachdem I. Kantor Jurberger am offenen Grabe das ergreifende LI mole Rachamim gesungen, wurde der Sarg ins Grab gesenkt und unter dem Choräle des Schiwisti fielen die ersten Schollen ins Grab. Um halb 6 Uhr war die erhebende Trauerfeier zu Ende. Rabbiner-Installation in Altofe». Eine der ältesten und einst größten jüdischen Gemeinden Ungarns, die Altofner, installierte kürzlich ihren neugewählten Oberrabbiner Dr. Julius W e l l e ß. Der aus diesem Anlässe festlich geschmückte Tempel, bekanntlich einer der schönsten im Lande, vermochte die Festgäste kaum zu fasten. Anwesend waren u. A. in Vertretung der Hauptstadt der Magistratsrat Dr. Franz D 6 r i, in Vertretung der Pester ist. Kultusgemeinde Vorsteher Julius Adler, Sekretär Dr. Julius Weißburg und Adolf Kramer, in Vertretung der Ofner ist. Kultusgemeinde Präsident Dr. Isidor Sz a b o l cs i, Oberrabbiner Dr. Arnold K i s s, Rabbiner Dr. Bertold Edelstein, in Vertretung der Pester Chewra Kadischa Präsident Julius Winterberg und Sekretär Dr. Franz M e z e y; ferner der Altofner ref. Seelsorger Aladar K o n t r a mit dem Oberkurator Dr. Ludwig Beny owiis, Abgeordneter Dr. Alexander P e tw, der Rektor des Rabbinerseminars Dr. Wilhelm Bacher, Bezirksvorsteher Benö Bencze, die Schuldirektoren Julius Szava und Alexander G e o r gi, mehrere Stadtrepräsentanten rc. Die Jnstallationsfeier nahm folgenden Verlauf: Eine zahlreiche Deputation der Altofner ist. Gemeinde begab sich Nachmitttgs in das „Hotel Royal", um den Oberrabbiner Dr. Julius W e l l e ß zu der Jnstallationsfeier einzuholen. Nachdem das Mitglied der Altofner Repräsentanz Dr. Bernhard Mittelmann den Oberrabbiner begrüßt und dieser seinen Dank abgestattet hatte, trat Dr. Welle ß in einem prächtigen Viergespann, gefolgt von einer langen Wagenreihe die Fahrt nach Altofen an. In den Straßen von Altofen wurden ihm lebhafte Ovationen bereitet. Die Jnstallationsfeier begann mit einer Festsitzung der Altofener israelitischen Repräsentanz, in welcher Präsident Dr. Josef Stern den neuen Oberrabbiner im Namen der Kultusgemeinde begrüßte. Dr. W e l l e ß dankte ergriffen für die schönen Worte des Präsidenten. Sodann ^begaben sich die Anwesenden in den Tempel, wo die Installation in feierlicher Weise vor sich ging. In gedankenreicher Rede installierte der Profeffor der Landes-Rabbinerschule Dr. Ludwig Blau den neugewählten Oberrabbiner. Der gelehrte Redner sprach über den bedauerlichen Rückgang des Thorastudiums in jüdischen Kreisen und eiferte den Seelsorger zur intensiven Tätigkeit auf diesem Gebiete an. Er skizzierte hierauf die Aufgaben, die ein moderner Rabbiner zu erfüllen hat, und pries Dr. Julius Welleß, der alle Eignung habe, um der hehren Mission, die ihm anverwird, voll und ganz gerecht zu werden. Hierauf wurde das Minchagebet gesprochen und nun betrat Dr. Julius Welleß die Kanzel, um in einer formvollendeten, von edlem Pathos durchglühten Rede sein Amt anzutreten. Nach einem stimmungsvollen Gebete schilderte er die Hauptaufgaben des Rabbiners. Das Studium und die Verbreitung der Gotteslehre, die religiöse Erziehung des Heranwachsenden Geschlechts, die rechtschaffene und liebevolle Leitung des kleinen Mannes und die Wahrung des traditionellen jüdischen Geistes im Gottesdienste werden stets seine Hauptsorge bleiben. Diese dreifache Aufgabe knüpfte Redner an das Prophetenwort des Wochenabschnittes und an die alte Lehre, daß die Fundamente des jüdischen Glaubens Wissenschaft, Gottesdienst und Wohltätigkeit bilden. Die von edler menschlicher Gesinnung durchwebte Rede, die. auch Zeugnis von der hohen Gelehrsamkeit des neuen Oberrabbiners gibt, schloß mit einem Gebete für das Wohl des Königs, des Vaterlandes und der Hauptstadt. Die schön vorgetragene Rede übte eine tiefgehende Wirkung auf die anwesende zahlreiche Gemeinde. Mit dem Absingen des „Rirnuus?" schloß die erhebende Feier, nach welcher die Anwesenden sich beeilten, dem neuen Oberrabbiner ihre herzlichsten Gratulationen darzubringen. Abends fand zu Ehren des Oberrabbiners ein Bankett zu zweihundert Gedecken statt, auf dem Dr. Welleß in zahlreichen Trinksprüchen gefeiert wurde. Der neugewählte Oberrabbiner der Altofner israelitischen Gemeinde Dr. Julius Welleß ist ein gebürtiger Budapester. Er absolvierte seine Studien an der Budapester Landes-Rabbinerschule und an der Universität mit ausgezeichnetem Erfolg. Nach absolvierten Studien wurde er Rabbiner in Csurgo und spater in Nagybittse, wo er über ein Jahrzehnt segensvoll wirkte. Mit seinen literar-historischen Arbeiten erwarb sich Dr. Welleß in Fachkreisen einen achtungsvollen Namen. Speziell die Raschiforschung verdankt Welleß so manche Bereicherung. Die Israelitische Ungarische Literarische Gesellschaft edierte eine wertvolle Raschimonographie aus seiner Feder. Die „Revue des etudes juives" in Paris und andere ausländische Fachschriften besitzen an Welleß einen gern gesehenen Mitarbeiter. Daß er ein hervorragender Kanzelredner ist, hat er durch seine Jnstallationsrede glänzend bewiesen.