Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 27 (1910)
- Issue
- 36 (9.9.1910)
- Date
- 1910-09-09
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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Nr B6 Dr. Blochs Wochenschrift. Seite 599 Oberkantor Don Fuchs, mit dem Chore beider Tempel den Trauerchoral, worauf der Sarg gehoben und unter dem Geleite der Trauerversammlung zum Tempel gebracht wurde. Dem Leichenwagen folgten die Funktionäre und die Rabbiner im Ornate, der Gesamtvorstand der Kultusgemeinde, die bis zum Eingang des Leopoldstädter Tempels dem verklärten Seelsorger zu Fuß das Geleite gaben. Im dichtgefüllten, schwarzdekorierten Tempel wurde der Sarg vor der Bundeslade niedergestellt. In ergreifender Weise stimmte Oberkantor Don Fuchs mit dem Chor das Schiwissi an, worauf in Vertretung des Rabbiners Dr. S ch m i e d l Oberrabbiner Dr.Güdemann folgenden ergreifenden Nachruf hielt: Rede des Oberrabbiners Dr. Güdemann. Zu einer Trauerkundgebung find wir hier versammelt. Sie gilt dem ehrwürdigen und verehrten Rabbiner unserer Gemeinde Dr. Elieser David, der uns durch einen plötzlichen Tod entrissen wurde. Sieben Jahre hat er in unserer Gemeinde gewirkt, nur sieben Jahre! Mikez schewa sciionim taasse Sch’mitto. „Am Schlüsse von sieben Jahren halte Erlaß!" Dieses Gebot des jüngstverlesenen Wochenabschnittes hat sich in schmerzlicher Weise an ihm erfüllt. Er wird diese Stätte, von der aus er so oft zu Euch geredet, nicht mehr betreten, sein Mund ist verstummt, sein Auge erloschen, sein Herz hat aufgehört zu schlagen. Aber wir haben ihn trotzdem nicht verloren. Li lau bemausso jikach hakoll. Der Tod hat ihn uns nicht ganz genommen, lau Med acharow kewaudo, sein wahres Wesen, seine Persönlichkeit tritt uns jetzt erst lebendig vor Augen, nachdem der Tod ihn verklärt und die Neb.l verstreut hat, die naturgemäß jeder Mann in öffentlicher Stellung erst mühsam durchdringen muß, um sich durchzusetzen. Das ist ihm trotz der Kürze seines Wirkens auf einem Gebiete gelungen, das ohne Zweifel das Wichtigste im Gemeindeleben ist, auf dem Gebiete des Religionsunterrichtes. Er hat die neugegründete Religionslehrer- Bildungsanstalt ins Leben eingeführt, er hat sie mit Umsicht und Hingebung geleitet und ihre Zukunft gesichert. Er hat die Aufsicht über den Religionsunterricht mit Ernst und Nachdruck ausgeübt und der Anschauung zur Anerkennung verholfen, daß die Aufgabe des Religionslehrers auch dessen gesamte Lebensführung durchdringen und bestimmen muß. Was er in diesen Richtungen geleistet hat, bleibt eine denkwürdige, unvergeßliche Tat. Er war überhaupt vorzugsweise ein Mann der Tat. Wir dürfen das Wort nicht unterschätzen. Es bildet die Vermittlung zwischen dem Rabbiner und der Gemeinde. Aber wir dürfen nicht vergessen, daß unsere Religion nicht, wie es in anderen Kulten der Fall ist, einen „Dienst am Wort" kennt. Wir dürfen deshalb das Wort nicht überschätzen und nicht der Schönrederei verfallen, denn unsere Religion lehrt lau hamidrasch ikar ela hama’asse. „Nicht die Kunst der Rede, sondern die vorbildliche Tat ist für die nachhaltige Wirkung rabbinischer Tätigkeit entscheidend. Hinter dem Wort muß der Mann stehen, dieser muß für sein Wort auch durch seine ganze Lebensführung einstehen. So war seine Rede der Spiegel seiner Seele. Wir erblicken in diesem Spiegel seine lautere Gesinnung, seine Frömmigkeit, seine Herzensgüte, seine Friedensliebe, seine tiefe Bildung, lauter Schätze, die den reichsten Segen für unsere Gemeinde bilden und die ganz zu heben uns leider sein frühzeitiger Tod verwehrt hat. Wir klagen um ihn im Verein mit seiner gleichgestimmten und gleichgesinnten würdigen Gattin, mit den ehrenwerten Geschwistern, denen Chochom schemess hakol kerauwow unsere ganze Gemeinde teilnehmend sich anschließt und tiefbewegt rufen wir ihm nach: Sicher Zaddik lewrocho. „Dein Andenken wird geehrt und gesegnet bleiben!" Der Sarg wurde sodann unter den ergreifenden Klängen des „Jauschew Besseser“ zum Leichenwagen getragen, und ein großer Trauerzug bewegte sich zum Zentral-Friedhof. Nach den meisterhaft rezitierten Trauergesängen durch Oberkantor Fuchs und dem Chore hielt Herr Rabbiner Dr. Feuchtwang den ergreifenden Nachruf. Rede des Rabbiners Dr. D. Fenchtwang. Dem verehrten, uns so jäh entriffenen Amtsbruder soll ich im Namen der Amtsbrüder den Abschiedgruß entbieten und auch im Namen der zahlreichen Lehrer, denen er Führer, Freund unb Berater war. Auf bas Tiefste find wir alle erschüttert. Groß und aufrichtig ist unser Schmerz. Vor wenigen Tagen war es, da ging ich mit dem nun entschlafenen Freunde lustwandelnd einen Berg hinan; es war ein freundlicher Abend; Sterne leuchteten vom Himmel herab. Hingeriffen von der Schönheit der Natur und andächtig blickten wir ins Tal und auf die entfernten Berge. „Mein Auge erhebe ich zu den Bergen, woher kommt mir Hilfe; meine Hilfe kommt von dem Ewigen, Schöpfer Himmels und der Erde", so sprach der Freund in seiner schlichten Art, aus welcher inbrünstige Frömmigkeit dem verständigen Ohre vernehmbar war. Und wir stiegen den sanften Abhang hinab, durchschritten einen stillen Waldpfad; an seinen Händen führte er zwei kleine Mägdleins; die sprachen traulich und lieblich zu ihm; denn sie merkten: Dieses Herz versteht die kindliche Sprache, dieses Ohr vernimmt der Kleinen unschuldig-reines Wort. „Ja, mein Freund", so sprach er nun, „aus dem Munde der Lallenden und Kinder hast Du, o Gott, Deine Macht gegründet — —" Sind nicht diese beiden so warm und echt gesprochenen Worte geeignet, den Grundzug des Charakters unseres teueren Amtsbruders zu zeichnen? Zeigen sie uns nicht seine wahrhaft große, unerschütterliche Gottesfurcht und die Güte seines edlen Herzens? Die rein menschlichen Tugenden, die ihn zierten, wie selten einen, sie zu betonen fühle ich mich berufen. Sind es denn nicht diese rein menschlichen Tugenden, welche zuförderst den geistlichen Führer der Gemeinde auszeichnen und zieren sollen? Sein Lebensgrundsatz wie auch Richtschnur in der Führung der heiligen Aemter war der Satz der Schrift: riedsk, zedek tirdauf „Gerechtigkeit, Gerechtigkeit verfolge eifrig, auf daß du lebest und besitzest das Land, das Gott dir gegeben hat". — Gerechtigkeit, das ist nach der Weisen Deutung das unbestechliche, unentwegte, stets gewappnete Rechtsgefühl, Din, das redlich und ehrlich urteilt und entscheidet, der inneren Ueberzeugung klaren Ausdruck verleiht; ist die lautere, mutige Wahrheitsliebe, die Kraft, den Vornehmsten, Größten gegenüber die Wahrheit zu verteidigen, ihr in das oft harte Antlitz zu schauen; oft genug auf Kosten des Seelenfriedens und der Herzensruhe. Und diese Gerechtigkeit, unser edler Bruder « hat sie geübt. Gemildert und gelindert soll aber din durch jene andere Gerechtigkeit werden, welche unsere Lehrer in dem wiederholten ersten Worte des Schriftverses sehen, pssebarab, die Versöhnlichkeit und Bereitschaft zum friedenstiftenden Ausgleich. Und auch diese hohe Tugend besaß der Entschlafene. Mußte er Kraft seiner Ueberzeugung ein ungutes Wort sprechen, rasch reichte er die sanfte, milde Hand zum Friedensbunde und hatte gar bald alles Böse vergeffen; denn er war gut, herzensgut, kannte keinen Neid oder Haß, vertrug den Gedanken nicht, jemandem durch Wort oder Tat das kleinste Leid zugefügt zu haben. Und wer von uns, liebe Amtsbrüder, möchte sich solcher Tugenden nicht gerne bemühen wollen. Wodurch aber vermochte unser Freund und Bruder diese Eigenschaften zu erwerben und zu bewahren? In Befolgung der Thora-Weisung: „Er schreibe sich eine Wiederholung der Thora auf; sie begleite ihn, er lese darin sein Leben lang, auf daß er lerne, Gott fürchten, die Worte der Lehre und deren Gebote hüten und üben." Sein ganzes Leben war ein mlsebnsb Mora, eine Wiedergabe der heiligen Lehre, für die sein Herz so heiß glühte, die er lernte und lehrte und übte in diesem ganzen, ach so kurzen Leben, deren Wahrheiten er mit Mut, Kraft und fester Ueberzeugung verkündet hat. So war er uns allein ein Beispiel und Muster, war eine Zierde seines Standes. Er hat der Wahrheit gedient, der Gerechtigkeit gelebt und gelehrt, in seiner Ueberzeugung zu leben und für sie zu leiden.