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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1910-09-09 · 36 (9.9.1910) · page 4

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
27 (1910)
Issue
36 (9.9.1910)
Date
1910-09-09
Page
– (sequence 4)
Language
German
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Seite 596 Dr. Blochs Wochenschrift. Nr. 36 alte nationale Sprache erblickte. Die Ähnlichkeit der beiden Sprachen bewirkte, daß die gegenseitige Einwirkung eine besonders starke wurde, und wie die doch recht kleine jüdische Kolonie vom angrenzenden Aramäisch beeinflußt wurde, so färbte auch das Hebräische auf die aramäische Nachbarschaft ab, und besonders die Juden, die mittelbar oder durch ihre Volkslehrer mit dem alten hebräischen Schrifttum in dauernder Fühlung blieben, wurden, so weit sie aramäisch sprachen, vom Hebräischen beeinflußt. Es entstand zum ersten Male eine besondere Judensprache in einer nichtjüdischen Sprache, das Judenaramäisch. Dieses jüdische Westaramäisch pflanzte sich vornehmlich im Gelil ha-'amim, in dem nördlich gelegenen Galiläa fort, wo es durchaus die Volkssprache der jüdischen Bevölkerung war, dann aber bei den Samaritanern, deren nicht israelitischer Teil wohl das Aramäische aus seiner Heimat mitgebracht hatte. In der neutestamentlichen Zeit sah man dieses galiläifche Judenaramäisch gewissermaßen für das galiläische Hebräisch an. für einen schwer verständlichen Dialekt, des im judäischen Süden rein gesprochenen Hebräisch. Daher wird er ohne weiteres im neutestamentlichen Schriftentum hebräisch (kopziovl) genannt, und die wenigen angeblich aus der hebräischen Volkssprache im Neuen Testament eingestreuten Wörter sind eben aramäisch. Dagegen wird in dem nahen Jerusalem wirklich hebräisch gesprochen. Davon hat sich auch in den Evangelien eine schwache Erinnerung erhallen, die am deutlichsten im Markusevangelium ist. Dort wird Petrus an seiner Aussprache als Galiläer erkannt: „Wahrhaftig, du bist ja such einer von ihnen; denn du bist ein Galiläer, und deine Aussprache ist ebenso." Im Matthäus ist es etwas schwächer: „Wahrhaftig, du bist ja auch einer von ihnen, denn deine Sprache verrät dich", und noch abgeblatzter ist es in den anderen Parallelstellen. Der Galiläer wird am aramäisch klingenden Dialekt erkannt, auch-wenn er hebräisch spricht. Daß das Hebräische damals keineswegs tot war, daß es nicht bloß in der Literatur fortlebte, dafür sprechen zwei Umstände. Die viel später niedergeschriebene Mischnah hat leichte Formenverwandlungen ausgenommen, die jeder ohne weiteres vermieden hätte, der die Sprache nur litterarisch nach dem überlieferten Schrifttum erlernt hätte. Gerade die leichten Aramäismen sind sprechende Beweise dafür, daß das Hebräische lebte. Denn wenn es nur -eine tote Litteratursprache gewesen wäre, so hätte man sich bemüht, dieses wenigstens äußerlich in den einfachsten grammatischen Formen dem überlieferten heiligen Schrifttum anzupassen. Dies war aber nicht der Fall. Dann aber hat man noch nach Jahrhunderten die leichte populäre Litteratur .für das Volk hebräisch niedergeschrieben, wofür in früherer Zeit das hebräische Original des Sirach, für spätere Jahrhunderte die große Midraschimlitteratur der klare Beweis sind. Gerade die gelehrte und Gesetzeslitteratur wurde in der Sprache niedergeschrieben, die damals die vornehme Sprache des Orients war, in aramäischer Mundart. Als aber der jüdische Staat von den Römern vernichtet. als das kleine Gemeinwesen, in dem das Hebräische eine Heimat gefunden hatte, verschwunden war, und die Hebräer, so weit sie nicht im ruhmvollen Kampfe für Haus und Herd, für Gott und Vaterland gefallen waren, in alle Welt zerstoben, da wurde das Hebräische auf einen engen und immer engeren Kreis beschränkt und verschwand allmählich, wenn auch sehr langsam aus dem Verkehr. Dies kommt darin zum Ausdruck, daß aramäische Uebersetzungen die Gesetzesvorlesungen begleiten müssen und daß für solche Gebete, Formeln und Hymnen,' die für den allgemeinen Volksgebrauch bestimmt sind, vielfach das Aramäische anstelle und neben das überlieferte Hebräisch tritt, so daß dieses, das als jüdisches Ost-Aramäisch die Gesetzeslitteratur beherrscht, nicht bloß Eingang in die Liturgie findet, sondern mehr und mehr den Charakter einer National- und heiligen Sprache, wenn auch zweiten Ranges, einnimmt. So wurden die Zerstörungen des politischen Gemeinwesens der Juden zweimal die Grundlagen für die Niederwerfung des Hebräischen als nationaler und Volkssprache. Die Blüte des Hebräischen fällt mit dem politischen Aufschwung der israelitischen Stämme nahezu zusammen. Die Könige, unter denen die größte politische Machtfülle erreicht war, galten der späteren UeberlNferung ohne weiteres als die Träger zugleich der grossen stammestümlichen Dichtung und der nationalen Weisheit. In den Kämpfen um die Existenz des Staates und des Volkes wurden jene welterschütternden Reden der Propheten gehalten, die die höchste Blüte der nationalen Litteratur und die klassischste Form der vollklingenden Sprache aufweisen. Mit dem politischen Niedergange nahm die klassische Größe der Litteratur ab, und die Sprache büßte ihre Reinheit und lapidare Schönheit ein. Den völligen Untergang des Staates überlebt die Sprache wie das Volk, heimatlos und wurzellos, aber voll der inneren Kraft, die Volk und Sprache Luftwurzeln treiben läßt, mit denen sie sich an jedes Stückchen Boden, das man sie erreichen läßt, äußerlich anklammern und neue Zweige treiben, bis man die Wurzeln gewaltsam losreißt und zerschneidet. Volk und Volkssprache verkümmern in dieser Wurzellosigkeit, aber sie sterben nicht ab, und sie streben durch zwei Jahrtausende dem mütterlichen Boden entgegen, aus dem sie gerissen sind und in dem allein sie hoffen, ihre alte Jugendkraft wieder zu gewinnen. (Fortsetzung folgt.) Gm Falscher stiickche« des »Ke Maiin". Wien, 6. September 1910. Das „große" Pariser Blatt „Le Matin" veröffentlicht in einer seiner letzten hier eingetroffenen Nummern einen schöngefärbten Reklame-Artikel für Rumänien. Das Blatt skizziert zunächst die Geschichte des Landes bis zur Thronbesteigung des Königs C a r o l und beschäftigt sich hierauf mit der wirtschaftlichen Entwicklung des Landes, die es als „großartig" bezeichnet, mit der Landwirtschaft, den Petroleumreichtümern und dem Handel Rumäniens. Der Artikel schließt wörtlich wie folgt: „Die friedliche Politik Rumäniens, die steigende Blüte seiner Industrie, die ausgezeichnete Leitung seiner Finanzverwaltung, seine unwandelbare Treue in der Einhaltung der eingegangenen Verpflichtungen, alles dies stellt für uns und für alle übrigen Völker Europas Bürgschaften der Achtung und des Vertrauens diesen Lateinern gegenüber dar, denen es gelungen ist, am anderen Ende Europas eine so gut organisierte und so achtungswerte Macht darzustellen" . . . Man glaubt wirklich seinen Augen nicht zu trauen, blättert um, und sieht das fast Unglaubliche, nämlich: es ist wirklich der „Matin" — dieses „große französische Weltblatt", das sich nicht scheut, ein gut bezahltes Inserat an zweiter leitender Stelle znm Abdrucke zu bringen! Denn als nichts anderes kann man diesen rosigen Nebel von Reklame und Schönfärberei ansehen, der das wahre Bild dieses korrupten Bojarenstaates an der unteren Donau verhüllt. Die wohlwollende Behandlung Rumäniens seitens der ausländischen Presse ist zwar kein Novum; man ist leider daran gewöhnt, daß sowohl die ausländische

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