Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 27 (1910)
- Issue
- 36 (9.9.1910)
- Date
- 1910-09-09
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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Sir. 36 Dr. Blochs Wochenschrift. Seite 595 und erkennen noch heute die Nationen ihre Eigenart. Richard Böckh, der zuerst die statistische Bedeutung der Volkssprache als Kennzeichen der Nationalität wissenschaftlich behandelte, meint, „daß die Sprache das unverkennbare Band ist, welches alle Glieder einer Nation zu einer geistigen Gemeinschaft verknüpft". Die Gemeinsamkeit der Sprache hat oft viel stärker als die gemeinsame Abstammung bei der Neubildung und Umschaffung von Nationen gewirkt. Oft genug ist der begreifliche Irrtum aufgetreten und hat noch immer Anhänger genug, allen Tatsachen zuwider in gleicher Sprache das deutliche Zeichen gleicher Nationalität zu erblicken. Der Deutsche sucht sein Vaterland, „so weit die deutsche .Zunge klingt und Gott im Himmel Lieder singt". Bei der außerordentlichen großen Verschiedenheit der deutschen Mundarten, die sich untereinander nur mittels der Schriftsprache verständigen können, möchte der Alldeutsche alle mit ober- oder niederdeutschen Dialekten nahe verwandte Sprachen redenden Nachbarstämme in seine Nation aufgehen lassen. Von wenig Folgerichtigkeit, aber von großem stammestümlichen Egoismus zeugt die Forderung, die Vlamen als niederdeutsche Stammesangehörige, als Deutsche anzusprechen im Munde derselben Männer, die gleichzeitig die Stammes- und Sprachverschiedenheit von Wallonen und Franzosen nicht scharf genug hervorheben können. Aber diese Denkweise zeigt, daß der Nationalismus auch heute sich seiner am schärfsten in der Sprache bewußt wird. Die Völker haben von jeher sich selbst als „die Menschen" angesehen, und die alten Aegypter haben, wie noch heute viele ursprünglichere Völkerschaften sich selbst, „die Menschen" (Pi Romö) genannt. Viel häufiger ist es noch, daß die Völker sich und andere Stämme nach dem Sprechen und Verstehen benannt haben. So benennen sich die Deutschen selbst nach ihrer Volkssprache, die sie als die verständliche, die deutliche, empfanden, und der Name der Deutschen bedeutet nichts anderes als die Verständlichen, die Deutlichen. Ganz im Gegensatz dazu, aber genau in derselben Denklinie werden diese selben Deutschen von ihren östlichen Nachbaren, Niemzi, die „Stummen", genannt, die nicht mit den Slaven, den „Redenden" (Slovo — Wort), sprechen können. Die alten Griechen bezeichneten alle Ausländer entsprechend als die Undeutlichen,» die Barbaroi. Die Juden haben sich selbst in anderer Weise genannt. Bei ihnen war das Stammesgefühl, das Bewußtsein gemeinsamer Abstammung zu allen Zeiten, auch den allerältesten, so stark, daß sie sich als die Söhne und Nachkommen ihrer Stammväter bezeichneten. Aber während sie sich selber als die Kinder Israels, als Söhne des Bundes, d. h. der gemeinsamen Nation!, begriffen, bezeichneten sie sich den Ausländern gegenüber mit dem Namen, den sie von den gleichsprachigen Stämmen nach ihrer Lebensweise bekommen hätten. Wenn der Israelit zum Ausländer spricht, nennt er sich nicht Ben-Israel, sondern 'Ibri. Das ist auch ein Wort seiner eigenen Sprache, es ist nicht ägyptisch und nicht etwa griechisch oder hetitisch, sondern ein heimisches Wort. Die lässigen kanaanäischen Stämme nannten so die Hirtenstämme im Osten, die gleicher Zunge wie sie selbst waren, sich aber in ihrer Lebensweise als Beduinen von ihnen unterschieden. Sie waren bereits Bauern und Städter, während die gleichsprachigen Kinder Israels, ebenso sehr die Söhne Iosefs, wie die Nachkommen Iehudahs, hinter ihren Herden auf weiten Weideplätzen herumzogen. 'Ibri (Hebräer) ist der Herumziehende, der Beduine. In der in seinem fünften Regierungsjahre gesetzten Siegesinschrift über seine kanaanäischen Gegner, in der Pharao Merneptah auch den Israelstamm als „verwüstet ohne Feldfrucht" erwähnt. setzt er als Oberbegriff für die Besiegten an der Stelle, wo man „alle Hebräer" erwarten dürfte: ,/Ieder, der umherschweifte', ist durch den König Merneptah gezüchtigt worden". Das Wort C h a b i r i der Tell-el- Amarna - Briefe ist nur die richtig umgelautete Keilschriftform für 'Ibrü Dem Israeliten blieb es bewußt, daß er beduinischer Abstammung war, wenn er im Besitze des gewonnenen Landes vor seinem Priester bekannte: „Ein Aramäer, der umherschweifte, war mein Ahn und er zog nach Aegypten hinab" (Deut. 26, 5.). Daß der Vorfahr ein Aramäer gewesen sein.soll, kein Hebräer, hat unsern gelehrten Geschlechtern ein Rätsel aufgegeben. Sie bezogen es auf den Schwiegervater Iakobs, auf Laban. Fraglich ist es jedenfalls, ob mit diesem Satze die sprachliche Zugehörigkeit der Kinder Israels zu den Aramäern ausgesprochen werden soll. Die hebräische Sprache, die den Stempel ihrer Entstehung in ihrer jetzigen Gestalt im Lande Kanaan an der Stirn trägt, heißt im hebräischen Urtexte der Bibel die Sprache Kanaans. Sie ist die Sprache dieses Landes und wurde ebenso von den Kindern Israels und Iehudahs. wie von Phöniziern, Moabitern und Ammonitern gesprochen. Erst im Weisheitsbuch Iesus Sirachs findet sich der Name hebräisch zur Bezeichnung der Sprache, also zu einer Zeit, wo die hohe Blüte der hebräischen Dichtung und ihre höchste Kulturentfaltung bereits vorüber war. Wo in den heiligen Schriften unserer Väter die Sprache jehudit, (jüdisch) genannt wird, dort geschieht es im bewußten Gegensatz gegen andere Mundarten, teils gegen entstehende Mischdialekte, teils gegen das Aramäische, das die damalige Diplomatensprache des vorderen Orients war. Aber das Hebräische war ausschließlich die historische Sprache der israelitisch^jüdischen Kultur noch lange über das babylonische Eril hinaus. Die „Zunge Kanaans" war sogar später Ausschließlich zur Sprache Israels geworden, da die anderen gleichsprachigen Stämme, deren Dialekte wenig von ihr und von einander verschieden waren, jedenfalls kaum mehr als die der israelitischen Stämme untereinander, die den charakteristischen Unterschied ihrer Mundarten sehr wohl kannten, (vgl. die bekannte Geschichte von Schiboleth und Sziboleth) allmählich verschwunden waren. Die letzten waren die Karthager, deren Nachkommen an der nordafrikanischen Küste noch nach vielen Jahrhunderten kanaanäisch (-/.avocva-cos) sprachen. Schließlich blieben nur noch die Iuden übrig, mit denen sich die Reste Israels zu einer Nation vereinigt hatten. Sie wurden die eigentlichen Hebräer, wie sie ursprünglich wohl allein diesen Namen getragen hatten, und erhielten in ihrer Natioiialliterarur, die von ihnen als heilige Schrift aufbewahrt wurde, die alte hebräische Stammessprache, selbst dann in allen Zeiten, als bereits das Hebräische als lebendige Volkssprache unter ihnen geschwunden war. Die Litteratursprache während der Zeit, die dem babylonischen Exil folgt, blieb das Hebräische. Aber nur im Süden, im eigentlichen Iudäa, wußte sich die alte Stammessprache auch als Mundart des Volkes zu erhalten. Hier blieb sie lebendig und selbständig, wenn sie auch leichte Aramäismen aufnahm, wie sie während des Aufenthaltes Israels in Aegypten ägyptische Fremdwörter ausgenommen hatte. Dagegen drang von Norden her das Aramäische vor, das bei den im Zweistromlande zurückgebliebenen Iuden sehr bald an die Stelle des verwandten Hebräischen trat. Der innige Zusammenhang, der zwischen den Iuden des Ostens und den Iuden im alten Stammeslande bestand, trug noch mehr dazu bei, daß das Aramäische auch hier siegreich vordrang, obwohl man im Hebräischen ausschließlich die