Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 27 (1910)
- Issue
- 36 (9.9.1910)
- Date
- 1910-09-09
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 594 Dr. Blochs Wochenschrift. Nr. 36 selbst, rvie Heine meinte, ein Unglück. Judentum ist eine Tradition, eine sehr glorreiche, die Tradition der hartnäckigen Dulder und Helden, die allein in Europa während tausend dunkler Jahre sich geweigert haben, an den furchtbaren Unsinn zu glauben, welcher heute bei keinem gebildeten Menschen Glauben findet. Also eine Tradition des Freisinns, des Abscheus gegen Vielgötterei und Götzerei, des gesunden Verstandes gegen alberne Fabeleien und stupide Riten. Warum hat das Judentum selbst, schon im 19." Jahrhundert, nicht die Last seines eigenen, dreistdummen Ritualismus von seinen Schultern abgeworfen, um ein rein menschlicher, sittlicher und fortschrittsliebender Glaube zu werden? Da ich aber die Hoffnung nicht aufgegeben habe, daß dies geschehen wird, da ich mich von ganzem Herzen trotz Ben-Koheieth und Genossen berechtigt fühle, mich als guten Juden anzugeben und als Jude zu handeln, lasse ich mich durch Schimpf und Verleumdung von meiner Pflicht nicht abschrecken. Ich arbeite für die innere Emanzipation des Judentums, für seine Befreiung gegen Unduldsamkeit, Unwissenheit und Betrug. Die ärgsten Feinde des Judentums sind nicht die Antisemiten, die — wenigstens in Frankreich — das Judentum aufrecht gehalten haben, sondern die Fanatiker, die Chassidim, die Wunderrabbiner, die Halukisten, die Verfechter des Hebräischen als Umgangssprache, und wie alle diese Leute heißen. Voltaires Parole: „Ecrasons l’infäme“ gilt gegen alles, was dem gesunden Menschenverstand entgegen wirkt. Hochachtend und ergebenst Salomon Bei nach. 2n Nr. 34 vom 2. September b. I. bringt |bas .»Frankfurter Familienblatt" über diesen Brief nächstestehende Enurlziation von dem Schriftsteller Herrn M. A. Klausner, dem Geschäftsführer der Deutschen Konferenzgemeinschaft der Alliance Israelite Universelle: Herr Ben Koheleth hat in seinem Artikel „Salomon Reinach, ein Typus" den genannten gelehrten Herrn nicht eben sänftäglich angefaßt. Er bezeichnet ihn als den Typus jenes Juden, wie er aus der Folterkammer des Ghetto „zerstümmelt und verzerrt" hervorgegangen ist, der derart entformt war, daß er „fast verabscheuungswürdig“ geworden. Er sieht in ihm den Ghettojuden in seiner häßlichsten Erscheinung“. Das sind keine Schmeicheleien, auch dann nicht, wenn aus dem Artikel des Herrn Ben Koheleth im übrigen ganz deutlich hervorgeht, daß hier nicht etwa die Absicht einer Kränkung vorliegt, sondern nur der Ausdruck aufrichtiger Abneigung gegen eine bestimmte Richtung in der Auffassung vom Judentum. Es ist daher begreiflich, daß Herr Salomon Reinach nicht gerade mit Schmeicheleien antwortet. Man muß ihm sogar zugute halten, daß er, als der Angegriffene, die Grenzen nicht innehält, die Herr Ben Koheleth respektiert hat. Das ist Sache des Temperaments, wohl auch Sache des Landesbrauchs. Man dürfte zur Entschuldigung des Herrn Salomon Reinach anführen, daß die Höflichkeit Frankreich längst verlassen hat und in ihrem Vaterlande zur Mythe geworden ist. Für Mythen aber hat Herr Salomon Reinach nichts übrig. Was ist denn der ganze Streit zwischen Reinach und Ben Koheleth? Reinach ist ein grundgelehrter Herr und auf den Gebieten seiner Wissenschaft von anerkanntem Verdienst. Das bestreitet auch Ben Koheleth nicht. Er gibt nur dem Mißempfinden darüber Ausdruck, daß der grundgelehrte Herr das Gewicht seiner Gelehrsamkeit in die Wagschale wirft, um Meinungen zu unterstützen, für deren Beurteilung Herr Salomon Reinach ganz gewiß keine größere Zuständigkeit besitzt, als irgend ein anderer Laie auch. Herr Salomon Reinach weiß von jüdischen Dingen in der Tat erstaunlich wenig, doch Unwissenheit ist ein angeborenes Menschenrecht. Es geht nicht an, Herrn Salomon Reinach aus seiner Unkenntnis auf diesem Gebiet einen Vorwurf zu machen, denn Herr Salomon Reinach verhehlt seine Unkenntnis nicht. Er sagt jedem, der es hören will, daß er vom Judentum nichts weiß; er affichiert das in seinem ausgezeichneten Buch „Orpheus“ mit vorbildlicher Deutlichkeit. In jüdischen Dingen also ist Herr Salomon Reinach Laie, blutiger Laie. Er ist außerdem Freidenker. Was aus der Mischung von blutigem Laientum und Freidenkertum wird, das wissen wir Juden in allen Landen, nicht zum wenigsten in Deutschland. Um etwas zu leugnen, braucht man gar keinen Verstand zu haben; um ein Freidenker zu sein, braucht man in aller Welt nichts zu wissen. Um so grösser ist die Freude der freidenkerischen Masse, wenn sich zu ihnen ein Gelehrter gesellt oder jemand, den sie auf Grund eines Titels für gelehrt zu halten die Berechtigung haben. Die wirkliche oder vorausgesetzte Gelehrsamkeit dieses Einen schmückt nun in ihren Augen das ganze Freidenkertum, gibt ihm Berechtigung und Halt und umkleidet eie selbst mit einer wissenschaftlichen Aureole, die auch hur im bescheidensten Maß aus eigenen Kräften zu erwerben sie verzagen müßten. Das ist nicht die Schuld der Reinach und Genossen, das ist vielmehr die Schuld der großen Mehrheit, die das ohne Widerstreben geschehen läßt. Das Freidenkertum hat seine Fanatiker zu allen Zeiten gehabt, wie jeder Glaube. Denn .auch das Freidenkertum ist ein Glaube und hat seine Orthodoxie. Es gibt Fanatiker des Unglaubens, wie es Fanatiker des Aberglaubens gibt, und es wird schwer zu unterscheiden sein, welche von den beiden Kategorien gefährlicher ist. Selbstverständlich sind die Neophyten des Unglaubens die unduldsamsten. Nur der alte Freidenker ist tolerant, genau so wie der alte Orthodoxe. Wem seine Weltanschauung in Fleisch und Blut übergegangen ist, der ist duldsam gegen die Bekenner anderer Anschauungen. Nur wer selbst innerlich noch kämpft, bedarf der Unduldsamkeit zu seiner eigenen Stärkung. Ich halte das äußerste Freidenkertum für berechtigt, sogar innerhalb des Judentums. Nur meine ich, daß die sogenannten Freidenker von selbst darauf verzichten, sollten, innerhalb des Judentums über jüdische Dinge entscheiden zu wollen. Es scheint mir eine Forderung der Schicklichkeit zu sein, daß man da nicht mehr mitspricht, wo man sich selbst ausgeschaltet hat. Doch ich muß wohl im Irrtum hierüber sein; denn ich sehe fast überall, daß die Freidenker in jüdischen Dingen die Führung für sich in Anspruch nehmen und daß die Nichtfreidenker ihnen diese Führung erst übertragen und dann in Händen lassen. Die Schuld ist also nicht überwiegend auf Seiten der Freidenker — ganz im Gegenteil! Herr Reinach steht als Vizepräsident des Zentral-Komitfees in der Leitung der Alliance Israelite Universelle in vorderster Reihe. Hat er sich vielleicht aufgedrängt? Hat er sich dorthin gestellt? Nein, er hat nicht das eine, er hat nicht das andere getan, sondern die haben ihn berufen und festgehalten, die gar nicht seine Anschauungen teilen. Wenn das „Israelitische Familienblatt“ der Meinung ist, es könne durch seine Artikel eine Aenderung herbeiführen, so verkennt es die Macht der Trägheit bei den eigenen Gesinnungsgenossen. Sollte eine Aenderung erzielt werden,' so müßte erst ein Sturm die Gemüter packen, so müßte eine aufrichtige Entrüstung erst wirklich lebendig werden. Die Alliance Israelite Universelle hat demokratische Satzungen. Nach diesen Satzungen wird die Leitung durch allgemeine Wahlen bestimmt. Von drei zu drei Jahren soll ein Drittel der Leitung neu gewählt werden, kein Präsident soll über drei Jahre an der Spitze stehen. Seit dem Jahre 1905 haben keine Wahlen stattgefunden. Die durch das Los zum Ausscheiden bestimmten Mitglieder sind im Zentral-Komitee geblieben, obgleich sie darin kein Recht mehr haben — Herr Reinach selbst gehört dazu —, und seit undenklichen Zeiten hat eine Aenderung im Präsidium, wie die Satzungen sie vorschreiben, nicht stattgefunden. 40,000 Mitglieder der Alliance sehen das — und erheben keinen Einspruch, zahlen nach wie vor ihre Mitgliedsbeiträge und überlassen die VennögensVerwaltung einer Behörde, deren ganzes Recht auf ihrer Anmaßung beruht.“ Da bei der wissenschaftlichen Bedeutung Salomon R e i u a ch's und der Stellung des Schriftstellers Klausner, beide Enunziationen vermutlich noch viel Staub aufwirbt ln dürsten, schien es uns entsprechend, sie wörtlich zur Kenntnis unserer Leser zu bringen. Me Sprache« der Juden. Von Dr. Heinrich Loewe, königl. Biblioth. in Berlin. (Nachdruck verboten.) I. DieSprachederHeimat. In der Sprache wird sich der menschliche Geist seiner selbst bewußt. Sie ist nicht bloß das Verständigungsmittel der Menschen untereinander, sondern vor allem mit sich selbst. Erst mit der Ausbildung und Verfeinerung der Sprache ist die gedankliche Verfeinerung möglich. Das Rätsel der Entstehung der Sprache und der Sprachen hat daher von jeher die menschlichen Denker beschäftigt, die dem Ursprünge des Seelenlebens ihr Augenmerk zuwandten. Nicht minder jedoch waren sich die Völker zu allen Zeiten des Wertes der Sprache bewußt und haben ihre ganze Seele in ihrer Sprache zum Ausdruck gebracht. 2n dieser erkannten