Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 27 (1910)
- Issue
- 35 (2.9.1910)
- Date
- 1910-09-02
- Page
- – (sequence 13)
- Language
- German
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Nr. 36 Dr. Blochs Wochenschrift. Seite 589 diese „Äontratalmubifiett" kämpften, sich abspiegeln. Schon die erste Supplik an den Fürst-Primas Lubienski tragt folgende Unterschrift: „Euer Hochwürden gehorsamste Söhne in Christo Iehuda Ben Rosen Kris aus Nadwvrna, Salomon Ben Elias (Schorr) aus Rohatin für alle anderen." Als Einleitung zur Disputation überreichten die zwei.oben genannten Bittsteller sieben Thesen, über die diskutiert werden sollte: I. Die Prophezeiungen Mer Seher über den Messias find schon in Erfüllung gegangen. II. Messias war der wahre Gott mit dem Namen Adonaj, der nahm auf sich einen menschlichen Körper und litt dementsprechend zum Loskauf der Menschheit und ihrer Erlösung. III. Seit dem kommen des wahren Messias haben die Opfer und Zeremonien aufgehört. IV. Das Kreuz ist der Ausdruck der Dreieinigkeit und der Siegel des Heilands, V. Jeder Mensch soll der Lehre des Messias gehorchen, denn in ihr ist die Erlösung. VI. Den Glauben an den König Messias kann man nur durch die Taufe erlangen. VII. Der Talmud lehrt, daß Christenblut notwendig sei, und wer an den Talmud glaubt, muh es benötigen.^) * * * Ein dunkles Stück Mittelalter lagerte im .Jahre 1759 über Lemberg, ein Disput wurde hier. anberaumt in der Zeit, in welcher in Frankreich Voltaire feine preisgekrönte Arbeit schrieb und die Encyklopädisten die geistigen Vorarbeiten zur französischen Revolution trafen. Die Kathedrale war mit einem Militärkordon geschlossen und nur gegen Billeis war der Eintritt gestattet. Einen „geschlagenen Sechser" kostete das Entree. — In der Kirche sah auf dem Throne der Administrator der Lemberger Archidiözese Mikulski, neben ihm 'die hohe Geistlichkeit und die Vertreter aller Orden und Klöster, die Spitzen der Behörden und der Adel aus der Umgebung. Im Schiff war das Volk Kopf an Kopf gedrängt, guf einem Podium vor dem Sitz des Administrators die kämpfenden Parteien. Die Juden waren stark vertreten, die Frankisten erschienen in geringerer Zahl (13). Am 17. Juli 1759 um 2 Uhr nachmittags leitete der Pater Mikulski die große Disputation mit einer Predigt über den .Psalm 51 V. 13 b: „Und nimm deinen heiligen Geist nicht von m i r" o) ein, nachher wurde die erste These der Frankisten samt ihrer Begründung gelesen. Da die Juden unvorbereitet waren, vertagte Mikulski die Dispute auf den 20. Juli und an dem Tage las der Rabbiner von Bohorodczany die Antithese der Juden, die er mit folgenden Worten einleitete: „S i q n i d e m nobis bene perspectum est, quod digna dignis correspondere|debeant, idcirco nostra responsaindigna vestris judicamus auribus, Illustrissiini, Reverendissimi ac Magnifici Domini! Nachher begann er polnisch die Antwort herunter zu lesen. Es ist hier nicht der Ort, das ganze Protokoll wiederzugeben, ich belasse das für eine günstigere Zeit und einen anderen Ort. Hier fei nur bemerkt, daß 12 Sitzungen stattfanden5 6 7) und daß die Verhandlungen oft sehr uninteressant waren und auf rein theologischem Gebiete sich bewegten. Auch genossen die Juden keine besondere Achtung und wurden oft heruntergekanzelt. 5) Die 7 Thesen bei Pikulski S. 167—168. Polemik über Pinkt 7. „Oesterreichische Wochenschrift" 1889 Nr. 42, 43, wie auch 3 Flugschriften von Rabbiner Dr. Caro und Archivar Doktor Czolowski. Lemberg 1899. 6) Im Protokoll: Psalm 50 V. 12 (Numerierung der Vulgata^. 7) Graetz weiß von drei Sitzungen. 16., 33. und 30. Julr. (l. c. S. 51.) Schon während des II. Disputes kam es zu einer Aufregung. Als der Rabbiner von Bohorodczany sich an der Debatte über Moses ausgedrückt: „daß er seine Jahre verloren habe", schimpfte ihn der Bischof auf folgende Art herunter: „Du Lump! Moses wirst du in Anwesenheit einer solchen Versammlung beschimpfen, meinen Moses "und den Patriarch des ganzen Israel, was hat denn Moses getan, daß er seine Jahre verlieren sollte? Wie sollst du nicht den wahren Messias verketzern, wenn du über Moses dich so ausdrückst?" Der Rabbi mußte sofort seinen Platz verlassen und an seine Stelle trat der Rabbiner aus Stanislau. Das geistige Niveau der Disputation war sehr niedrig, als Beispiel diene folgender Eingriff des Jefuiten-Paters Slabniewicz: „Entweder ist es wahr, daß die Messiaszeit schon begonnen, oder es ist unwahr. Wenn es wahr ist, so ist der Heiland schon gekommen, wenn es unwahr ist, so ist der Talmud, der von den Messiasjahren berichtet, falsch!" Die Juden waren gezwungen, auf manche Fragen gar nicht zu antworten, indem sie die christliche Religion nicht verletzen wollten. In jener Zeit konnte das alle Teilnehmer das Leben kosten, somit zogen die Rabbiner vor, von den Kontratalmudisten scheinbar besiegt zu werden, anstatt auf dem Scheiterhaufen das Leben zu verlieren. Der interessanteste Punkt war die Blutbefchuld i g u n g, die am 6. August zur Verhandlung kam. Wir wollen hier die wörtliche Uebersetzung des Protokolls zitieren, um eine Illustration der Kampfart der Frankisten zu liefern: in eine Analyse des Tertes gehen wir nicht ein. _ (Fortsetzung folgt.) {ittntnr. Ursprung des Familiennamens „Wahl". Zu den Bemerkungen des Herrn F. H. Wettstein schreibt uns Herr Dr. Majer Balaban: Die Ausführungen des Herrn W e t t st e i n in Nr. 34 vom 26. August 1910 nehmen mich Wunder. Herr Wettstein schreibt, „ich* hätte weit und breit den Zunamen „Wahl* behandelt und doch habe ich in Wirklichkeit dem Gegenstände drei Zeilen (Nr. 30, Seite 510) gewidmet. Ich kenne den Artikel des Herrn Weitstem in nb»n VI. S. 478 und habe ihn sogar im dritten Heft meiner „Literaturübersicht der Geschichte der Juden inPolen* (1908) angeführt; nur aus Vergeßlichkeit habe ich diese Erklärung weggelassen, da ich sonst der Namensdeutung nicht viel Aufmerksamkeit schenkte. Ich erlaube mir hier den einzigen Satz aus meiner Arbeit durch die Erklärung des Herrn Wettstein zu ergänzen und überlasse es dem Leser, zu beurteilen, ob der Schluß geändert fein wird. Der Satz wird also lauten: (Nr. 30 S. 511 Vers 19—22) „Der Name seines Sohnes Wahl der so gut vom polnischen Wöi (Ochs) wie von einem beliebigen Thema (z. B. nach Wettstein von Wal — Italiener) stammen kann, wurde auf den Vater ausgedehnt und auf diese Art die Legende begründet. Wahl stammt von wählen, Saul wird also der gewählte polnische König.* —Hier muß ich bei meiner Behauptung, daß Saul beim Leben nicht Wahl genannt wurde, kategorisch beharren. Nicht ich habe geirrt, sondern den Fehler macht Herr Wettstein, der mir kurzweg den Irrtum vorwirst. Ich habe genügend bewiesen, daß in den Staatsakten Saul mit dem Namen des Vaters „Judyer" genannt wurde, die einzige hebräische zeitgenössische Quelle, d. i. die G e.d e n k t a f e l in der Synagoge in Brzesc Litewski, kennt ihn als „Herrn Saul, Sohn des gelehrten Samuel Juda aus Padua", wo bleibt also der Name Wahl, woher nimmt ihn Herr Wettstein? Seine Behauptung, „wenn Saul nicht am Leben diesen Zunamen erhalten und geführt hätte, so möchten nicht seine Kinder die geborenen Polen, den Namen Wal tragen" ist eine Kalkulation, die doch den angeführten Quellen nicht Stand halten kann. Hätte Saul den Namen ge-