Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 27 (1910)
- Issue
- 35 (2.9.1910)
- Date
- 1910-09-02
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
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Seite 886 Dr. Blochs Wochenschrift. Nr, 8§„. ansässig sind, sah ich selbst aus alten Grabsteinen aus dem elften und zwölften Jahrhundert. In manchen Oasen bewohnen sie ganze Dörfer. So z. B. fand ich sogar in der die Stadt Tripolis umgebenden ungeheuren Oase, mitten im Palmendickicht verborgen und einige Kilometer von der Stadt entfernt, das Dorf Amruß mit über tausend Einwohnern, die fast durchwegs Juden sind. Sie haben ihre eigenen Synagogen, Mabbiner,. Talmudschulen und beobachten ihre alten religiösen Sitten und Gebräuche unverfälscht bis auf den heutigen Tag. Ja, sie halten eifersüchtig -jeden fremden Einfluß fern, wollen von Europa, von Reisen, von modernen Sprachen und Schulen nichts wissen und vegetieren lieber in Schmutz, Aberglauben und Elend weiter. Auch in der Hara, dem großen Judenviertel von Tripolis, sind die Verhältnisse nicht viel besser. Nur ein kleiner Teil der dortigen Juden hat sich emanzipiert und ist dadurch zu großem Wohlstand und Einfluß gelangt. Handel, Industrie und Gewerbe liegen in Tripolis ganz in ihren Händen, sogar der Karawanenverkehr nach dem Sudan wird fast ausschließlich von jüdischen Häusern geleitet. Von der Verachtung, welche die Marokkaner und Algerier den Juden zeigen, ist in Tripolis nichts zu bemerken. Sie werden hier sogar zu Beamtenposten zugelassen, sind Konsul« und Dragomanen, ja selbst der mächtige Generalsekretär des Wali ist ein Jude. Während sie in Marokko in ummauerten Ghettos zusammengepfercht wohnen, ist diese Absperrung hier längst gefallen, und in der Umgebung des einzigen hervorragenden Denkmals aus der Römerzeit, einem herrlichen, skulpturenbedeckten Triumphbogen, stehen mitten in der Stadt friedlich türkische Moscheen, eine schöne, neue katholische Kirche, ein protestantisches Bethaus und eine Synagoge nahe beieinander^" Vermischtes. Erich Korngold vor Erzherzog Eugen. Bei einem Besuche im Hotel „Oesterr. Hof" in Salzburg äußerte Erzherzog Eugen, der zu den Salzburger Festtagen und zur Mozartfeier nach Salzburg kam, den Wunsch, den mit seinem Vater (Julius Korugold, Musikkritiker der „Neuen Freien Presse") dort wohnenden kleinen Erich Wolfgang Korngold einige seiner Kompositionen vortragen zu hören. Es kam so zu einem durchaus improvisierten kleinen Konzert von reizvoll zwanglosem Charakter, zu deffen pikanten Episoden eine Uebersiedlung aus dem Musikzimmer des Hotels in das im dritten Stock gelegene Appartement, das Prof. Leschetitzky gehörte und zufällig einen konzertbereiten Rosendorfer Flügel enthielt. Der Erzherzog ließ sich zwei Sätze aus des kleinen Korngold letztem Werke, einem Klaviertrio, dann eine Reihe von Szenen aus der Pantomime „Der Schneemann" Vorspielen, die zwei Jahre, in das elfte Jahr des Komponisten, zurückreicht und im Oktober im Wiener Hofoperntheater in Szene gehen wird. Erzherzog Eugen bezeichnete das Gehörte wiederholt als fabelhaft und drückte in den wärmsten Worten seine Freude aus. Dem Vortrage wohnten mit Erlaubnis des Erzherzog auch die im Hotel wohnenden französischen Gäste des Musikfestes bei, darunter Paul Dukas, der Komponist des „Zauberlehrling" und der Oper »Ariane et Barbe Bleue. Dukas erklärte, die melodische imd rhythmische Originalität sei staunenswert,. er sei schon heute als Musiker fertig zu nennen. — Erich Wolfgang Korngold, deffen Pantomime „Der Schneemann" in allen musikalischen Kreisen der österreichischen Residenz vor einigen Monaten das größte Aufsehen erregte, steht gegenwärtig im 14. Lebensjahre. Im Frühling feierte er seine „Bar-Mizwah" und wurde zur Thora gerufen, worauf er die Haftarah mit großem Verständnis vortrüg. Es wäre zu wünschen und steht auch zu erwarten, daß dieser musikalische Wunderknabe dem Judentum erhalten bleibe — auch in seinem Mannesalter. Dr. Arnold Weisse. Plötzlich, fast schmerzlos verschied am 24. v. M. in Wien dieser geistvolle Schriftsteller und wurde am 29., einen Tag nach seinem 68. Geburtstage, auf dem israelitischen Friedhofe zu Waagneustadtl, auf dem sein großer Vater Oberrabbiner Josef Weiffe und sein gelehrter Großvater R. Jsak Weiffe ruhen, zu Grabe getragen. Arnold Weiffe, geboren den 28. August 1642 zu Prerau in Mähren, erhielt von seinem hochgelehrten Vater und seiner feinsinnigen. Mutter . Frau Charlotte Weiffe geb. Donat eine mustergiltige Erziehung, trieb gründliche hebräische Studien, wandte sich in Wien zur Medizin, nachdem er am Nikolsburger Gymnasium mit Auszeichnung maturiert hatte und wurde später einer der . bedeutendsten neueren deutschen Schriftsteller. Seine Gedichte, Aufsätze und Novellen im „Hamburger Fremden-n blatt", deffen Redakteur er/ durch fast ein Vierteljahrhundert war,/ wurden besonders gerne gelesen, als Theaterkritiker genoß er -in-der, Theaterstadt Hamburg einen besonderen Ruf. Unter den Bühnengrößen, die ihn wegen seiner Unbestechlichkeit und Objektivität ungeüiein verehrten, war der verewigte v. Sonnenthal mit ihm besonders befreundet. Als die antisemitische Hochflut in Deutschland hochging, wußte Weiffe mit Hilfe guter, einflußreicher Freunde sie von Hamburg fern'-Al halten. Der famose Stöcker wollte Hamburg verseuchen und mußte vor den Toren der Hansastadt kehrt machen.' Beruflich kam er mit hohen Persönlichkeiten in Berührung, so unter anderen mit einem Bruder unserer erhabenen Kaiserin, deffen besondere Leutseligkeit er immer rühmend hervorhob. Mit Frau Charlotte Emden, Heinrich Heines Lieblingsschwester, die auf ihr Judentum viel hielt, war Arnold Weiffe sehr befreundet. Er hörte aus ihrem Munde den sehr interessanten Bericht üher den hohen kaiserlichen Besuch bei der fast hundertjährigen Matrone. Im Jahre 1832 übersiedelte Müsse, auf den sein, früherer Chef Diedrich, Besitzer des „Hamburger Fremdenblatt", große Stücke hielt, da er, Weiffe nämlich, das Blatt von einem kleinen zu einem der größten Journale gemacht hatte, nach Wien, machte Noch 1893 eine große Orientreise für das Blatt, dem er bis dahin angehört hatte und beschrieb meisterhaft diese große Reise, die sich bis Jerusalem erstreckte. Seine Festspiele „Chamischoh-osor" und „Megillas Esther" sind echt jüdische Meisterwerke — er schrieb sie zunächst für seine jüngste Schwester Auguste und deren Gatten Hans, wo sie unter seiner mustergiltigen Leitung aufgeführt wurden für die jüdische Familie, die er sehr hochhielt und deren Wiederbelebung er fördern wollte, ebenso seine jüdischen Novellen, wie „Die Sedernacht", „Ein jüdischer Student". „Ein jüdisches Mutterhttz" rc. Unvergeffen sei, daß er bei der großen russischen Judenverfolgung in den Achtzigerjahren des vorigen Jahrhunderts im „Hamburger Fremdenblatt" die Leiden der armen jüdischen Opfer, die damals Hamburg auf der Reise nach Amerika berührten, so ergreifeud poetisch schilderte, daß von Juden und Nichtjuden viele Tausende Mark beim Blatte einliefen.*) Des Verewigten Bruder, Herr Dr. Samson Weiffe, wirkt als verdienstvoller Rabbiner schon seit vielen Jahren in der großen Berliner jüdischen Gemeinde und aus der Ferne eilte er herbei, seinem ältesten und einzigen Bruder Arnold die letzte Ehre zu erweisen. Des Verewigten Andenken sei gesegnet, der greisen Rabbinerin-Mütter und den tieftrauernden Geschwistern werde himmlischer Trost zuteil! Die letzte Ehre wurde der entseelten Hülle Dr. A. Weiffes in Vagujhely, einer der größten jüdischen Gemeinden Ober-Ungarns, am 29. v. M. um 3 Uhr nachm, erwiesen. Rabbiner Dr. Samson Weiffe-Berlin hielt seinem ältesten und einzigen Bruder einen Alle-tief-ergreifenden Nachruf, kein Auge blieb tränenleer. Die Geschwister, Verwandten und' zahlreichen Freunde des Verewigten, der Waagneustadtler Kultusvorstand, der Rabbi Josef Weiffe, der israel. Frauenverein und alle sonstigen Wohltätigkeitsvereine wohnten der Bestattung einer literarischen Größe der Jetztzeit und eines würdigen Sohnes unseres Stammes und Volkes bei, deffen Andenken unter uns fortleben wird. Zu Füßen seines großen Vaters ruht sein Körper nach vieljähriger geistiger Tätigkeit nun aus. Wien. (Oberkantor Bela G u t t m ä n n.) Den zahlreichen Freunden und Verehrern des vor einigen Monaten erkrankten Herrn Oberkantors Bela Guttmann bringen wir die angenehme Meldung, daß sein Gesundheitszustand im Stadium erfreulicher Besserung sich befindet. Wien. Die Trauung des Herrn Alfred K o l l e k, herrschaftlichen Rentmeisters in Nagyvazsony, Sohn des Herrn A. K o l l e k, k. k. Professor in Wien, mit Fräulein Grete Fleischer, Tochter des Herrn Simon Fleischer in Wien, findet Sonntag den 4. September 1910, um 1 Uhr nachm., im israelttischen Tempel in Wien, XVIII., Schopenhauerstraße Nr. 39, statt. Wien. („T almud - Thora", f ü n f k l a s s i g e Volksschule für Knaben, Wien, IL, Malzgasse Nr. 16.) Die Einschreibungen für das Schuljahr 1910/11 finden am 6., 7. und 8. September von 8 bis 12 Uhr vorm, statt. Erforderliche Dokumente: Für neu eintretende Schüler der 1. Klaffe Geburts- und Impfschein, sowie Heimatschein. Für Kinder, welche noch nicht 6 Jahre alt find, muß rechtzeitig beim Bezirksschulräte, Sektion II, Karmelitergaffe 9,' um Dispens eingereicht werden. Kinder aus anderen Schulen brauchen die Schulnachricht mit der Ueberfiedlungsklausel. Am 9. September um 9 Uhr früh Eröffnungsfeier, am 11. September Beginn des Unterrichtes. Der Vorstand. Wien. Der humanitäre.Verein „Tomech Ewjonim" hat sein bisheriges eigenes Lokal in der Großen Schiffgäffe, aüfi *) Ja unserem Blatte .erschien seinerzeit ein / Abdruck dieser Dichtung.