Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 27 (1910)
- Issue
- 35 (2.9.1910)
- Date
- 1910-09-02
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
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Nr. 35 Dr. Blochs Wochenschrift. Seite 585 25 Rubel und ein Empfehlungsschreiben au einen hohen Beamten in Petersburg. Nikolei — wie er jetzt hieß — ging nach Petersburg und ließ seine alte Mutter, mit einer jungen Tochter zurück, die nachts Hüte anfertigte und damit ihre Mutter ernährte und das Schulgeldam Gymnasium bezahlte. In Petersburg bestand Nikolei glänzend seine Aufnahmeprüfung und erhielt aus Grund des Empfehlungsschreibens eine Stelle im Polizeipräsidium, wo er monatlich 30 Rubel verdiente. Davon schickte er. 15 seiner Mutter und mit den anderen 15 ernährte er sich kümmerlich. So vergingen 2 Jahre. Inzwischen starb seine Mutter. Seine Schwester hatte das Gymnasium beendet; aber in der letzten Zeit hatte Nikolei von ihr kein Lebenszeichen erhalten. Eines Tages als er im Polizeipräsidium saß und die Anmeldescheine ordnete, fand er einen Schein, auf dem er las: Rebekka Hutnik, 18 Jahre alt, aus Smolewki, eine Prostituierte. Nikolei begab sich sofort nach Hause und vergiftete sich. Er hinterließ noch folgende Zeilen: „Teuerste Schwester! Ich sterbe, sterbe auch Du! In jener Welt werden wir uns wieder treffen. Dort im Jenseits gibt es weder Juden noch Prostituierte. Nikolei." Als man am folgenden Morgen seine Leiche ins Krankenhaus brachte, übergab der Portier des Hauses, in dem Nikolei gewohnt hatte, dem Polizeibeamten zwei Briefe. Der eine war von Nikolei an seine Schwester gerichtet; den zweiten hatte seine Schwester ihm gesandt. Er enthielt folgendes: „Teurer Bruder! Gestern bin ich hier in die Universität ausgenommen worden. Ich habe das Aufenthaltsrecht erlangt, weil unsere Tante mir ein „gelbes Zeugnis" verschafft hatte. Ich wollte Dich überraschen und darum bin ich nicht sofort am Abend zu Dir gekommen. Deine Schwester Rebekka." Die Schwester erfuhr den Selbstmord ihres Bruders, wurde durch die Nachricht schwer krank, — und nachdem sie nach langer Zeit aus dem Krankenhause entlasien worden war, stürzte sie sich in die Newa. So trafen sich Bruder und"Schwester in jener Welt wieder. Das erwachte Gewiffen des Pogromhelden. Cholera und Pest dezimieren die russischen Bauern. Das große Sterben übt auf die mit Gewalt in Dummheit zurückgehaltene. Volksmenge mannigfache Wirkung aus. Prozessionen, Auflehnung gegen die entsendeten Choleraärzte sind auf der Tagesordnung. Hie und da blitzt unter den Helden der Pogrome auch ein ethischeres Gefühl auf. So war es mit einem Bauern aus Lunansk, der sich im Jahre 1905 bei den Pogromen besonders hervorgetan hat. Dieser Tage erschien er, wie M. Spektor in „Die Neue Welt" berichtet, bei einem Juden des Städtchens und erzählte weinend: „Seit dem Jahre 1905, da er an den Plünderungen der Juden teilgenommen, ist jedes Glück von ihm gewichen. Ein Schicksalsschlag nach dem anderen kam über ihn. Jetzt nun, da die Cholera ihm Frau und zwei Kinder hinweggerafft hatte, erscheinen ihm die Verstorbenen nächtlicherweise im Traume und machen ihm die bittersten Vorwürfe darüber, daß sie wegen der Sünden, die er an den Juden begangen hat, sterben mutzten. Jetzt lebe er selbst in unausgesetzter Angst vor dem Tode und er finde nicht eher Ruhe, bis er nicht wenigstens ihm, dem Juden, den er bei den Pogroms seine Nähmaschine raubte, deren Wert samt Zinsen zurückerstatle. Der Jude weigerte sich, das Geld anzunehmen. „Du bist nicht schuld darauf, sagte er dem vor Angst zitternden Bauer, „schuldig sind jene, die dich und alle klebrigen zum Plündern und Morden gedungen und gehetzt haben. . . ." Das Schicksal der Galvfftoner Emigranten. Aus Bremen wird berichtet: Vorige Woche sind die 27 jüdischen Emigranten, die durch die Jto nach Texas via Galveston befördert, durch die amerikanische Regierung jedoch zur Deportierung verurteilt wurden, in Bremen angekommen. Zum Empfange der deportierten Emigranten waren im Bremer Hafen erschienen Israel Zangwill-London, Dr. Jochelmann-Kiew und der amerikanische Vertreter dec Ito-Emigrationsdepartements, Mr. Josef Fels. Diese drei Herren setzten es sich zur Aufgabe, in authentischer, objektiver Weise die Ursache und die.gesetzliche Grundlage der Matzregel der amerikanischen Regierung festzustellen und die Mittel ausfindig zu machen, welche es ermöglichen, datz die Betroffenen wieder in ihre Heimat zurückkehren und sich dort eine Existenz gründen können. Vor allem beschloß dieses Dreier-Komitee, den Gesundheitszustand der Emigranten untersuchen und feststellen zu lassen, ob die Deportation etwa wegen konstatierter physischer Gebrechen erfolgt ist. Die herangezogenen, unparteiischen Aerzte stellten jedoch unzweifelhaft fest, daß die Emigranten trotz der Strapazen, die sie auf der Hin- und Rückreise durchzumachen hatten, vollständig gesund sind. Auch die übrigen Nachforschungen ergaben, datz die amerikanische Regierung keinen plausiblen Grund für ihre scharfe Matzregel hatte, datz ihr Vorgehen daher ungesetzlich sei. Schon früher hatte das Londoner Komitee, trotzdem konstatiert wurde, datz die Jto für die Folgen der Zurückschickung der Emigranten, die alle ihre Habe verkauft haben, nicht verantwortlich gemacht werden könne, da die Emigranten auf eigene Kosten und Gefahr ausgewandert sind, dennoch beschloffen, ihnen zu "Hilfe zu kommen und ihnen einen Teil ihrer verlorenen Spesen zu vergüten. Zu diesem Zwecke wurde Herrn Zangwill bei der Bremer Diskonto-Bank von den Brüdern Rothschild in London ein entsprechender Kredit eröffnet. Au? Grund der genauen Untersuchung hat nun das oben erwähnte, mit Vollmachten ausgestattete Dreier- Komitee beschlossen, mit Rücksicht darauf, datz die betreffenden Emigranten seit drei Monaten nichts verdienen konnten, und ihre Wirtschaften zuhause aufgegeben haben. ihnen nicht nur die Barauslagen, die sie auf der Reise hatten, sondern überdies noch eine bestimmte Summe auszufolgen, die es ihnen ermöglicht, eine Existenz zu gründen. Es wurden ihnen zusammen 5250 Rubel ausgefolgt. Die Emigranten waren mit dieser Regelung überaus zufrieden und ein Teil ist bereits nach Rußland zurückgekehrt. In nächster Zeit fährt Herr Karl Stettauer im Aufträge des Jto-Komitees nach Amerika, um an Ort und Stelle sich zu überzeugen, ob es möglich sein werde, die Emigrationstätigkeit des Jto-Komitees >w eiterzuführen. Juden in Tripolis. In einem Feuilleton „Bilder aus Tripolis" schreibt Ernst von Hesse-Wartegg in der „Vossischen Ztg.": „Unter den 80.000 Einwohnern von Tripolis sind mindestens ein Zehntel Juden. Nicht nur Abkömmlinge jener, die zu Torquemada's Zeit aus Spanien vertrieben worden sind und sich wie überall im Mittelmeere, auch hierher flüchteten, sondern auch die Nachkommen der egyptischen und römischen Juden. Im alten Oca und den anderen Römerstädten Tripolitaniens gab es blühende Judenkolonien, selbst Carthago besitzt eine solche, wie der dortige Judenfriedhof beweist, und find auch die Römer verschwunden, die Juden haben sich mit den Ureinwohnern des Landes, den Berbern, erhalten und fitzen heute nicht nur in allen Städten, sie weilen auch draußen im Gebirge unter den Berbern und sind unter den Troglodyten des Dschubel Gharian und Dschubel Nefouffa selbst Troglodyten geworden. Daß diese Höhlenbewohner dort schon lange