Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 27 (1910)
- Issue
- 35 (2.9.1910)
- Date
- 1910-09-02
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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Selte 580 Dr. Blocks Wochenschrift. Eine kleine Reminiszenz. Herr Moritz Frühling hat in der „Oesterreichischen Wochenschrift" schon öfters über jüdische tapfere und verdienstvolle Militärs Artikel geschrieben, die einmal ein vorzügliches und reiches Material für eine Geschichte und Statistik der Mischen österreichischen Soldaten liefern werden?) Die Feigheit der Juden gehört ebenso in das Gebiet der Fabel wie viele andere Untugenden, die ihnen von ihren Feinden angedichtet wurden. Die Vaterlandsliebe der Israeliten, wie die Tapferkeit der Soldaten isr. Konfession wurden wiederholt von unserem allgeliebten Monarchen anerkannt: deshalb können wir uns getrost und leicht über antisemitische Verunglimpfungen hinwegsetzen. Bei dieser Gelegenheit fällt mir eine Episode aus meiner Jugend ein. Einer meiner Mitschüler aus der Prager israelitischen Josefstädter Hauptschule hieß Siegmund Hachenburg. Sein Vater, lebte als k. k. pensionierter Oberwundarzt in Prag und bezog eine monatliche Pension von 68 Gulden. Da er eine aus Frau und fünf Kindern bestehende Familie zu ernähren hatte, war er nicht auf Rosen gebettet. Mein oben genannter Mitschüler trat dann zugleich mit meiner Wenigkeit ins Kleinseitner Staatsgymnasium ein: aber die Erlernung der lateinischen Sprache bereitete ihm große Schwierigkeiten, so daß er trotz allen Eifers keine „ordentliche" Rote erlangen konnte. Um aber von der Zahlung des Unterrichtsgeldes befreit zu werden, mutzte man ein gutes Zeugnis dem Gesuche beilegen. Wie erstaunten wir, als unser damaliger Direktor, Herr Dr. Mathias Kawka, in unserer Klasse erschien und mit dem ihm eigentümlichen Pathos meldete: „Siegmund Hachenburg wurde über besondere Verwendung des Herrn Brigadiers Freih,errn von 'Monde! ausnahmsweise vom Schulgelde befreit, weil sein Papa den genannten nachmaligen General in der Schlacht (bei Solferino)(?)* *), als derselbe schwer verwundet war, mit der größten Sorgfalt behandelte und gänzlich heilte." Diese Erklärung hörten wir noch einige Semester, bis Hachenburg, des Lateinischen überdrüssig, sich dem praktischen Leben zuwandte u. Kaufmann wurde. Sollten ihm diese Zeilen zu Gesichte kommen, dann möge er herzliche Grütze entgegenpehmen von seinem Jugendkollegen Klattau. A. Baum. Ein russischer Rabbinersohn als Erfinder. In der Pariser Akademie der Wissenschaften wurde dieser Tage über eine Erfindung des Chemikers Doktor CH. Wolk referiert. Die Erfindung „Aluminium-Ritria" ist ein neues Salzpräparat, das für die Landwirtschaft von außerordentlicher Bedeutung ist. Sowohl in der betreffenden Sitzung der Pariser Akademie, wie auch in der französischen Fachpresse wird dem jungen Gelehrten viel Lob gezollt und seiner Erfindung großer Erfolg prognostiziert. Der Erfinder stammt aus Rußland und ist der Sohn des vor kurzem verstorbenen Pinsker Rabbiners Rabbi Hirsch Wolk. Dr. Wolk ist ein ausgezeichneter Jude, der außer seinen chemischen Studien auch speziell Mische Wissenschaft treibt und als ausgezeichneter Hebraist gilt. Jüdische Dramatiker in Frankreich. Ueber den Anteil der Juden am Theaterleben Frankreichs und die Pseudonyme jüdischer Dramendichter schreibt die „Franks. Ztg.": „Die französischen Antisemiten behaupten, daß die Juden das Theater 0 Anmerkung der Redaktion. Der genannte Autor der in der „Oesterreichischen Wochenschrift" erschienenen Aufsätze beabsichtigt seit Jahren schon das kriegsarchivalische Material für ein großangelegtes Geschichtswerk „Die Juden in der Armee", welches schon demnächst erscheinen dürste, zu verwerten. *) Ich weiß nicht mehr genau, in welcher Schlacht. in Frankreich in ihrer Macht haben. Eine derartige Beschuldigung könnte man sich schließlich noch'gefallen lassen und ganz aus der Luft gegriffen ist sie tatsächlich nicht. Es ist nicht ganz leicht, die Pseudonyme, zu studieren, unter denen sich die Ritter der französischen Theaterkunst aus „Bequemlichkeit? verbergen, um zu erkennen, welchen Anteil die Juden am Theaterleben in Frankreich und speziell in Paris haben. Die Juden sind auf dem Gebiete der Theaterkunst in Frankreich stärker - vertreten als anderswo. Man findet ihre Namen unter den Dramaturgen, Librettisten, Theaterkritikern und. Rezensenten, unter Artisten und Direktoren verschiedener Theater. Zum Glück gibt es nämlich Quellen, aus denen man die eigentlichen Träger der Pseudonyme ersehen kann. So wissen wir, daß der bekannte Dramaturg Croisse eigentlich Wiener heißt, daß der Verfasser vieler wichtiger Stücke und Feuilletonist des „Temps",. Nosler, in Wirklichkeit sich Weil nennt, daß ein anderer Weil, der viele Vaudevilles und Revues geschrieben hat, sich des Pseudonyms Colus bediente, daß Alfred Athis, dessen Stück momentan mit großem Erfolge in einem Pariser Vandevilletheater gespielt wird, einer der Brüder Nathanson aus Warschau ist, die sich eine angesehene Stellung in der Pariser literarischen Welt erworben haben, daß de Fontaine kein anderer ist als Henri de Rothschild, der einzige aller Rothschilds, der nicht nur Schecks, sondern auch Dramen schreibt, und daß endlich verschiedene Lebys ihre Namen in Bely- Mel usw. umgeändert haben. Es muß zugegeben werden, daß die Zahl der jüdischen Dramaturgen in Frankreich, die mit ihrem wirklichen Namen bekannt sind, keine geringe ist; wir nennen Abraham Dreyfus, Henri Bernstein, den Verfasser des bekannten Stückes „Israel", Hektar Cremieux, Tristan Beruard u. a. Unter den Theaterkritikern' nehmen einen wichtigen Platz ein L.on Blum, Adrien Bernheim und E.nst Lajeunefse. Als Historiker der Theaterkunst ist bekannt Emil Abraham. Bei dieser Gelegenheit ist nicht uninteressant, auch einiges aus der französischen Theaterwelt zu erzählen. Vor kurzem hat in einer Stadt in Südstankreich eine sensationelle Hochzeit stattgefunden. Francis de Cioiffe, von dem oben die Rede war, hat sich verheiratet. Davon spricht jetzt ganz Frankreich. Die Braut stammt nämlich aus einer der angesehensten französisch-aristokratischen Familien und ist eine nahe Verwandte des bekannten Marquis des Save. Einer solchen Verbindung zuliebe, sagt man, hat es sich schon gelohnt, sich taufen zu lassen, und das hat Wiener denn auch getan. Ein anderer jüdischer Dramaturg. Valabreque, hat unlängst dadurch von sich zu reden gemacht, daß er das wahre Christentum lehren zu wollen vorgab. Da jedoch Valabreque bis jetzt nur lustige Vaudevilles geschrieben hat, wurde dieser Ankündigung nur geringes Interesse entgegengebracht. Deutsches Esperanto-Institut. Unter diesem Namen hat der 1907 gegründete Verband deutscher Esperantisten im Grundstück Leipzig, Bayerische Straße 15, eine Esperanto-Propaganda-Zentrale ins Leben gerufen, die die deutsche und österreichische Esperanto-Bewegung systematisch leiten und fördern soll. Außerdem ist das deutsche Esperanto-Institut angewiesen, alle im In- und Auslande erscheinenden Esperantowerke und Zeitungen zu verbreiten und an Interessenten gegen Einsendung von 20 Heller in Briefmarken, das vom V. D. E. herausgegebene Esperanto-Lehrbuch mit aufklärenden Flugschriften portofrei zu versenden. In dem Institut sollen in Zukunft auch die vom V. D. E. veranstalteten Esperanto-Lehrerprüfungen abgehalten werden. Simeon I. Solomons Kunstwerke. Die englische Regierung hat die folgenden Werke des englisch-jüdischen Malers Simeon I. Solomons für das „Victoria and Albert-Museum" erworben: Eine Federzeichnung!, „Jephtah und seiner Tochter", (1860—61), eine Studie für „Hosanna" in Daziels Bibel-Gallerie (1864), eine Illustration zu Ezekhiel, Kapitel XVI (1865). eine Illustration zu Swinburnes „Hymne an Proserpina" (1883) und eine Aquarellzeichnung eines Engels (1889). Feuerbestattungen. Einer soeben erschienenen Statistik über die Feuerbestattungen im Jahre 1909 entnehmen wir, daß von den insgesamt 4779 Verbrennungen in den 24 Einäscherungsstätten Deutschlands nicht weniger als 220 auf jüdische Tote entfallen, hingegen nur 401 auf die katholische Bevölkerung, die etwa 48 mal so groß ist, als die jüdische. Auch die Evangelischen (3727) bleiben prozen-