Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 27 (1910)
- Issue
- 34 (26.8.1910)
- Date
- 1910-08-26
- Page
- – (sequence 13)
- Language
- German
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Nr. 34 Dr. Blochs Wochenschrift. Seite 573 trotz des Briefes in seiner Brusttasche. Doch siehe da, das scharfe Auge des Gouverneurs bleibt auf ihm haften, unter so vielen Leidensgefährten. „Was ist das?" sagt er, „Sie tommen mir so bekannt vor. Wer sind Sie? Wie heißen Sie?" Er sagte es so barsch, daß der Angeredete puf die Knie fiel und zitternd in die Brusttasche langte. Immerhin beeilte er sich, seinen Namen zu nennen. „Vondy . . . Bondy . . . Sie sind doch nicht verwandt mit dem Bondy in Lichtenstadt bei Karlsbad?" — „Gewiß, Exzellenz, das ist mein Bruder, ich habe auch einen Brief von ihm an Ew. Exzellenz bei mir." — „So, sein Bruder! . . . Brief unnötig, alles bewilligt. Haben nichts zu zahlen." Einer der denkwürdigsten Partner Bondys war der britische Botschafter in Berlin, Odo Russell, später Lord Ampthill. Eigentlich hatte er das Schach von ihm gelernt, als er 1838, acht Jahre alt, zum erstenmale mit Mama und Brüdern nach Karlsbad kam. Die ganze Familie Russell lernte da Schach, und die sehr gelehrte Mama, Lady William Russell, nebenbei Hebräisch, dies aber vom alten Saphir, dem Edelsteingraveur. Damals lag auf Vondys Laden noch gewissermaßen ein Nachglanz des Wiener Kongresses. Im Hinterstübchen spielte Papa Bondy mit dem Grafen Tatischtscheff, russischen Gesandten in Wien, und dem General Grafen Balmain, der als russischer Kommissär mit Napoleon auf St. Helena geweilt. Der gelehrte Graf Kaspar von Sternberg, Goetheschen Angedenkens, der berühmte Geologe Leopold von Buch, der Komponist Ludwig Spohr, der russische General der Kavallerie De Witt, ein Nachkomme des ermordeten „Großpensionärs" von Holland, einst Teilnehmer des Wiener Kongresses, der prächtige Fürst Paul Esterhazy, auch der Sohn Mozarts und so noch andere Remarkable der Zeit saßen bei Papa Bondy im Hinterstübchen und spielten um die Wette Schach. Selbst der Orient fand sich ein. Unter anderem ein hoher türkischer Würdenträger. der sich auf sein Schachspiel viel zugute tat und einmal drei Tage lang mit Bondy rang, aber täglich unterlag. Da sagte er: „Vou8-et68 extremement fort, vous-etes mon maitres,“ und spielte nie mehr mit ihm Isaak Bondy war ohne Frage eine Erscheinung des Tages, eine charakteristische Lokalfigur, ja Figur überhaupt, jener weniger zerwühlten Zeit. Er sah auch danach aus. Groß und schlank, die Adlernase ohne jüdischen Charakter, Lippen und Kinn rasiert, besonders auffallend die buschigen, weithinschattenden Augenbrauen. Haltung und Kleidung die des Weltmannes. Er war 1785 in Lichtenstadt geboren und starb 1873 in Marienbad, wo er seit Monaten wohnte, nachdem das Vaterhaus daheim eines Nachts abgebrannt war. Es war gerade die jüdische Neujahrsnacht, September 1873, und die Familie brachte sie auf freiem Felde zu, dem brennenden Hause gegenüber, in dem massenhafte Andenken zugrunde gingen. Ein einziger alter Schrank wurde gerettet. Fünfunddreißig Häuser gingen damals in Flammen auf. Das Bondysche stand am Markte, auf einem Eckplatze, und sah mit der makellos weißen Tünche seiner festungsmäßigen Mauern und dem ungewöhnlich hohen deutschen Dach sehr stattlich aus. Es war ursprünglich als herzoglich badisches Jagdhaus erbaut und später ein sogenanntes Freihaus. Der Freibrief, eine Pergamentrolle mit zwei mächtigen Siegeln, deren eines in der Holzkapsel niederhing, war eine Familienreliquie: dieses Dokument verlor aber mit dem Jahre 1848 seine privilegiale Zauberkraft. Die Familie Bondy hatte an die Zweihundert Jahre in diesem Hause gesessen, unberührt von der Unstetigkeit der damaligen Iudenschaft. Auch sagte sie sich bald vom herkömmlichen Handel der Handelsleute los und neigte dem Fabrikswesen zu. Schon Isaaks Batet gründete in Lichtenstadt eine Strumpfwirkerei mit Handbetrieb; eine der ersten in Böhmen, wohin dieses sächsische Gewerbe aus Annaberg und Eibenschütz eindrang. Isaak selbst war zum Studieren bestimmt und bezog das Polytechnikum in Prag. Sein Busenfreund und Mitschüler daselbst war Emanuel Veith, der spätere berühmte Domprediger bei St. Stefan in Wien und Beichtvater der Kaiserin Maria Anna. Er war in Kuttenplan, nahe bei Lichtenstadt, geboren. Alle diese Dinge sind bezeichnend für die geistige Atmosphäre, in der Bondy aufwuchs. Er ist ein richtiger Vertreter jenes fortschrittlichen Judentums, dem ein großer Teil des Sauerteiges für den ganzen österreichischen Vormärz entstammte. Ein Menschenschlag, der schon deshalb für den ganzen Staat schätzbar wurde: Rasse von der Rasse, die den Keim der Zukunft in sich trug. In Marienbad ließ sich Bondy in dem Hause „Stadt Hannover" nieder. Er war 88 Jahre alt geworden, er hatte nur noch wenige Monate zu leben. Aber von seinen Nachkommen leben noch jetzt drei Familien in Marienbad. Eine derselben ist die Familie Fischl, deren allberühmtes Spitzengeschäft an der Ecke des Hotel Klinger, dicht am Kreuzbrunnkorso, auch einer der internationalen Punkte in der böhmischen Bäderwelt war. Ich sage „war", denn die Firma besteht zwar fort, ihre Gründer haben sich jedoch vor einigen Jahren zur Ruhe gesetzt. Diesen Winter ist leider auch Frau Fischl gestorben, oieloerehrt^zu ihren Lebzeiten und vielbetrauert nach ihrem Tode. ^>ie war eine ganz hervorragende Dame, eine echte Enkelin des alten Bondy, und genoß ebenso internationale Geltung wie er. Es entwickelte sich da eine förmliche gesellschaftliche Merkwürdigkeit. Bei ihr, im eleganten Spitzenladen. versammelte sich Jahr um Jahr die Creme der Marienbader Kurgesellschaft. Hohe Intelligenz, feinster Takt und gesellige Anmut waren ihre Anziehungskräfte. Stundenlang saßen die Träger von Pariser und Londoner Namen, die alle Zeitungen füllten, bei ihr und schütteten ihr Herz aus, besprachen ihre privaten und öffentlichen Schmerzen, für die sie bei diesem feingeistigen Wesen das vollste Verständnis fanden. Männer, wie Leon San und der General Marquis de Galliffet, die englischen Parlamentarier Labouchere und Campbell-Bannerman, auch General Tottleben, der Held von Sebastopol und Plewna, waren tägliche Stammgäste. Exzellenz Graf Mar Montecuccoli war eine der ständigsten und willkommensten Erscheinungen. Der einarmige Admiral Skolkow kam häufig. Auch Herr von Kotze, der einst viel durch die Zeitungen Geschleifte (Kotze-Affäre!) klagte immerzu sein Leid der Frau, die so gescheit zu trösten wußte. „La providence de Marien bad*4. nannten sie die Franzosen. Und die Gräfin von Paris war lange Zeit eine Zierde dieses Zirkels. Auch Prinzessin Luise. Schwester des deutschen Kaisers, kam viele Jahre. Und Großfürst Wladimir, der nie an die Grüße seiner Frau und der Zarin vergaß. Und König Eduard VII., noch als Prinz von Wales, verbrachte manches Viertelstündchen in dem „Geschäft an der Ecke", wie es von vielen einfach genannt wurde. Das Stammbuch des Hauses ist eine ganze Sammlung interessanter Autographen. Vervollständigt wird es durch die verschiedensten Photographien mit Widmungen. Und eine solche Photographie ist auch die der eingangs geschilderten Schachszene. Sie hängt ganz schlicht und unauffällig an der Wand im Bureau des Herrn Fischl, meines liebenswürdigen Hausherrn. Und da ich solche Dinge immer bemerke, und das Mitunter seine schriftlichen Folgen hat, so ist oas vorliegende Blatt aus der Chronik der böhmischen Bäder entstanden. Sie sind wirklich Weltstädte, in ihrer Art und können Weltmänner.und Weltdamen hervorbringen, um die sich eine eigene Atmosphäre bildet. Personen mit internationalen Eigenschaften, Vollmenschen von suggestiver Eigenart, die sogar ein chronisches Bild ihres Wesens hinterlassen. Ihre Zeitgenossen geben ihren Ruf weiter und der Chronist überliefert ihn, so gut er kann, der Nachwelt.