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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1910-08-26 · 34 (26.8.1910) · page 12

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
27 (1910)
Issue
34 (26.8.1910)
Date
1910-08-26
Page
– (sequence 12)
Language
German
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Seite 572 Dr. Vlochs Wochenschrift. Nr. 34 Feuilleton Per alle Kondy. i on Ludwig Hebest. M a r i e n b a d, im August. An der Wand des Bureaus hängt eine alte Photographie, an der ich nicht vorübersehen konnte. Augenscheinlich aus der ersten Zeit nach der Erfindung des Lichtbildes. Diese Verwaschenheit hat etwas Familienhaftes, als wäre die Aufnahme gar nicht von einem Professional gemacht, sondern von einem schlauen Familienmitglied, hinterrücks, zur Ueberraschung eines verehrten Hauptes. Und danach sieht die Szene denn auch aus. Zwei alte Herren sitzen beim Schach und hinter ihnen stehen zwei Zuschauer, ein eisgrauer Herr und eine alte Dame in geschlossenem Hut mit mächtiger Bandschleife unter dem Kinn. Schauplatz: die alte Wiese in Karlsbad. Zeit 1858. Alle vier Personen sind längst tot. . . . Die Photographie ist eine Kopie, zum Familiengebrauch. Aber ich kenne auch das Original, das die ehrwürdige Witwe des einen Schachspielers besitzt. Es kam eines Tages, als Ueberraschung für diesen, aus London. In einem eleganten schwarzen Rahmen, mit einer Unzahl kleiner Messingnägel verziert. Und auf der Rückseite ist unter Glas ein gedrucktes Blatt eingelegt, mit diesem Text: „Souvenir von Sr. Exzellenz dem Herrn Grafen von Granville, Peer von Großbritannien und Irland. Lord-Präsident des Geheimen Rates der Königin pon England. Se. Erzellenz Lord' Elarendon mit Lady Granville als Zuschauer bei der Schachpartie mit Isak Bondy. Im September 1858". Solche Photographien mit solchen Widmungen gibt es nicht viele. Und es war nicht einmal die einzige solche Widmung des berühmten englischen Diplomaten der Krimkriegzeit an den alten Herrn Bondy. Seine Witwe bewahrt auch noch eine prachtvolle massiv silberne Kassette, deren Deckel ein reizendes Relief schmückt, von Kindern, die im Weinlaub spielen. Auf dem Deckel des grünen Saffianfutterals ist unter Glas auf rosa Seide eine ähnliche Widmung des „Grafen von Granville" gedruckt, datiert: „im Oktober 1856". Damals war Earl Granville als englischer Friedensbevollmächtigter in Moskau, um den Krieg beenden zu helfen, und diese Kassette brachte er dem alten Bondy mit. Das sieht ihm auch ähnlich. Man sieht es ihm deutlich an, auf der Photographie, wie er in die Partie versunken dasitzt, mit dem feinen britischen Aristokratenprofil und dem lockigen Haar um den bedeutenden Schädel. Er ist noch in den besten Jahren, Lord Clarendon dagegen eisgrau, wie übrigens auch Herr Bondy, dessen dichtes weißes Haar nebst Backenbart sich wie eine Frisur aus der alten Puderzeit um den dunklen hageren Kopf schließt. Der alte Bondy, der in Großväterzeiten, von den zwanziger bis in die sechziger Jahre des vorigen Jahrhunderts seinen Wirkwaarenladen auf der alten Wiese in Karlsbad hatte — im alten Hause „zur Kanone" —, war jedenfalls ein hervorragender Mensch. Nicht nur wegen seines berühmten Schachspielens, wofür sein Porträt sogar in ausländischen Schachklubs (Paris, Dresden u. s. f.) hängen soll. Er war überhaupt ein gediegener Mensch und seine christlichen Mitbürger waren sozusagen ftolz auf den alten Bondy, der in altmodischen Zeiten lange genug sogar der einzige Jude war, der über Sonntag in Karlsbad bleiben durfte. Nach 1848 mußte er sogar als Vertreter der Judenschaft des Egerer und Elbogener Kreises nach Prag, in die politische Öffentlichkeit, auf einen ganzen Monat: der Egerer Kreishauptmann Graf Rothkirch meint, er und kein anderer müsse es sein. Diese bürgerliche Gediegenheit gehörte natürlich mit zur Grundlage, auf der auch seine internationale Beliebtheit als Schachmeister sich nach und nach aufbaute. Er hatte augenscheinlich den gewissen alten jüdischen Schachkopf, wie Nathan der Weise — „Nathan im Gebirge" nannte ihn Heinrich Laube, der ihn auch in seinem Heimatsorte Lichtenstadt, am Fuße des Erzgebirges, besuchte. Er hatte den Schachkopf Moses Mendelssohns, dessen ausgeglichener Humanismus und furchtloser Fortschrittsgeist in der damaligen Judenschaft so durchgreifend nachwirkte. Den Schachkopf so vieler späterer Schachmatadore gleichen Stammes: der Zuckertort, Winawer, Steinitz, Kolisch und anderer weltberühmter Mattsetzer. Schon als Studiosus der Technik in Prag war das Schach seine Leidenschaft. Auch der Theorie hing er eifrig nach und er war der Urheber vieler interessanter Probleme, die in die Schachpresse gelangten. In seinem Karlsbader Laden trafen sich die hochgestellten Schachfreunde der ganzen Welt. Die österreichische, englische und russische Aristokratie saß dort an seinem Brett und stritt abwechselnd um den Rekord. In der harmlosen Wirk- und Leinenwarenluft spielten sich mitunter scharfe Kämpfe ab, deren Echos zum Teil noch jetzt nachklingen. Der österreichische Minister Graf Mittrowsky, ein Fürst Lobkowitz, ein Graf Schaaffgotsch sind noch erinnerlich. Ich weiß nicht mehr, welcher von diesen Herren es war, der schlechterdings nur um Geld spielen wollte, so daß man sich einfür allemal auf einen Gulden die Partie einigte. Er verlor ehrlich jeden Tag seine Partie, nahm den Gulden aus der Taschd. küßte jhn und legte ihn auf den Tisch. Ein russischer General Graf Pahlen und ein russischer Staatsxat von Schelling gehörten zu seinen besonderen Gönnern. Schelling war ein starker Spieler und fühlte sich als solchen. Einmal wollte er durchaus auf eine Partie wetten, und zwar gleich um 100 Louisd'or. Der alte Bondy ließ sich auf so exzentrische Unternehmungen überhaupt nicht ein: er spielte mit Vorliebe platonisch, um den Ruhm oder aus Interesse am Problem. Da langte Fürst Lobkowitz in die Tasche, legte sein Portefeuille auf den Tisch und sagte: >,Hundert Louisd'or habe ich nicht bei mir, aber dex Inhalt dieser Brieftasche dürfte dem entsprechen, ich halte den Einsatz". Es war auch der Mühe wert, schon wegen der interessanten Zuschauerschaft. In dieser befand sich gerade auch die Herzogin von Angoulome, die berühmte Heldin der Restauration in Paris, eine Tochter Marie Antoinettes. Dennoch lehnte Herr Bondy ab, die Partie wurde ohne Wette gespielt. Ein anderer Zuschauer war ein reicher jüdischer Bankier aus Warschau. Dieser machte sich nach der Partie an Herrn Bondy heran und sagte ihm vertraulich: „Wissen Sie, Herr Bondy, Sie und alle Juden von Karlsbad und Lichtenstadt zusammen haben das nicht im Vermögen, was wir Warschauer Juden darum geben würden, wenn einem von uns die Ehre zuteil würde, mit dem Grafen Pahlen und dem Staatsrat von Schelling Schach zu spielen". Er hätte auch sagen können: „Oder gar mit dem Grafen Stroganoff", denn dieser große Herr, seinerzeit Gouverneur in Warschau', war auch ein häufiger Partner Bondys. Und das konnte unter Umständen — wenn nämlich die russische Gewalt wieder einmal keine Umstände machte — sein Gutes haben. Das geschah zum Beispiel in her ersten polnischen Revolution, nach der berühmten Schlacht bei Ostrolenka. Bei Ostrolenka hatte ein Bruder des Herrn Vondy eine Fabrik. In und nach der Schlacht wütete im Ort das Feuer. Alles brannte ab. Trotzdem wurde hinterher den Abgebrannten eine schwere Kriegskontribution auferlegt, die sie vollends an den Bettelstab gebracht hätte. Sie bestürmten den Gouverneur Grafen Stroganoff mit flehentlichen Abordnungen um Gnade und Barmherzigkeit. Auch die Judenschaft schickte eine, und Fabrikant Bondy gehörte ihr an. Dieser ging aber nicht unbewaffnet in die Höhle des Löwen, sondern hatte sich beizeiten von seinem Bruder in Karlsbad einen Empfehlungsbrief an dessen Schachpartner schicken lassen. Wie nun diese Leute in Audienz erschienen, warf der Gefürchtete einen Blick auf sie, der jeden einzelnen durchbohrte. Auch den Fabrikanten Bondy,

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