Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 27 (1910)
- Issue
- 34 (26.8.1910)
- Date
- 1910-08-26
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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Seite 664 Dr. Blochs Wochenschrift. Sir. 34 in Petersburg kein Wohnrecht besitze, nicht gestattet sei, nach Petersburg zu kommen. Der Direktor des Petersburger Konservatoriums, Glasunow, unter dessen Leitung die Konkurrenz stattfinden soll, hat sich nun an den Ministerpräsidenten Stolypin mit dem Ansuchen gewendet, den jüdischen Preisbewerbern ausnahmsweise während der Dauer der Konkurrenz den Aufenthalt in Petersburg zu gestatten. In Beantwortung dieses Gesuches hat nun Stolypin erklärt, dem Gesuche keine Folge geben gu können, .und so bleiben Juden, die in Petersburg kein Wohnrecht haben, von der Rubinstein-Konkurrenz endgiltig ausgeschlossen. Ein Haym Salomon-Denkmal in Washington. In San Franzisko bildete sich im Juli d. I. ein Komitee zum Zwecke der Errichtung eines Denkmals für den Finanzier Haym Salomon, der zur Zeit der amerikanischen Revolution dem Kolonialschatze 600.000 Dollars als Geschenk zur Verfügung gestellt hat. Das Denkmal soll in Washington zur Aufstellung gelangen. Dem Denkmalkomitee gehören die bedeutendsten Persönlichkeiten der amerikanischen Republik an. Haym Salomon stammte aus Posen und wurde einer der angesehensten amerikanischen Finanznbänner seiner Zeit. Nach Ausbruch der Revolution sprang er den Kolonien hilfreich bei, indem er Jahre hindurch den Beamten der Revolution aus eigenen Mitteln hie Gehälter auszahlte, ohne jemals die vorgestreckten Gelder von der Regierung zurückzufordern. Dann kam die große Krisis, das ganze republikanische Unternehmen stand auf dem Spiele, die Kassen waren leer. In diesem kritischen Momente erwies sich Salomon abermals als Retter in höchster Not. Er stellte dem repuplikanischen Kolonialschatz, ungeachtet der großen Opfer, die er bereits gebracht hatte, abermals 600.000 Dollars zur Verfügung, eine Summe, die, wie die amerikanischen Blätter erklären, damals so viel bedeutete, wie heute 30 Millionen Dollars. Weder Haym Salomon, noch seine Erben erhielten jemals diese gewaltigen Summen zurück. Die Erben haben wohl Jahre hindurch gegen die Negierung der Republik wegen Feststellung der Schuld Prozesse geführt. Als jedoch schlietzlich ein vom amerikanischen Kongreß eingesetztes Komitee die Berechtigung der Forderung feststellte und den Erben die Summe samt Zinsen und Zinseszinsen zuurteilte, erklärten die Erben, das Geld, das inzwischen mit Zinsen auf viele Millionen angewachsen war, nicht annehmen zu wollen, da es dem Geiste Haym Salomons widersprechen würde. Die Erben erklärten, den Prozeß nur deshalb geführt zu haben, um die selbstlosen Verdienste ihres Ahnen dokumentarisch festzustellen pnd die republikanische Negierung zu veranlassen, das Andenken Haym Salomons zu ehren. Seitdem sind abermals Jahre verflossen und das geplante Monument kam nicht zustande. Nun soll diese verdiente Ehrung, wenn auch nicht auf Initiative der Regierung, doch ausgeführt werden. Sir Moses Montesiore s Traum. Aus Anlaß des 25. Todestages des großen Philanthropen Sir Moses Montesiore reproduziert „Jewish World" mehrere Anekdoten, die das genannte Blatt zur Zeit des Ablebens Montefiores aus der Feder eines Privatsekretärs des Philanthropen gedruckt hatte. Die interessanteste ist wohl die folgende: ,,Eine Sache hatte mich stets außerordentlich interessiert in der Lebensgeschichte Montefiore's: Was hat seine Aufmerksamkeit ursprünglich auf das Heilige Land gelenkt? Er war kein Gefühlsmensch im wirklichen Sinne, wurde nicht durch geschichtliche Jdeenasioziationen gerührt, denn vor seiner ersten Palästinareise wußte er sehr wenig aus der Geschichte Palästinas. Er war auch nicht von nationalen Gefühlen ergriffen, denn er war ein kühl berechnender, praktischer Engländer. Im Frühjahre des Jahres 1877 besuchte ihn ein junger Verwandter, der inzwischen verstorbene Leonard Montesiore, und legte ihm klipp und klar die Frage vor: „Was veranlaßt Sie, Sir Moses, an Palästina so großes Interesse zu nehmen?" „Well 1" antwortete Montesiore nach kurzem Ueberlegen: „Ich habe hierüber niemals gesprochen, auch wurde bisher niemals diese Frage an mich gestellt. Betrachte einmal diesen Ring!" Sir Moses zog einen Goldring, vom Mittelfinger seiner linken Hand, es war ein einfacher Goldreifen. „Sieh' mal innen die Gravierung!" sagte er dann. Leonard Montesiore reichte ihn mir und ich las laut die hebräischen Worte, die ich eingraviert sah (Besitzer von allen Dingen). ' „Ich trage diesen Ring als Andenken an die Umstände, die mich zum ersten Male bewogen, ins Heilige Land zu reisen. Ihr jungen Leute wöget darüber lachen und Andere mögen mich für verrückt halten, weil ich daran glaube, aber es war ein Traum und nichts anderes als ein Trau •», der mich veranlaßte, meine erste Pilgerfahrt nach Palästina zu unternehmen, Lady Montesiore und ich lasen an einem Sabbathabend den „El'j bu Hanabi" und sprachen über die guten Auspizien, als deren Verkünder das Erscheinen dieses Propheten für Jerusalem galt. W r Beide stimmten darin überein, daß es recht mteressant sein müßte, dem Karmel und dem Schauplatz der Tätigkeit des Tischbiten einen Besuch ab'-ustatten, und ich versprach, wenn es die Zeit gestattet, mit Lady Montesiore einmal eine Reise nach dem Orient zu machen. In jener Nacht träumte mir, ich sähe mir gegenüber einen ehrwürdigen Mai n, den ich als Propheten Elijahu erkannte; er wies nach Jerusalem hin, das ich in der Ferne erblickte und sprach bloß die zwei Worte, die in meinen Ring eingraviert sind: bin ruip* Ich erwachte und mir träumte es zum zweiten und dann wieder zum dritten Male; ein jedesmal hörte ich bloß, die zwei Worte: bin flaip. Dieser Traum machte einen so mächtigen Eindruck auf mich, daß ich beschloß, sobald ich nur abkommen kann, ins Heilige Land zu gehen und nachzusehen, ob dort wirklich etwas für mich zu tun wäre. Ich ging und ihr wißt," schloß Sir Moses, „wie man auch über die Nichtigkeit der Träume denken mag, ich fand, daß dort Arbeit genug war, nicht nur für mich, sondern ach, auch für euch alle!" Einen hübschen Beitrag zu dem Kapitel der konfessionellen Verträglichkeit lieferte eine Feier, die kürzlich in Elbing stattfand. Es wurde ein Abschiedsfest veranstaltet für den Propst Lagermann, der als Domherr nach Frauenberg berufen worden war: Herr Rabbiner Dr. Silberstein schilderte bei dieser Gelegenheit, wie stets in der Propstei und bei den Kaplänen dafür gesorgt gewesen sei, daß der Rabbiner ohne Gewissensbedenken essen durfte, und wie man ebenso im Rabbinerhause z. B. in der Fastenzeit, für Fastenspeisen mit Rücksicht auf die katholische Geistlichkeit besorgt gewesen sei. Der interkonfessionelle Skat zwischen den katholischen Geistlichen, dem Mennonitenprediger und dem Rabbiner sei in Elbing stadtbekannt. Nicht wenig Erheiterung verursachte es, als einst bei einem katholischen Basar der Hauptgewinn dem Rabbiner zufiel. Er bestand aus einer großen Papstbüste, die der Rabbiner aus Mangel an Verwendung sofort dem Probste Lagermann zum Andenken Übergab, wofür der letztere sich durch einen prächtigen Blumenstrauß für die Braut des Rabbiners erkenntlich zeigte. Gelegentlich der Sammlung für die russischen Juden haben auch der Probst neben dem Gymnasialdirektor, dem Gerichtspräsidenten, dem Ersten Staatsanwalt und anderen nichtjüdischen Bürgern dem Rabbiner ihren Geldbeitrag gesandt. Alsdann verwies Herr Dr. Silberstein auf das schöne Gedicht, daß einst Gustav Freytag zu Ehren seines geistlichen Oheims, an dessen Jubiläumsfeier Mitglieder aller Konfessionen sich beteiligten, verfertigt hat. Er spricht darin von drei Weinen, dem deutschen Rheinwein, Lacrimae Christi und Hebron, die sonst unvereinbar am heutigen Feste so prächtig munden. Was hat die Weine zusammen gebracht? so fragt er und antwortet: „Das hat die brüderliche Liebe gemacht." Dieser brüderlichen Liebe galt unter Wünschen für ein glückliches Otium des Domherrn sein Hoch. ._ Die Auswanderung aus Palästina. In einem „Brief aus Palästina" wird dem „Fraind" berichtet: In letzter Zeit ist unter den hiesigen jüngeren Juden eine traurige Erscheinung bemerkbar. Die Emigration aus Palästina nimmt immer größere Dimensionen an. Viele junge Leute sind in letzter Zeit nach Argentinien gusgewandert, einige gingen auch nach Australien. Die Emigrationsbewegung wäre noch stärker, wenn vielen Auswanderungslustigen nicht das Geld für die Reisekosten mangeln würde. Vor einiger Zeit kam ein neuer russischer Konsul nach Jerusalem und dieser verteilt an alle russischen Emigranten, die nach Rußland zurückkehren wollen, Freibilletts für die ganze Reise. Da er gu jedem Schiff nur eine bestimmte Zahl Billetts ausfolgen kann, ist das Konsulat ständig von russischen Juden belagert, die nach Rußland zurückkehren wollen.