Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 27 (1910)
- Issue
- 34 (26.8.1910)
- Date
- 1910-08-26
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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Sette L62 Dr. Blochs Wochenschrift. Nr. 34 vollzieht sich nämlich auch auf dieser Seite. Sowie die christlichsozialen Städter von den gegenseitigen Anschuldigungen ihrer Führer im sogenannten Korruptionskampfe der Hraba, Vergani, Gehmann über die wahre Politik ihrer Partei aufgeklärt wurden, so erfolgt das jetzt durch die Zirkulare der Agrarier und der Fleischhauer betreffs der Wirtschaftlichen Ziele. Diese beiden Erwerbskategorien werfen einander die schwerste und rücksichtsloseste Ausbeutung der Bevölkerung vor und sind beiderseits in der schönen Lage, diese Anwürfe auch zu beweisen. Die einen wie die anderen ziehen Gewinste aus ihrem Besitz, die mit ihrer Arbeit in gar keinem Verhältnis stehen, und verhöhnen das Elend der ärmeren Schichten. Wie nennt man das wohl in der Sprache der Justiz und der Moral? Da wird man niemandem mehr einreden, daß da der Jude mit schuld sei. Die Masse der Agrarier, wie die der Fleischhauer sind Kerntruppen der antisemitischen Bewegung, sie gehen mit den Wiener Rathausleuten durch dick und dünn. Auch hier ist das Fazit der christlichsozialen Bewegung deutlich zu sehen. Verdummung der Massen und ihre rücksichtslose Plünderung durch ihre angeblichen Retter, auf welche alle Vorwürfe tatsächlich zutreffen, die sie lügenhaft den angeblich ausbeuterischen Juden machen. Die galixische Iudenenquete. In der Nummer 32 vom 12. August d. I. habe ich mir erlaubt, der nach Lemberg einzuberufenden Enquete eine Anregung behufs Errichtung kommerzieller Schulen im Lande Galizien zu geben. Die wirtschaftliche Entwicklung aller Staaten und Länder steht hauptsächlich im Zeichen der Industrie und des Handels. Den großen Aufschwung, den speziell die westeuropäischen Staaten zu verzeichnen haben, verdanken sie einzig und allein dem Handel und der Industrie. Sie verdanken diesen Aufschwung nicht nur ihrer günstige» geographischen Lage und politischen Verhältnissen, sondern eben in demselben Maße auch der hohen Intelligenz ihres Judustriestandes. Sowie die kolossalen, technischen Errungenschaften nur dadurch möglich geworden sind, daß Theorie und Praxis Hand in Hand gingen, ebenso ist es auf dem kommerziellen Gebiete, auch hier gilt dasselbe. England und Deutschland sind sprechende Beweise dafür. Wir Juden, die das Schicksal schon seit Jahrhunderten dazu bestimmt hat, Handel und Gewerbe zu pflegen, haben die Pflicht, uns mit allen Qualitäten auszurüsten, unsere intellektuellen Kräfte dermaßen zu entwickeln, daß wir mit den Besten der anderen Staaten den Wettkampf ausnehmeu können. Die Enquete, die in einigen Wochen in Lemberg stattfindet, wird, so gerne sie es auch wollte, nicht in der Lage sein, sofort zu helfen; einem ganzen Laude, noch dazu wenn dasselbe Galizien heißt, kann nicht gleich geholfen werden. Selbst wenn alle in Betracht kommenden Faktoren mit vereinten Kräften sichin den Dienst dieser Hilfeleistung stellen, müssen einige Dezennien vergehen, bis eine ökonomische Besserung sichtbar wird. Alles, was für die Dauer geschaffen wird, muß nach alter Erfahrung vom Grund aus gemacht werden. Der Grund der Bevölkerung ist ihre Jugend, bei ihr muß der Hebel angesetzt werden. Nachdem es sich bei dieser Enquete ausschließlich um die Juden des Landes handelt, so muß selbstverständlich ihrer Jugend die Aufmerksamkeit gewidmet werden. Bei den Verhältnissen politischer und wirtschaftlicher Natur, diie in diesem Lande seit Jahrzehnten herrschen und die ncht so bald und so leicht zu ändern sind (auch nicht, wenn die Staatsgewalt sich noch so sehr austrengen würde) muß die Judenschaft sich in freien Berufen betätigen. Auch ist der Jude — und in diesem Falle wollen wir uns nicht selbst täuschen — infolge dieser Verhältnisse hauptsächlich nur für diese Berufe geeignet. Unsere Ausgabe, muß deshalb sein, die jüdische Jugend Galiziens zu tüchtigen, intelligenten Kaufleuten heranzubildeu, und dies kann nur durch Errichtung von modernen Lehranstalten geschehen. In keinem Lande ist dies aber so schwer, wie eben in Galizien. Schwer ist das deshalb, weil das Land selbst über keine in diesen Lehrfächern versierte Kräfte verfügt und dieselben erst aus anderen Ländern, zumindest für die ersten Jahre, bezogen werden müßten. Es soll durch diese Tatsache Galizien kein Vorwurf gemacht werden, denn in einem Lande, wo Handel und Industrie schwach vertreten sind und bisher nichts geschah, diesem Uebelstande abzuhtlfeu, ist das .auch gar nicht anders möglich. Meine Anregung ging dahin, daß in allen Städten zweiklassige Hand lsschulen und in den drei Städten, wo die Handels- und Gewerbekammern ihren Sitz haben (Lemberg, Krakau und Brody) Handelsakademien zu errichten sind. Dazu Abendkurse für Diejenigen, die tagsüber als Praktikanten in den Geschäften tätig sind. Chefs und Angestellte müßten durch ein Landesgesetz dazu verhalten werden, daß diese Abendkurse ausnahmslos — ähnlich wie die Abendkurse der Handwerkerlehrlinge — von den Geschäftspraktikanten besucht werden. Als Lehrplan dieser Handelsschulen kann der der Wiener Schulen zum Muster dienen. Daß die Unterrichtssprache polnisch bleibt, ist selbstverständlich. Hingegen soll auf die gründliche Erlernung von fremden Sprachen — französisch und englisch — womöglich noch mehr wie es in den Wiener Schulen üblich ist, Gewicht gelegt werden. Bei der bekannten Reiselust, die unsere jüdisch-galizische Jugend auszeichnet, kann ihr die Kenntnis fremder Sprachen von großem Nutzen sein. Die „Neue Freie Presse" richtete vor einigen Jahren, aus einem bestimmten Anlasse, an die hervorragendsten Industriellen und Kaufleute Wiens und ganz Oesterreichs eine Rundfrage, ob es richtig sei, daß sie mit Arbeitskräften überhäuft sind und ob es nicht ratsam erscheint, die Jugend, wenigstens nicht in dem Maße wie bisher, diesen Berufen zuzuführen. Die Antwort, die sie (die „Neue Freie Presse") erhielt, war ausnahmlos eine verneinende. Unsere ersten Industriellen erklärten vielmehr, daß Oesterreich viel zu wenig an intelligenten Arbeitskräften im Handel besitzt, hauptsächlich fehlt es unserer Jugend an der Kenntnis der modernen Haudelssprachen (englisch und französisch) und an Lust, sich überseeisch niederzulassen. Dieser Umstand, so meinten die Herren, trägt, neben vielen anderen vom Staate leider noch immer nicht behobenen Uebelständen, mit dazu bei, daß Oesterreichs Exporthandel so langsam und mühselig sich entwickelt. Jungen Leuten von entsprechender kaufmännischer Intelligenz und Kenntnis fremder Sprachen darf, nach Meinung dieser Herren, um ihre Zukunft als Kaufleute nicht bange sein. Wie anders würde es mit der galizischen jüdischen Jugend, die jährlich zu Tausenden aus dem Lande, ohne jeden Beruf und ohne jedwede Sprachkenntnis auswandert, bestellt sein, wenn sie, ausgerüstet mit geistigem und praktischem Wissen, zum Wanderstab greifen würde. Das Land und sein Prestige würde darunter nicht zu leiden haben. Die Herren, die zur Enquete berufen worden sind, mögen diesen Anregungen nicht aus dem Wege gehen; sie dienen nicht bloß den Juden, sondern der Gesamtbevölkerung des Landes und sind absolut nicht geeignet, den Bauern und der Schlachta ihre Existenzen zu erschweren. Der Bauer bleibt bei seiner Scholle und die Luftmenschen können im Lande und außerhalb desselben würdigen Berufen zugeführt werden. Die Mitglieder der Enquete haben sich vor Augen zu halten, daß von ihrem guten Willen allein es abhängt, tausenden von Menschen Wege zu zeigen, die sie aus jahrzehnte langem Elend und Kummer befreien könnten. Die Polen, die, seitdem Oesterreich konstitutionell regiert wird, als tüchtige und brauchbare Politiker sich jeder Regierung zur Verfügung stellten, sollten doch der Welt beweisen, daß sie auch in ihrem Lande vernünftig zu ✓