Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 27 (1910)
- Issue
- 34 (26.8.1910)
- Date
- 1910-08-26
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Nr. 34 DPo BlOCh’S JahrgangLLVII Zentralorgan für die gesamten Ifnteressen des Judentums. -□ □- Wien, 26. August 1910 Lrscbelnt jeden Freitag. Brief-Adresse: Wie-,. IX/i, Hahngaffe 15. * Telegramm-Adresse: Gloch's Wochenschrift, Wien. O o ' ■- =DO? Vexugsprrrs für Vefkrrrrirh: p Halbjährig 8 Kronen; Einzelexemplare 50 Heller. Für's Ausland: Halbjährig 10 Kronen. Ganzjährig 20 Kronen. Anzeigen: Die 4mal gespaltene Petirzeile 24 Heller. C, o O - - —O o og A. k. Pofisxarkastrnami Llearing-Verb ebr Mr. S10.S76. Redaktion und Administration: 0> Wirn IX/i, Hahngaffe Nr. 15. 'Telefon Nr. 14.847. Do Q OG: =Do Inhalt: Leitartikel: Fleisch- und Nahrungswucherer. — Die galizische Judenenquete. — Vom Jahrmarkt des Lebens: Internationale Hygiene-Ausstellung Dresden 1911. Cholera und Antisemitismus. Der Petersburger Rubinsteinpreis und die Juden. Ein Haym Salomon-Denkmal in Washington. Sir Moses Montefiore's Traum. Ein hübscher Beitrag zud em Kapitel der konfessionellen Verträglichkeit. Die Auswanderung aus Palästina. — Jüdische Bankkonzessionen im Mittelalter. — Korrespondenzen: Das 80. Geburtsfest des Kaisers. Hofrat Profeffor Dr. Leopold Oser gestorben. Ein arabischer Nationalist über Palästina und die Juden. Strafanzeige gegen ein antisemitisches Hetzorgan. — Vermischtes. — Feuilleton: Der alte Bondy. — Literatur. — Neue Bücher. — Briefkasten. — Inserate. Fleisch- »nd Uahrnngsnmcherer. Der Bevölkerung der Donauländer in Oesterreich drohen schwere Zeiten. Die Preise für Lebensmittel sind derart in die Höhe geschnellt, daß der beste Wille eines Familienvaters aus dem Mittelstand den Bedürfnissen nicht nachkommen kann und die Unterernährung zum Fluch zehntausender von Kindern wird. Die Sache ist schon so bedrohlich geworden, dah sogar die Ministerien aus ihrem Sommerschlaf aufgerüttelt wurden und die Vertreter der Behörden die Köpfe zusammenstecken. Denn das Volk ist in allem geduldig, aber seine Nahrung mutz es haben, wenn nicht die festesten Ministerfauteuils ins Wanken geraten sollen. Ist doch aus Brotkrawallen die französische Revolution entstanden und steht neuerdings die deutsche Regierung vor einer Ueberflutung des Reichstags durch Sozialdemokraten, weil sie die 500 Millionen Mark Flottensteuern unbarmherzig auf die Lebensmittel gelegt hat. Was nun in Oesterreich geschieht, um mit der Not der breiten Schichten ein Kompromist zu schliesten, ist von einer skandalösen Verlogenheit. Das Einzige, was da helfen könnte, wäre die Erlassung eines Ausfuhrverbotes und dieses wurde vom Handelsminister Dr. Weiskirchner, der gerade seine berühmte AUerweltsrettung im Umherreisen in Tirol betrieb, auch telegraphisch zugesagt. Aber die Depeschendrähte summten noch von diesem Ministerworte, als sie schon verlegen stille wurden. Ausfuhrverbot — hm ja — hm nein — man wird es inzwischen mit etwas anderem versuchen, man wird die Frachttarife heruntersetzen und man wird an die Stadtverwaltungen appellieren, damit sie auf die Verzehrungssteuern »verzichten. Natürlich nützt es nichts, wenn die Kommunen auf einen grosten Teil ihrer Einkünfte verzichten, was nur neue Steuern oder Schulden nach sich ziehen mühte, und ebensowenig hat die Herabsetzung der Frachttarife allein eine nennenswerte Verbilligung zur Folge. Das Ausfuhrverbot für Vieh, und nur dieses, würde die Preise wesentlich fallen machen. Warum nun dieses inicht kommt, trotzdem es Weiskirchner doch als frühe Botschaft verbindet hatte? Je nun, man hat dem Handelsminister bedeutet, dah er der christlichsoziale Vertrauensmann im Rate der Krone sei und dah die christlichsoziale Partei ihre Kerntruppen auf dem Lande habe. Der Handelsminister hatte sich nur übereilt, als er trotzdem das Ausfuhrverbot versprach, und muhte eilends den Rückzug antreten. Die Städter sind nämlich sanftmütig und geduldig und werden deshalb erbarmungslos dem scharfen Egoismus der Agrarier geopfert. Jetzt ist die Frage, ob es nicht vielleicht ungerecht wäre, wiederum den Bauernstand für die Städter zu opfern? Davon ist bei einem Ausfuhrverbot oder bei einer agrarischen Einfuhrerlaubnis überhaupt nicht die Rede. Der kleine Landwirt erspart nämlich nichts. Er verkauft von seiner Produktion überhaupt nur wenig und immer nur so viel, als er zum Einkauf nichtagrarischer Bedarfsartikel braucht. Drückt er selbst auf die Lebensmittelpreise, so steigen damit die Löhne und er bekommt die Waren für seinen Gebrauch auf dem Markte nur lumso teurer. Der einzige, der etwas davon hat, wenn die Feld- und Stallprodukte teuer sind, ist der Grohgrundbesitzer. Denn dieser verkauft in Massen und kauft für seine Person nur wenig ein. Die Bauern, die mit ihm mitlaufen, sind nur seine Narren, ebenso wie die Wiener christlichsozialen Wähler so oft Narren der schönrednerischen Volksretter sind, die sich im glücklichen Besitze der Macht behaglich mästen. Die Agrarier sind eine Handvoll Leute, aber sie gebieten über einL Masse irregeführter Leute, und deswegen wird ihnen von den Christlich-Sozialen die Bevölkerung preisgegeben. Sollen die Leute Pferdefleisch essen, wenn sie nichts anderes haben, und wenn sie schimpfen wollen, so hält man ihnen die Juden hin, den fleihig benützten, unschätzbaren Sündenbock für Agrarier sowohl als für Christlich-Soziale, die im Getümmel des Antisemitismus verborgen schleichen und ihre Beute machen. Die Juden werden bald wieder an allem schuld sein. Ein paar von ihnen sind nämlich Viehkommissionäre, und diese dürften genügen, damit heute oder morgen die antisemitische Presse auf sie als die allein Schuldtragenden verweise. Ob sich aber diesmal die Bevölkerung wieder mit dem alten Leim wird fangen lassen, ist noch eine grohe Frage. Der Auflösungsprozeh der christlichsozialen Partei