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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1910-08-19 · 33 (19.8.1910) · page 14

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
27 (1910)
Issue
33 (19.8.1910)
Date
1910-08-19
Page
– (sequence 14)
Language
German
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Seite 658 Dr. Blochs Wochenschrift. Nr. 33 führen. Z. B. hat sich ein Teil der Menschen vorgenommen, sich von der Cholera nicht durch jüdische Aerzte heilen zu lassen, so ist es nur recht und billig, daß dieselben Menschen nicht auf halbem Wege stehen bleiben, sondern dem vorgesteckten Ziele auf allen Gebieten folgen. Und demgemäß bin ich besten sicher, daß, wenn irgend ein ruffischer Bellamy heute in einem „Zukunftsstaat" schildern wollte, wie Rußland in einigen Jahrzehnten aussehen werde, sein Bild ungefähr wie folgt auSfallen würde: Von Cholera wird sich ein echt ruffischer Mensch nicht heilen laffen, weil der Arzt entweder ein Jude sein oder vielleicht von Juden abflammen wird. Eine Anleihe wird Rußland nicht abschließen, weil der ausländische Bankier von den Mendelsohns abstammen wird. In ein Konzert wird ein echt ruffischer Mensch nicht gehen, weil auf dem Programm die Ouvertüre zum „Sommernachtstraum" von Bartoldi stehen wird. In die Oper wird er nicht gehen, weil „Carmen" vom Juden Bizet gegeben wird; auf einem Aeroplan wird er nicht fliegen, weil die Ansicht besteht, daß l er Erfinder ein Jude, namens Schwarz war, einen Check auf eine Bank wird er nicht ausstellen, weil die Idee der Checks von einem italienischen Juden stammt nsw. usw. Der Mensch muß nur konsequent sein. Und was das Jnjektionsmittel des Juden Ehrlich betrifft, so steht die Sache doch gewiß klar. In einer echt ruffischen Stadt von lOO.OCO Einwohnern, die außerhalb dejüdischen Anstedlungsgebietes liegt, werden etwa 1100 Menschen die Wohnung eines nichtjlldischen Arztes belagern, werden sich kaum vorwärtsbewegen können und mit Thränen in den Augen flehen, mau möge ihnen eine Injektion applizieren und sie von der schrecklichen Krankheit befreien. „Die Einspritzung", wird der Arzt sagen, „muß bei Ihnen nicht in die Adern, sondern in die Muskel appliziert werden, deshalb mache ich Sie aufmerksam, wird Ihnen die Injektion große Schmerzen verursachen . . ." „Mögen es die größten Qualen sein, wenn ich nur die schreckliche Krankheit los werde." „Und dann muß ich Ihnen sagen, werden sie drei Tage und drei Nächte im Fieber liegen..." „Meinetwegen auch Fieber, wenn ich nur dann gesund werde!" „Und ferner muß ich Sie aufmerksam machen, daß bei Ihnen die Injektion einer großen Dosts notwendig ist und daß Ihre Schmerzen deshalb auch bedeutend größere sein werden . . ." „Mögen Schmerzen sein, wenn ich nur genese!" „Und schließlich darf ich Ihnen nicht verhehlen", wird der Arzt sagen, daß der Erfinder des Mittels ein Jude ist . . ." Der Kranke wird entsetzt aufspringen, wie wenn ihn eine Tarantel gestochen hätte. „Was? Ein Jude?" Und er wird sich wieder ankleiden und davonrennen. Deshalb sage ich nur: was nützten mir die Trostworte meines Nachbars, des Deutschen? Was nützt eS, daß es die größte Gabe ist, mit welcher je ein Mensch die Menschheit bedacht hat? Was nützt es, daß der Erfinder der größte Mensch aller Jahrhunderte ist? Das Unglück — ich weiß cs leider bei mir — ist: Professor Ehrlich ist Jude und unsere echt russischen Leute, die verboten, sich von der Cholera durch jüdische Aerzte heilen zu laffen, werden doch nicht auf halbem Wege stehen bleiben! _ Juda Israel Löwy iu Budapest. 1740—1856. Die Auflassung des jüdischen Friedhofes auf der äußeren Waitznerstratze in Budapest, die auf Magistratsbeschluß diese Woche in Angriff genommen wird, bringt die Gestalt eines der intereffantesten Juden zweier Jahrhunderte in Erinnerung, Juda Israel Lö'wy's. Ein verwitterter Stein in der Mitte des Gottesackers bezeichnet die Stelle, wo seine Asche modert. Die in römischer Schrift geschriebenen Zahlen 1740—1856 sind noch deutlich zu lesen. Das Leben dieses Mannes, der 114 Jahre auf der Erde gewallt, ist reich an merkwürdigen Einzelheiten. Sein Vater war einer der reichsten Männer Ungarns Er war Futterlieferant des Kaisers Leopold und Hoflieferant des Fürsten Franz Rakoczi. Juda Israel Löwy wurde in Trencsen geboren und in Preßburg erzogen. Als er herangewachsen, übernahm er as Geschäft seines Vaters. Als Bankier des Fürstprimas wurde er 1766 damit betraut, 200.000 Dukaten persönlich nach Rom zu bringen und an die Orden abzuliefern, da im Vorjahre zwei Kapuziner, die die gleiche Summe nach der ewigen Stadt bringen sollten, spurlos verschwunden waren. Nach seiner Rückkehr aus Rom starb der alte Löwy und hinterließ ihm sein nach Millionen zählendes Vermögen. Juda Israel führte das Geschäft fort. Er hatte das Wohnrecht in Preßburg, Pest, Wien und Prag und erhielt den Titel: jüdischer Hoflieferant des römischen Kaisers und ungarischen Königs. Kaiser Leopold ließ ihn sogar einmal an der Marschallstafel in Wien teilnehmen, eine Auszeichnung, die nie vor ihm ein Jude genossen. Diese Ehre wurde ihm angeblich dafür zuteil, daß er dem „Rebellen" Rakoczi die Unterstützung verweigerte. Es ist merkwürdig, daß Israel zu gleicher Zeit in Wien, Prag, Preßburg und Pest handelte, in welchen Städten er herrliche Paläste besaß. In Prag gründete er ein Wechselgeschäft, das 1870 von einer dortigen Bank angekauft wurde. Noch heute befinden sich die Aktien im Besitze der in Dänemrk lebenden Familie Löwy. 1780 reiste Juda Israel Löwy im Aufträge der Kaiserin Maria Theresia mit dem Prinzen Rohan nach Straßburg, wo unter Vorsitz des französischen Finanzmiuisters die Mitgiftfrage der späteren Königin von Frankreich, Maria Antoinette verhandelt wurde. Unter Josef II. und Leopold II. hört man nur wenig von Israel. Er unternahm zu dieser Zeit weite Reisen in die Türkei und England. Nach dem Ausbruch der großen französischen Revolution läßt er sich in Paris nieder, wo er auf Ersuchen Napoleons, der sein Finanzgenie erkannt hat, zwei Jahre verbleibt. Er ordnet den zerrütteten Geldmarkt Frankreichs und kehrt dann wieder nach Ungarn zurück. 1809 verbringt er ein ganzes Jahr in Karlsbad, um seinen Magen zu kurieren. Ein Jahr später vermittelt er den finanziellen Teil der Ehe Maria Luisens mit Napoleon, der ihm hiefür das französische Ehrenkreuz verleiht. Als Napoleon nach Elba wanderte, wurde ihm der Orden von der österreichischen Regierung konfisziert. Dies verbitterte den alten Mann, der sich nunmehr von den Geschäften zurückzog und dauernd in Preßburg lebte, wo er von seinen Mitbürgern wegen seiner Frömmigkeit und leutseligen Hilfsbereitschaft hochverehrt wurde. Mit achtzig Jahren Lberkam ihn plötzlich wieder der Spekulationsgeist. Er fuhr nach Wien und operierte mit seinem Gelbe abermals sehr glücklich. In Wien wohnte er dem Begräbniffe des Herzogs von Reichstadt bei. Zu seinem 100. Geburtstage zeichnete ihn Kaiser Ferdinand durch ein Glückwunschschreiben aus. In den März des Jahres 18^9 fällt seine Begegnung mit dem Erzherzog Franz Josef, dem jetzigen Kaiser-König, der sich von dem stramm ohne Stock dahinschreitenden 109jährigen Geschichten aus uralter Zeit erzählen ließ. Juda Israel Löwy hegte als llOjähriger noch den sehnlichen Wunsch, wieder in die Dienste des Hofes zu treten, allein sein Sehnen blieb unerfüllt. Der Freiheitskampf raubte dem Wundergreis ein Enkelkind und zwei Urenkel. Diese wurden wegen ihrer Teilnahme an der Revolution gefangen genommen und nach Wien gebracht. Der alte Löwy eilte in die Kaiserstadt und bestach dort den Kerkermeister. Allein seine Enkel konnte er nicht mehr befreien. Sie waren tags vorher in der Josefstadt erschossen worden. Obendrein wurde der Alte ins Gefängnis geworfen, wo er eine Woche lang blieb. Er erbat sich eine Audienz bei Hofe. Diese wurde ihm jedoch nicht gewährt, da man ihn verdächtigte, daß er Kossuth mit Geld unterstütze. Es gelang ihm niemals, sich von diesem Verdacht zu reinigen. Der Greis verlebte nun den Rest seiner Tage in Preßburg. 1654 reiste er zur Kur ins Kaiserbad nach Ofen, wo er beim Mittagsmahl plötzlich zusammenstürzte und seinen Geist aufgab. Er hinterließ ein Vermögen von 4 Millionen Gulden. A. H e l d. Kitrradrr. Interessante Kriminalprozesse von kulturhistorischer Bedeutung. Darstellung merkwürdiger Strafrechtsfälle aus Gegenwart und Jüngstvergangenheit nach eigenen Erlebnissen von Hugo Friedlaender, Gerichtsberichterstatter, mit einem Vorwort vom Justizrat Dr. S e l l o - Berlin, 240 Seiten, großes Format, eleg. drosch. M. 3.—, im Pergtbd. M. 4.—. Verlag von Hermann Barsdorf in Berlin W. 30. Nachdem die sogenannten Nie Carter — und andere auf die niederen Triebe der großen Maffe spekulierenden Detektivromane der-

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