Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 27 (1910)
- Issue
- 33 (19.8.1910)
- Date
- 1910-08-19
- Page
- – (sequence 13)
- Language
- German
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Nr 83 Dr. Blochs Wochenschrift. Seite L Herr Deutsch auch „hinteres" Fleisch gekauft, ja sogar am Samstag in eine nahe gelegene Stadt per Bahn um Koscherfleisch gefahren ist. So wird das religiöse Gefühl der P. T. Kurgäste verletzt und mittelst der Aufschrift „streng rituelles" Restaurant der Frau Wilhelmine Deutsch aus Olmütz das Publikum irregesührt. I. I e l e n k o , Kantor und Sekretär der Kultusgemeinde. Der Präsident des ungarischen Abgeordnetenhauses -Ehrenmitglied eines jüdischen Vereines. Aus Budapest wird uns geschrieben: Der Ofner jüdische Leichenbestattungs- und Krantenunterftützungsverein „Maskil el Dal" hat den Präsidenten des ungarischen Abgeordnetenhauses Dr. Albert Berczeviczy zu seinem Ehrenmitgliede ernannt. Eine Deputation des Vereines erschien dieser 'Tage bei dem neuen Ehrenmitgliede, der auch der Abgeordnete des Ofner Wahlb^irtes ist, um ihm das Ehrendiplom zu überreichen. Auf die Ansprache des Führers der Deputation antwortete der Präsident in herzlichen Worten für die Auszeichnung, die er hoch einschätze, und versprach, die großen Humanitären Ziele des Vereines nach Kräften zu unterstützen. Auszeichnung eines jüdischen Arztes. Der Kaiser hat dem Ober-Physikus der Stadt Püpa in Ungarn, Dr. Josef Steiner, „in Anerkennung seinerauf dem Gebiete des öffentlichen Sanitätswesens geleisteten eifrigen Dienste", das Ritterkreuz des Franz Joseph- Ordens verliehen. Ein Jude als Schützenkönig. Neustadt, Wefipr. Der allgemein beliebte und geachtete Kaufmann Max Wolff hat kürzlich hier die Schützenkönigswürde erhalten. Die hiesige Schützengilde besteht seit 1836 und Herr Wolff ist hier der erste Schützenkönig jüdischen Glaubens. Das Mosaische Gesetz in der modernen Hygiene. Der Professor des hygienischen Instituts an der Münchner. Universität Dr. Rudolf Emerich hat ein neues Verfahren zur Konservierung von Fleisch erfunden. Vor kurzem erläuterte der Gelehrte seine Erfindung in einem großen kreise von Fachleuten. Die Grundidee dieses Verfahrens liegt in der Anwendung des mosaischen Gesetzes über das Schächten und der vollständigen Entblutung des Fleisches, da dasselbe nur auf diese Weise gesund und unverdorben erhallen werden kann. Begnadigung von Pogromverbrechern. Der Petersburger Korrespondent der „N. I. K." schreibt: Die neulich wegen Beteiligung an dem Rjasaner Pogrom von 1905 zu Gefängnisstrafen von 2 bis 8 Monaten verurteilten Personen sind nunmehr begnadigt worden. Einführnngsbriefe für päpstliche Audienzen an Juden. Wie der „Jewish Chronicle" erfährt, hat Kardinal- Staatssekretär Merry del Val ein Rundschreiben an alle Bischöfe der römisch-katholischen Kirche gerichtet, in dem sie aufgefordert werden, keine Einführungsbriefe für Audienzen beim Papst an Juden zu geben, auch nicht an solche von Bedeutung. Mit Bezug auf die vorstehende, im „Jewish Chronicle" erschien ene und auch von der „Times" veröffentlichte Nachricht, daß der Kardinal-Staatssekretär an alle Bischöfe der katholischen Kirche ein Rundschreiben gerichtet habe, in welchem er sie aufforderte, kein Empfehlungsschreiben an Juden zu erlaffen, welche vom Papste in Audienz empfangen zu werden wünschen, auch wenn es sich hierbei um angesehene Persönlichkeiten handle, schreibt der „Osservatore Romano", daß nach eingeholten Informationen die Nachricht vollkommen aus der Luft gegriffen sei. Dieses Dementi wird auch vom „Giornale d'Jtalia" bestätigt. Feuilleton. Derfolgungen jüdischer Aerzte tu Rußland. Im „Haint" ei schien dieser Tage die folgende Satire von dem bekannten Schriftsteller David Frischmann: Ich und mein Nachbar in der Sommerfrische, ich ein Jude und mein Nachbar ein deutscher Christ pflegen jeden Morgen unsere Tagesblätter zu tauschen. Das ist eine bequeme Einrichtung, auf diese Weise hat jeder von uns täglich zwei Zeitungen. Ich, der Jude, gebe ihm täglich meine Zeitung, die ich abonniert habe, d. h. also, ich gebe ihm die „Novoje Wremje", mit den Artikeln von Menschikoff und er, der Christ, gibt mir sein Blatt, die liberale „Frankfurter Zeitung". Er liest in meiner Zeitung, daß in Rußland Cholera- und Pestepidemie wüten und sich täglich mehr verbreiten und daß an dem Auftreten dieser Epidemien die Juden und einige Mäuse schuld seien, und daß das einzige, was die Behörden zur Unterdrückung der mörderischen Krankheit unternommen haben, darin besteht, daß sie 1. einige Rinnstöcke mit Kalk verschmieren lieben, 2. die Absicht haben, einige Notbaracken zu errichten und daß sie hauptsächlich 3. den Kranken verbaten, sich von jüdischen Aerzten heilen zu lassen. Ist demnach ein christlicher Arzt zur Stelle, ist's recht, wenn aber nicht, so hat der Kranke seine Schuldigkeit zu tun und zu sterben. Ich hinwiederum lese in seiner, daß irgend ein großer Professor, Professor Dr. Ehrlich in Frankfurt, ein Jnjektionsmittel gegen die schrecklichste aller schrecklichen Krankheiten, gegen die Syphilis, erfunden habe und daß dieser Professor Ehrlich der größte Mann aller Jahrhunderte sei, daß dieses Mittel die größte Gabe sei, mit der ein Mensch die Menschheit jemals bedacht habe, daß dem Erfinder in allen Städten und Ländern noch bei Lebzeiten Monumente gestellt werden sollten, daß der Gelehrte, um sich kurz zu faffen und seinem Mittel nicht langatmige chemische Bezeichnungen geben zu müffen, es kurzweg *606" benannte. Und so nebenbei erfahre ich, daß Profeffor Ehrlich Jude ist. Mein Nachbar ist ein liberaler Mann und entledigt sich aller böser Träume „zu Menschikoffs Kopf". Menschikoff ist gar kein Mensch, sagt er, sondern ein wildes Tier. Daß die Mäuse und — die Juden die Krankheiten eingeschleppt hätten, glaubt er einfach nicht. Vom Auskalken der Rinnsäle hält er nichts. Baracken wären schon eher etwas, der Fehler ist bloß, daß sie erst errichtet werden müßten, und da sind wieder — Lieferanten, Unternehmer, Jndentanturen und Senatorenrevisionen unvermeidlich. Juden nicht zur Krankenheilung znzulaffen, sagt er, ist einfach eine Mörderei, so etwas wird selbst bei den Wilden in Mittelafrika nicht Vorkommen. Vielleicht hat mein Nachbar recht. Man kann auf einen Chasan böse sein, aber deshalb bei „Kodausch" in der Kedischa nicht Hüpfen ist eine Narretei. Und um mich zu trösten in meiner Niede geschlagenheit, verweist mich der Deutsche auf Prof. Ehrlich und meint, wir. wir Juden können stolz sein auf ihn. Wir Juden, sagt er, wissen vielleicht gar nicht, wie groß seine Erfindung ist. Er aber, mein Deutscher ist ein Fachkundiger in solchen Dingen. Ec kann eS mir kurz sagen: Seitdem die französische Krankheit im 15. Jahrhundert unter dem Militär Karls VIII. aufgetreten ist, bis auf den heutigen Tag, find an ihr viele Zehnmillionen Menschen zugrunde gegangen. Es ist nachzewiesen, sagt er, daß jeder IO. Mensch an Syphilis krank ist. Tas heißt wenn die „Nowoje Wremja" z. B. 130.0C0 Abonnenten hat. sind IO.OOO von ihnen Syphilitiker. Die Welt, sagt mein Deutscher, liebt die Ausschweifung; das einzige, daS sie bis jetzt ein wenig davon abhielt, war die Angst vor der schrecklichen Krankheit. Jetzt ist die letzte Schranke gefallen; die Angst existiert nicht mehr. Die Lebewelt sollte jetzt wahrhaftig einen Tanz um eine Flasche „606" aufführen. Männlein und Weiblein können sich die Hände reichen zu einem Freudentanz um die Flasche „606", wie in alten Zeiten die Juden um das goldene Kalb tanzten. Der Trost meines Deutschen hat mich wenig getröstet. Mir wollte es auf keine Weise aus dem Sinn, daß Ehrlich Jude ist. Und ist er einmal Jude, so liegt die Folgerung nahe, daß ein großer Teil der Menschen seine Erfindung gar nicht wird benützen wollen. Ich sehe es gerne, wenn man konsequent ist, d. h. wenn man nicht auf halbem Wege stehen bleibt. Hat man sich irgend etwas vorgenommen, so soll man es auf allen Gebieten in gleicher Weise durch-