Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 27 (1910)
- Issue
- 33 (19.8.1910)
- Date
- 1910-08-19
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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Nr. 33 Dr. Blochs Wochenschrift. Sette 547 nur, daß die Lösung der Iudenfrage im angedeuteten Sinne noch sehr fern ist. Vielleicht bleibt diese Reform der vierten Duma Vorbehalten, doch wird augenblicklich niemand es wagen, hier den politischen Propheten zu spielen. („Berl. Tgbl.") Vom Zubrrnarkt des Lebens. Christlichsoziale Bolksbeglücker. Vor mehreren Tagen meldeten. die hiesigen Tagesblätter den Zusammenbruch einer Kreditgenossenschaft. Der Namen derselben lautet „Allgemeiner Spar- und Gewerbe-Kreditverein r. G. m. b. H. in Wien". Der Zusammenbruch dieses Institutes bildet neuerdings den neben so vielen anderen, der Oeffentlichkeit zur Genüge bekannten Beweis, mit welchem Erfolge dem kleinen Mann in Wien geholfen wird. „Alles für den kleinen Mann und Kampf gegen das jüdische Kapital" lautete die Parole, unter welcher die Christlich- Sozialen auszogen, Wien und später das Reich zu erobern. Die politische Eroberung ist ihnen vollends gelungen. Mit ihrem Demagogentum haben sie es in verhältnismäßig kurzer Zeit zur größten Reichspartei gebracht, aber wie dabei der kleine Mann gerettet wurde, beweist eben wiederum der Zusammenbruch des in Rede stehenden Institutes. Der durch seinen besonderen Geschäftssinn und seine Unternehmungsfähiokeit bekannte Abgeordnete Julius Axmann, ein Mann, dessen Versiertheit in Interventionen geschäftlicher Natur sprichwörtlich ist, ging vor ungefähr fünf Jahren daran, im Vereine mit einigen christlichsozialen Gemeinderäten ein Institut zu gründen, das dazu dienen sollte, der christlichen Bevölkerung Darlehen zu den billigsten und bequemsten Bedingungen zu gewähren, und ihre Sparpfennige möglichst sehr hoch zu verzinsen. Diesem Ziele verdankt der „Allgemeine Spar- und Gewerbe- Kreditverein" seine Entstehung. Damit das Institut, das ja bestimmt ist, dem Gemeinwohl zu dienen, rasch populär wird und allgemeines Vertrauen — auch bei Spareinlegern jüdischer Konfession — genieße, wurden für den Verwaltungsrat einige geistliche Herren, päpstliche Kämmerer und sogar aus der Aristokratie in der Person des Grafen Ferdinand Mels Colloredo gewonnen. Die klerikale Presse, deren man sich für dieses gottgefällige Werk interessieren wollte, wurde ebenfalls mit einer Stelle im Verwaltungsrat bedacht. Herr Paul Siebertz, der Herausgeber und Chefredakteur des „Vaterland", hatte sich für diesen humanen, der Nächstenliebe dienenden Zweck zur Verfügung gestellt. - Unter den Auspizien der Gottes- und Volksvertreter, der Vertreter des öffentlichen Gewissens wurde also dieses Werk ins Leben gerufen. Die Genossenschafter dieses Institutes, also jene Personen, denen man billige Darlehen gewähren sollte, haben für ihr schwer erworbenes Geld Anteilscheine im Betrage von 100 Kronen pro Stück gezeichnet und bezahlt. Schon vor drei Jahren, zwei Jahre nach der Errichtung des Institutes, wurden die Anteile, dank der besonders umsichtigen und gewissenhaften Geschäftsführung, die den Christlich-Sozialen eigen ist, wenn es sich um allgemeine Interessen handelt, mit 70 Kronen abgeschrieben und heute wären die armen Genossenschafter froh, wenn man sie nicht zu weiteren Zahlungen heranzöge. Ist schon dieser Umstand allein ein genügender Beweis, mit welcher Frivolität und Gewissenlosigkeit die Herren in der Verwaltung fremden Eigentums umgehen, so kann erst die Tatsache nicht genug verurteilt werden, daß es diesem Institute, das, wie das offizielle Organ der deutschen Erwerbs- und Wirtschaftsgenossenschaften, „Die Genossenschaft", erklärt, schon von Haus aus als eine faule Gründung zu betrachten war, gelang, ungefähr 150.000 Kronen Spareinlagen herauszulocken, wovon 40.000 Kronen einfach nicht da sind; der Rest dieser Spareinlagen ist in Geschäften des Institutes investiert, u. zw. so.'daß es einem Spareinleger im Leben nicht möglich sein wird, auch nur einen Heller zu bekommen. HerrAxmann, der, wo es sich um seine Person und Tasche handelt, genügend vorsichtig und klug zu handeln versteht, trat plötzlich aus der Verwaltung aus, an seiner Stelle figuriert ein Mann, der vielen Wienern von der unglückseligen Nußdorser Sparkasse in Erinnerung ist. Die Christlich-Sozialen, die die Wiener Bevölkerung von den Inden-Banken befreien wollten, gründen verschiedene Kreditinstitute, bei denen in der Regel der kleine Mann zugrunde geht. Das Verleiten zum Börsenspiel und die Beteiligung an zweifelhaften Geschäftsunternehmungen kann nicht so verurteilt und vom Gesetze bestraft werden — denn in diesen Fällen handelt es sich immer um die vorherige Zustimmung der betreffenden Personen — als das gewissenlose Manipulieren mit Spareinlagen. Die christlichsozialen Volksbeglücker. I. Grobtuch. Das Judentum auf dem Berliner Weltkongreß für religiösen Fortschritt. Auf dem gegenwärtig in Berlin tagenden fünften „Weltkongreß für freies Christentum und religiösen Fortschritt" hielt Herr Geh. Regierungsrat Prof. Dr. Hermann Cohen ein sehr gedankenreiches Referat über die „Bedeutung des Judentums für den religiösen Fortschritt". Die Ausführungen gipfelten in nachstehenden Thesen: 1. Der absolute geistige Monotheismus des Judentums, der jeden Mittler in Gestalt eines höheren Menschen ausschließt, schafft sittlichen Idealismus und Enthusiasmus. 2. Das Ringen der Seele nach Versöhnung mit Gott, um durch sie zur Versöhnung mit sich selbst zu kommen, ist uns eine durchaus selbständige Erlösungsarbeit gewesen. Der Begriff „schuldlose Sünde" (Schegaga) stammt hierher; eine Tendenz, der die Propheten einst Bahn gebrochen haben und die neuerdings in der Christenheit unter dem Ausdruck „praktisches Christentum" wieder in den Vordergrund tritt. 3. Die Thora, da sie nicht Gesetz, sondern Lehre ist, schließt Unwissenheit, einen besonderen geistigen Stand und den Gegensatz von Glaube und Wissen aus und verwirklicht uns den Begriff „ein Reich von Priestern und ein heiliges Volk". 4. Der Sabbat wird mit seiner doppelten Begründung im 2. und 5. Buch Moses zum Symbol des religiösen Fortschritts überhaupt. Neben der Ruhe und dem Gottesdienst bestimmt zur Lehre, dient der Sabbat zur Durchdringung des ganzen Lebens mit einer Religion, die ihr Schwergewicht im Diesseits erhält. 5. Durch die Begründung des Sabbatgebots („Dein Knecht wie du selbst") ist nicht nur die Sklaverei wenigstens im Prinzip aufgehoben, sondern das Lebensprinzip der politischen Freiheit überhaupt befestigt und als Ankergrund des gesamten religiösen Denkens festgelegt worden. 6. In der Idee des Messias, der ursprünglich eine dynastische Person, zum Volk, ja zur Menschheit der Zukunft wird, hat das Judentum seinen Gottesbegriff vollendet und der Welt den Begriff der Menschheit und der Weltgeschichte geschenkt, deren Ziel die Welterlösung in der Verwirklichung der Sittlichkeit auf Erden ist. 7. Damit ist die Hoffnung aufgepflanzt, die das Judentum auch im tiefsten Leid, in unerschütterlicher Glaubenstreue hat aushalten lassen. 8. Auch die Konzentration des modernen Judentums auf die Gottesidee der Propheten weist nicht rückwärts, sondern in die Zukunft: da ist das wieder zu suchen, was die Zwischenzeit verdunkelt hat. Nur in sozialer Sittlichkeit und in weltbürgerlicher Humanität, so schloß der Redner, atmet der lebendige Gott, den die Propheten Israels zum Gott Israels und zum Gott der Menschheit gemacht haben. (Stürmischer anhaltender Beifall.) Eine Millionenspende für Deutschland «nd England. Um das Andenken des verstorbenen Königs Eduard, dessen Freund er sich nennen durste, zu ehren und zugleich, um dem deutschen Kaiser seine Verehrung auszudrücken, hat Sir E r n e st Cassel eine Stiftung errichtet, die einen englisch-deutschen Charakter haben soll und für die er vorläufig ein Kapital von vier Millionen Mark ausgesetzt hat. Die leitende Idee des Stiftungsplanes ist, eine Fürsorge zu schaffen, die gleichzeitig den minderbemittelten Engländern, die in Deutschland weilen und dort einen Erwerb suchen, sowie den Deutschen in England, die sich dort in der gleichen Lage befinden, zugute kommen soll. Was aber diesem Werk noch eine besondere Bedeutung gibt, ist die Tatsache, daß die Souveräne beider Länder das Protektorat über die Stiftung übernommen