Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 27 (1910)
- Issue
- 33 (19.8.1910)
- Date
- 1910-08-19
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 546 Dr. Blochs Wochmschrift. Nr. 33 sondern der Kaiser hat uns in unzähligen Formen bewiesen, daß unsere Gleichberechtigung der wirkliche Entschluß seines Herzens war und daß er seine Macht mit Absicht benützte, um einem Jahrhunderte alten und schweren Vorurteil ein jähes Ende zu machen. Daß man seinen Intentionen nicht gehorchte, vermindert nicht den Wert des kostbaren Schatzes, den wir aus seinen Händen empfangen haben. Wir haben uns ihn zu verdienen gesucht auf dieselbe Weise, in welcher der Kaiser die Bewunderung der Welt und das höchste Lob der Geschichte verdient hat: durch Arbeit. Wir suchten die Kraft des Staates auf allen Gebieten zu heben und getrauen uns wohl, eine Statistik des von uns hervorgebrachten Butzens für das Gemeinwohl herauszufordern. Dies unsere Form des Dankes und außerdem unsere bescheidene Bemühung, den Intentionen des Monarchen zu entsprechen, der den schweren Kampf des Daseins mit Wehmut sieht und nicht müde wird, für die Schwachen und Hilflosen Hilfe zu fordern. In dieser Beziehung werden die Forderungen unserer Religion nach praktischer Nächstenliebe zur Huldigung für ihn und in jeder Beziehung unsere heiligsten Gefühle, unsere feierlichsten Vorsätze. Unsere Söhne werden, wenn es nötig ist, wie immer im Pulverdampf der Schlachten dem Namen Franz Joseph I. Ehre holen, in der Werkstatt der Intelligenz und der Arbeit Macht und Fortschritt - für das Vaterland, in allen Dingen blinde Treue halten zu unserem Kaiser und dem Reiche. Sonst haben wir nichts Besonderes und Sichtbares, was wir als Zeichen unserer unbegrenzten Verehrung mitbriugen, wenn auch wir Juden Seiner Majestät hohes Glück und lange Jahre wünschen kommen. Mag er in dem Kranz des Ruhmes und der Liebe, den ihm jetzt seine Völker reichen, auch unsere Blumen bemerken, die rot und glühend prangen, weil ihre Wurzeln in unseren Herzen stehen * * * Eine Adresse der israelitische» Kultusgemeind e Der Vorstand der Wiener israelitischen Kultusgemeinde hat eine Gesamtadresse der österreichischen Judenschaft an den Kaiser gerichtet. Die Huldigungsadresse wurde vom Maler D. Markus kunstvoll ausgeführt und. ruht in einer nach dem Entwürfe der Architekten Emmerich Spielm a n u und Dr. Alfred Teller von der Wiener Juwelierfirma Julius K o h n ausgesührten prachtvollen Kassette. Die Kassette hat die Form eines achteckigen Kästchens mit abgerundeten Ecken, das mit einem facettierten Glasdeckel verschlossen ist. An die Seitenwände des Kästchens sind je zwei Pilaster angebaut, aus deren mit Halbedelsteinen gezierten Kapitälen sich massiv getriebene und reich dekorierte Ranken entwickeln. Als Dekorationsmotiv für die Ranken wurden achtzig vergoldete Blüten verwendet, die den Anlaß des Huldigungsgeschenkes, die achtzig Lebensjahre des Monarchen, symbolisieren. Das Ganze ist in massivem Silber hergestellt und ruht auf einem dreifach getreppten Eöenholzsockel. Das Innere ist mit weißer Seide ausgeschlagen. Ueberdies finden im Schoße des Vorstandes der Kultusgemeiude Beratungen über eine größere Wohltätigkeitsaktion statt. _ Schlimmer als Plrhme. Petersburg, 11. August.. Der Antrag auf Aufhebung des Ansiedlungsrayons der Juden ist mit nahe an zweihundert Unterschriften der Reichsduma Zugegangen. Leider ist es aber schon heute kein Geheimnis mehr, daß dieser Entwurf kaum zur Beratung gelangen wird, daß sein Schicksal besiegelt erscheint. Allerdings hat die Regierung vor Jahr und Tag erklärt, daß die Aufhebung des Ansiedlungsrayons von der Volksvertretung und nicht von der Regierung auszugehen habe, doch liegt gerade in dieser Erklärung die ganze Ironie der Judenpolitik, da ja die gehorsame Reichsduma des Herrn Stolypin immer nur das will, was er will. Bei der ausgesprochen nationalistischen Politik des Kabinetts ist an eine Verwirklichung des Entwurfs vorderhand gar nicht zu denken. Im Gegenteil, man kann sich auf schärfere Maßregeln gegen die Juden gefaßt machen, um sie soviel .als möglich zur Auswanderung zu zwingen. Der Entwurf ist von 136 Mitgliedern der Opposition unterschrieben, zu denen einige linke Oktobristen traten. Das sieht nicht so übel aus, doch darf man eins nicht vergessen: das Stimmenverhältnis in der Kommission ist ein derartiges, daß der Entwurf durchfallen muß. Welcher Grund dafür angegeben werden wird, ist einerlei. Ob die Oktobristen ihn auf einen Wink Stolypins für „nicht zeitgemäß" erklären, ob die Nationalisten ihn als programmwidrig verwerfen werden, weil sie unter keinen Umständen die Gleichberechtigung der Juden wollen, darauf kommt es im Grunde genommen nicht an. Vor allem sei vor vagen Hoffnungen gewarnt. Das wissen übrigens die russischen Juden selbst am besten, die am Treiben der Polizei sofort sehen, woher der Wind weht. Fürs erste stehen den Juden keine leichten Tage bevor. Das, was sich in Kiew und Moskau abgespielt hat, wird sich in anderen Städten wiederholen. Ja, es ist nicht ausgeschlossen, daß auch für Petersburg die Stunde schlägt. Nicht umsonst ist genau festgestellt worden, daß die Residenz allein gegen 8000 jüdische Zahnärzte und Zahntechniker zählt, von denen sich kaum ein Viertel mit Ihrem Berufe beschäftigt, während die anderen kaufmännische Geschäfte betreiben. In anderen Verufsklassen sieht es nicht besser aus. Obgleich der ermordete Minister des Innern von Plehwe die Juden für das gefährlichste revolutionäre Element in Rußland hielt, war er doch menschlich genug, den jüdischen Handwerkern das Wohnrecht in Städten und Flecken außerhalb des Ansiedlungsrayons unter der Bedingung teilweise freizugeben, daß sie sich wirklich mit ihrem Handwerk beschäftigen. Das hat manche Judenfamilie aus dem Ansiedlungsrayon hinausgelockt. Jetzt haben viele dieser Leute die Folgen davon zu tragen. Das Streben der Regierung geht dahin, die Juden soviel wie möglich in den Ansiedlungsrayon Zurückzudrängen und sie ihre ganze Rechtlosigkeit nach Möglichkeit fühlen zu lassen. Augenblicklich soll Smolcnsk von Juden „gesäubert" werden. Das geschieht sehr einfach. Zuerst werden die Papiere der Juden sorgfältig geprüft. Ist an diesen Papieren nichts auszusetzen, so verlangt die Polizei jene unter Plehwe vor über einem Jahrzehnt erteilte Ermächtigung, außerhalb des Ansiedlungsrayons zu wohnen. Da diese Befehle seinerzeit ausgefertigt worden sind, so glaubten sich die Juden geborgen, doch erwies es sich, daß die Polizeiarchive die Wohnbefehle verlornen oder verworfen hatten. Auch hierdurch ließen sich die jüdischen Handwerker nicht abschrecken und suchten um die Ausfertigung neuer Befehle nach. Da erklärte dije Polizei, daß der Gouverneur von Smolensk einen mündlichen Befehl erlassen habe, der den Juden bis zur Klärung der ganzen Frage das Wohnrecht in Smolensk raubt. Gegen eine solche Erklärung läßt sich nichts ausrichten und so mußten einige Dutzend Handwerker mit Kind und Kegel aus Smolensk hinaus. Dieser Erfolg war der Administration zu gering. Den Handwerkern folgten nun die jüdischen Studenten, deren Eltern nicht das allseitige Wohnrecht besaßen. Ein entsprechendes Zirkular des Departements für allgemeine Angelegenheiten brachte die Sache in Fluß und die jüdischen Studenten, die sich während der Ferienzeit in Smolensk aufhielten, wurden angewiesen, binnen fünf Tagen die Stadt zu verlassen, da sie sich nur in ihrer Universitätsstadt aufhalten dürften. Alle diese Verfolgungen sehen nicht wie Vorläufer einer kommenden besseren Epoche aus, sondern beweisen