Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 27 (1910)
- Issue
- 32 (12.8.1910)
- Date
- 1910-08-12
- Page
- – (sequence 12)
- Language
- German
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Sette 640 Nr. 32 Dr. Blochs Wochenschrift. Soweit es möglich war, bemerkten wir unter den Anwesenden den Vizepräsidenten des Abgeordnetenhauses Prof. Romanezuk, die Abgeordneten Dr. Straucher und Begielski, eine Deputation der ukrainischen Partei, in Vertretung der Lemberger Kultusgemeinde die Vorsteher Dr. Diamant und Nathansoh« mit dem Sekretär Dr. Pesches, den Präsidenten der Handels- und Gewerbekammer Samuel von Horowitz und den Viz-sekretär Dr. Korkis, außer den fungierenden Rabbinern auch die Rabbiner Dr. Kodak (Lemberg), Dr. Brande (Lodz) und Dr. Margulies (Drohobycz). die Repräsentanten sämtlicher zionistischen Organisationen unter Führung des Vizepräsidenten Dr. Schreiber, Vertreter der jüdischen Arbeiterpartei, der Presse, Deputationen vieler auswärtiger Kultusgemeinden und Vereine rc. In allen Straßen, die der Zug passierte, waren wie auf ein Zeichen sämtliche Geschäfte geschloffen worden. Auf dem Friedhofe exekutierte Oberkantor Halpern. assistiert vom Tempelchore, die ergreifenden Trauergesänge, worauf zehn Trauerreden gehalten wurden. Es sprachen die hiesigen Rabbiner Brande und Dr. Guttmann, 'Rabbiner Schmelkes aus Przemysl, Dr. Schreiber im Namen der zionistischen Organisation, Abgeordneter Dr. Straucher im Namen des Jüdischen Klubs. Abgeordneter Begielski im Namen der ukrainischen Partei, Wechsler im Namen des Wahlkreises, Dr. Schneider als Vertreter der Mischen Jugend, Herz im Namen der Poale-Zion, Tieg« im Namen der konservativen Juden. Unter Abstngung von Traüepgefängen erfolgte nach 6 Uhr die Beisetzung. Unter den vielen hundert Beileidskundgebungen, die an die Familie und an die zionistische Partei gelangt sind, befindet sich auch ein Schreiben des Ministerpräsidenten Baron Bienerth, der Wiener Kultusgemeinde rc. Zum Andenken an den Verewigten soll ein Stipendium, bestimmt für einen aus Galizien stammenden Schüler der Bezalelschule in Jerusalem, errichtet werden. Sereth. Am 30. v. M. verschied Herr Kalman Hecht in Wien im 70. Lebensjahre und wurde nach Sereth überführt, wo das Leichenbegängnis am 2. d. M. stattfand. Derselbe hat vor 2 Jahren eine Talmud-Thora erbauen lasten und erlegte als Stammkapital 10.000 Kr. Ferner vermachte er, da er kinderlos war, fein ganzes Vermögen im Betrage von 300.000 Kr. für wohltätige Zwecke. kugusu. Vor einigen Tagen wurde die Ausgrabung des alten jüdischen Friedhofes, in der Nähe der Stadtmauer hinter der Stadt in Angriff genommen. Der Friedhof, der eine Fläche von 2500 Quadratmeter umfasst, gehört der hiesigen jüdischen Gemeinde und wurde jetzt demKaufmanne Salomon Tolentino verkauft, der an dieser Stelle ein Haus und ein Magazin erbauen lassen wird. Der Friedhof ist über 500 Jahre alt und bis vor 115 Jahren war er die Grabstätte der Ragusaner Juden, die jetzt bei Gruz einen neuen Friedhof haben. Mit lobenswerter Fürsorge und Liebe werden die Gebeine der Toten jetzt ausgegraben. Das ganze Feld wird zweieinhalb Meter tief gegraben und sorgsam werden die Gebeine gesammelt und in neue Särge gelegt. Bisher wurden schon sechs volle Särge Gebeine ausgegraben, die auf dem neuen Friedhof in einem Grab bestattet werden. Bei den Grabungen wurden einige Kupfermünzen [der Republik gefunden. [In einem Grab, in dem vor. 240 Jahren eine Frau begraben wurde, fand man den Schädel noch ganz bedeckt mit wallendem schwarzen Haar, und die Zähne in blendender Wtisse erhalten. Am kleinen Finger fand man den Trauring aus feinstem Gold, auf dem die Zeichen der Ehe eingraviert sind. In der Tiefe von eineinhalb Meter wurden über 100 Grabsteine gefunden, mit Aufschriften von 170, 200 und 300 Jahren. Die Steine kamen vor 50 Jahren unter die Erde zu liegen, als anlässlich einer Ueberschwemmung eine Abrutschung des angrenzenden Hügels einen grossen Teil des jüdischen Friedhofes verschüttete. Die Grabsteine werden auf den neuen Friedhof übertragen und dort aufgestellt werden. Man bewundert hier allgemein die Liebe der Juden zu ihren Toten: jede Erinnerung, jeder Gegenstand ist ihnen teuer und wird sorgfältig aufbewahrt. — Bei dieser Gelegenheit sei erwähnt, dass die Juden während der Republik volles Ansehen und Freiheit genossen und auch eine Gasse die „J/5idovska ulica“ nach ihnen benannt wurde; auch die Türken waren frei, nur die Griechen durften nicht in der Stadt wohnen und mussten vor neun Uhr abends das WeichbUd der Stadt verlassen. Drmaszerdahely. Aus Dunaszerdahely wird uns mitgeteilt, daß Dienstag den 26. v. M. nachmittags der erste Dajan dieser ehrwürdigen Kehille und Vorsitzender des Rabbinatskollegiums "ips aib» ma rn am , Stern , verschieden ist. Der Verblichene war ein Godaul Betauroh wejiroh und im strengsten Sinne des Wortes ein Zaddik gomur. Donnerstag fand die Beerdigung dieses edlen Toten unter großer Beteiligung der Bevölkerung der Stadt und Umgebung und zahlreicher ehrwürdiger Rabbinen statt. Als Vertreter der Wiener Schiffschul erschien Herr Philipp B a k. Im Trauerhause hielten zuerst die beiden Söhne des Verstorbenen Samuel B. und Saul Stern ergreifende Abschiedsworte, worauf RabbinatSaffeffor Josef Fleischmann die Bedeutung des Verlustes für die Gemeinde und das orthodoxe Judentum schilderte, sowie den Dank der Gemeinde seinem unvergeßlichen Seelenhirten zum Ausdrucke brachte. In der vollgefüllten Synagoge hielten Oberrabbiner Jes. Silber st ein - Waitzen, Rabbiner Josef Baumgarten, Rabbiner der Schiffschul in Wien, und Benjamin Seidel, Oberrabbiner in Galantha, (beide Letzteren Schwiegersöhne des Hingeschiedenen) erschütternde Worte des Schmerzes und der Trauer. Dann sprachen der Neffe Rabbiner Mayer Frey aus Nagy-Surany, ferner Rabbiner Samuel Austerlitz aus Somerein und Rabbiner Lebowitz aus Joka. Im Tempelhofe sprachen Subrabbiner Aron K a tz - Neutra, Rabbiner S. S ch o t t e n - Nagy-Megyer und Vereinsrabbiner S. Donath aus Preßburg. Hernach setzte sich der Trauerzug nach dem eine halbe Stunde weit entfernten Gottesacker in Bewegung, wo nach den sogenannten „7 Hakofas" die irdischen Reste zur ewigen Ruhe gebettet wurden. Die Rothschild-Synagoge. Baronin Edmond de Rothschild hat der jüdischen Gemeinde in Boulogne-sur-Seine die nötigen Mittel zur Errichtung einer Synagoge gespendet. Es ist dies bereits die zweite. Synagoge in Paris, die ihre Entstehung der Munifizenz der Wohltätigen Baronin zu danken hat. Vor noch nicht langer Zeit wurde nämlich die Synagoge im Quartier Montmartre in Paris aus den Mitteln der Baronin errichtet. Große Stiftung. Frau Witwe Alexander v. Deutsch geb. Baronin Anna Schosberger hat zum Andenken ihres verstorbenen Gatten Alexander Deutsch von Halom zu Gunsten des durch den Pester israelitischen Heiligen Verein erbauten Hauses der Barmherzigkeit eine Stiftung von 50.000 Kronen errichtet. Der Verblichene hat sich als Präsident des Baukomitees der genannten Anstalt unvergängliche Verdienste erworben. Feuilleton. Skizze« und Studie« zur Geschichte der Jude« i« Pole«. Von Dr. Major Balabau, Lemberg. V. Der Schwedenfähnrich. (Schluß.) Den ganzen Weg war er sehr aufgeregt, er schämte sich sehr, daß er von Juden beleidigt wurde und wehrlos den Schimpf über sich ergehen ließ. In dieser Aufregung hatte er stets den Pinlas vor Augen, seinen schrecklichen Blick, seinen Schnurrbart, seine Stimme — das gute Polnisch —; die Stimme war ihm bekannt, jemand aus seiner Umgebung hatte eine ähnliche Stimme, dieselbe Stimme: aber wer? Vielleicht hörte er sie in Posen, wo er die Wunden an der Hand vom Feldscheer heilen ließ?! So vertieft in seine Gedanken, unzufrieden mit sich selbst und wütend über die Juden, kam Herr Dziewicki in das Schloß und verlangte vom Vurghauptmann militärische Assistenz. Stanislaus Sicinski, einst Landrichter, jetzt Beamter der Lonfederierten, legte dem Gerichtsmarschall Rytowski die Angelegenheit vor und der gab dem Eraktor die gewünschte Mannschaft: bald marschierte ein kleiner Trupp, kommandiert vom Fähnrich Herrn Parchacz in die Judengasse hinunter. Vor den Soldaten schritt Herr Dziewicki mit dem Amtsdiener und zwei Adeligen — jenen sakramentalen Zeugen einer jeden Amtshandlung — einher. Stolz marschierte Herr Dziewicki, wie ein Feldherr an der Spitze einer