Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 27 (1910)
- Issue
- 32 (12.8.1910)
- Date
- 1910-08-12
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/3020846-3021873-3021906--19494-3044480- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Seite L36 WloKs Wochenschrift. Nr. 32 «Ich glaubte, -aß er ei« Jude ist." Vor einigen Tagen trug sich in Galatz ein Zwischenfall zu, der es verdient, der breitesten Oeffentlichkeit bekannt gemacht zu werden. Auf der Bank eines Tramwaywaggons saß ein Herr mit seiner Kau. Ein Oberst in Uniform, der mit einem neben diesem Zivilisten fitzenden Bekannten sprechen wollte, forderte ihn auf, ihm den Platz zu überlasten. Der also Angesprochene, der sich, wie schon erwähnt, in Gesellschaft seiner Frau befand, weigerte sich. Entrüstet über diese Weigerung versetzte der Oberst dem Zivilisten ohne weiters zwei paar Ohrfeigen. Der in dieser Weise Mißhandelte, der sich mit dem Oberst in keine Schlägerei einlaffen mochte, begnügte sich damit, dem Offizier seine Bifitkarte zu überreichen, und der Oberst seinerseits übergab ihm die seine. Als der Oberst die Vifitkarte las und sah, daß der Geohrseigte ein Advokat sei, bat er sowohl ihn als auch seine Frau sofort um Entschuldigung, indem er sein Vorgehen mit dm Worten begründete: „Ich glaubte, daß Sie ein Jude seien." Man muß gestehen, daß diese Begründung tief blicken Lßt und die eigenartigsten Schlußfolgerungen zuläßt. Man kann z. B. folgende Regel aufstellen: Wenn ein Militär, der zumindestens den Rang eines Obersten bekleidet, auf die Tramway steigt, so hat er das Recht, von einem Juden, der mit seiner Frau im Waggon fitzt, zu verlangen, daß er aufstehe, um ihm Platz zu machen. Und wenn der Jude sich etwa weigern sollte, dieser Aufforderung Folge zu leisten, so hat der Militär das Recht, ihm nicht etwa zwei, sondern vier vollwichtige Ohrfeigen zu applizieren. Einmal diese Regel festgestellt, eröffnen sich weitere wundervolle Perspektiven. Wenn z. B. ein etwas impulsiver Offizier mit irgend einem Zivilisten Skandal provoziert, so wird ihm immer eine Entschuldigung von überwältigender Kraft zu Verfügung stehen: „Ich glaubte, daß er ein Jude war", und nach diesen Zauberworten wird alles verwichen werden. Die weiteren Schlußfolgerungen, deren Reihe mit diesen Anführungen noch beiweitem nicht erschöpft ist, können Wh unsere Leser selbst ziehen. Der Galatzer Advokat vermochte es merkwürdiger Weise . Licht, sich die überzeugende Logik des Obersten zu eigen zu machen. Er begriff nicht, daß der unerhört brutale Angriff, deffen Opfer er geworden war, eigentlich nicht ihm, sondern irgend einen Juden gegolten hatte, und daß er sogar sehr zufrieden sein müffe, daß „moralisch" ein Jude zwei Paar nationale Ohrfeigen einkaffiert habe, die nur durch ein Berschen auf seine, des Advokaten, Wange geraten waren. Der . Advokat fühlte sich sonderbarer Weise auf das Schwerste beschimpft und gekränkt. Er hat den Fall sowohl den Zivilals auch den Militärbehörden zur Anzeige gebracht und von dem Ergebnisse dieser Beschwerden wird es abhängen, in welcher Weise er sich Genugtuung verschaffen wird. Auch für uns, das Publikum, ist das Ergebnis dieser Beschwerden von Interesse, weil wir wissen möchten, welche Strafe der Oberst für sein Vorgehen bekommen werde. Denn eine Strafe gebührt ihm doch, so wenigstens urteilt der zivilistische Menschenverstand, unter allen Umständen. Besonders charakteristisch an diesem höchst peinlichen Zwischenfall ist die Tatsache, daß der Held ein Oberst, ein Generalstabsoffizier, also ein Mann von das Mittelmaß weit überragender Bildung und Erziehung ist. Und wenn dieser He« sich in dem Verkehr mit Privatleuten, wenn er sich auf der Straße in solcher Weise benimmt, wie mag er in der Kaserne, wie mag er da seinen Untergebenen gegenüber vorgehen! Auf jeden Fall darf man begierig sein, welchen Abschluß dieser Zwischenfall, der den Einblick in Anschauungen und Handlungsweise scheinbar längst vergangener barbarischer Zeiten eröffnet, hindern wird, und in welcher Weise die maßgebenden Behörden ihren Standpunkt - diesen Anschauungen und dieser Handlungsweise gegenüber präzisieren werden. Aug. Hradisch. Sehr geehrter Herr Redakteur! In Nr. 31 Ihres geschätzten Blattes bringen Sie eine Zuschrift aus Uugarisch-Hradisch, deren Tenor dahin geht, die Juden dortselbst mögen sich bei den kommenden Gemeindewahlen nicht wie bisher mit den Klerikalen, sondern mit den Fortschrittlichen verbinden. Offenbar weiß der Verfasser nicht, daß es im tschechischen Volke — die Massaryk-Partei, die unter ihnen selbst keinen Anklang findet, ausgenommen — Fortschrittler überhaupt nicht gibt. Der mährische Jude, soweit er im tschechischen Sprachgebiete wohnt, hat bloß die Wahl zwischen Klerikalen und - radikal nationalen Antisemiten, und da die Letzteren die rücksichtsloseren und auch die gefährlicheren sind, geht er in der Regel mit Ersteren, das heißt, er wählt zwischen zwei Uebeln das geringere. Schreiber des Artikels aus Ungarisch-Hradisch weiß — auf Ferien weilend — offenbar nicht, was sich erst in den jüngsten Tagen in Mähren wieder zugetragen hat. Er kennt die Hetzarbeit der radikalen Fortschrittspartei (obrana) nicht, weiß nichts von den mannshohen Plakaten, die in den Städten und am flachen Lande affichiert werden, um auf eine Hetzschrift aufmerksam zu machen, die den unerbittlichsten Boykott der Juden predigt und in jedes Dorf hinausgetragen wird, er weiß nicht, daß da draußen jeder Intelligente, jeder Student, ja jeder Mittelschüler zum Hetzapostel wird, um den Juden dasjenige zu entziehen, deffen er am Dringendsten bedarf, das Brot. Möge er sich über den ^Inhalt der in hunderttausend Exemplaren von der „Narodni jednoha" (obrana) gratis vertriebenen Hetzschriften orientieren, an welchen mehr als 1500 „Fortschrittliche" mitgearbeitet haben, und er wird erkennen, daß die Juden von Ungarisch-Brod, Ungarisch- Hradisch, Straßnitz, Kremsier rc. besser wissen, was zu tun ihnen frommt, als der noch etwas jugendliche Ratgeber, beurteilen kann. Die mährischen Gemeinden lassen sich in der Regel von ihrem praktischen Sinne, von sicherem Blicke und richtigem Gefühle leiten; sie haben, was dem Schreiber offenbar fehlt, Erfahrung und das praktische Interesse an der Angelegenheit; darum ist es besser, man überläßt es jeder Gemeinde, sich ihre lokale Politik nach ihrem eigenen Interesse einzurichten, und verschont sie mit unerbetenen Ratschlägen. Genehmigen Sie rc. Abnahme der jüdischen Bevölkerung in Ungarn. Das königlich ungarische statistische Zentralamt veröffentlicht soeben sein großes Werk über die „Populationsbewegung der Länder der heiligen ungarischen Krone in den Jahren 1906, 1907 und 1908". Das in Kommission bei Friedrich Kilians Nachfolger erschienene Werk enthält reiche, sehr übersichtlich gruppierte Daten. Das gesamte Material der Volksbewegung in den drei genannten Jahren ist zu einem einheitlichen, getreuen Spiegelbilde der Volksentwicklung Ungarns aufgearbeitet. Die Ergebnisse der seit der letzten Volkszählung verstrichenen acht Jahre und die seither eingetretenen Veränderungen sind gewissenhaft berücksichtigt. Das Werk gestattet Ausblicke auf die Aenderungen, welche aus Anlaß der nächsten Volkszählung erwartet werden können. Wir wollen hier einige der bezeichnendsten Zahlen, so weit sie sich auf die Juden beziehen, verzeichnen. Die Ehestatistik in ihrer Beziehung zu der Magyarifierung zeigt, daß das Verhältnis der rein ungarischen Ehen, (d. i. bei denen Braut und Bräutigam Ungarn find) zu sämtlichen Eheschließungen von 1901 bis 1908 von 441 auf 46°8 Prozent gestiegen ist. Besonders bei den Israeliten und Evangelischen A. B. haben diese Verhältniszahlen sich gehoben. Auffallend ist die starke Abnahme der Fruchtbarkeit der Juden. Das Sinken der Verhältniszahl ist seit dem Jahre 1900 konstant. Die Verhältniszahl der jüdischen Geburten in den Jahren 1900 bis 1908 war die folgende: 34'0, 32°8, 32 8, 30 9, 30 9, 29°5, 29 5, 28 2, 28 0. Da die Auswanderung der Juden eine ganz geringfügige ist, kann diese Abnahme der Verhältniszahl nicht auf die Auswanderung der Juden zurückgeführt werden. In der Tat zeigt auch die absolute Zahl der Geburten trotz der Zunahme der Gesamtzahl der Juden einen starken Rückfall. Im Jahre 1900 wurden 28.742 jüdische Kinder lebend geboren, 'im Jahre 1908 nur 26.109. Dieses Sinken der Geburtsziffer der Juden kann hauptsächlich nur durch ihr Zuströmen nach den Städten erklärt werden.