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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1910-08-12 · 32 (12.8.1910) · page 6

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
27 (1910)
Issue
32 (12.8.1910)
Date
1910-08-12
Page
– (sequence 6)
Language
German
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beite 634 Dr. Blochs Wochenschrift. Nr. 82 An dem vorderen Tore, des Schlosses wird ein Schlagbaum errichtet werden; das nördliche Burgtor bleibt während der Anwesenheit des Zarenpaares vollständig geschlossen. Sämtliche Kanalabflüsse, welche nach dem Burgwall zu münden, werden einer genauen Kontrolle unterzogen, die Kanalabflüsse werden mit starken Eisengittem versehen. Sämtliche in der Umgebung des grossherzoglichen Schlosses bewohnten Privatgebäude werden leer stehen. Den Bewohnern ist bis zum 15. d. M. gekündigt worden. Eine Witwe, die in einem der grossherzoglichen Häuser ein Mädcbenpensionat unterhält, das mit der Nord- und Ostseite an den Schlossgarten angrenzt, muss bis zum 15. d. M ebenfalls ihre Wohnung räumen. Die bisher von ihr benützten Zimmer sollen zur Unterkunft für russische und deutsche Polizeibeamte hergerichtet werden. Die übergrosse Mehrzahl des deutschen Volkes ist einig in dem Gedanken, dass der Besuch des Oberhauptes des fluchwürdigen Regimes eine Schmach für Deutschland bedeutet. Grausame Behandlung politischer Gefangener in Rußland. Von I. S. Ein Korrespondent der vereinigten amerikanischen Presse schreibt, aus Berlin: Bekanntlich werden russische Flüchtlinge von Berlin oft ausgewiesen. Es kommt nicht selten vor, daß eine gewisse Anzahl politischer Flüchtlinge angewiesen werden, Berlin binnen 24 bis 36 Stunden zu verlassen. Ja, es kommen sogar Fälle vor, daß politische Flüchtlinge au die Grenze gebracht und den russischen Behörden ausgeliefert werden. Diese Auslieferung bedeutet für den politischen Gefangenen den Tod durch den Strang oder lange Haft in den politischen Gefängnissen mit furchtbar grausamer Behandlung. Um nun den deutschen Behörden die Grausamkeit solcher Ausweisungen und Auslieferungen begreiflich zu machen, wird jetzt in Berlin ein Buch für den Druck vorbereitet, in welchem über die Leiden und Torturen, die die politischen Gefangenen in russischen Gefängnissen zu ertragen haben, umständlich berichtet wird. Es heißt in dem Schreiben des amerikanischen Korrespondenten : Das Gefängnis in Catagora in Orel wird bloß für politische Gefangene benützt. Neu angekommene Gefangene erhalten unmittelbar nach ihrer Einlieferung von Kosaken eine schwere Züchtigung mit Knuten. Sodann werden sie auf den Fußboden geworfen und die Gefängnisaufseher stampfen mit schwer beschlagenen Stiefeln auf ihnen herum. Gefangene, welche diese Prozedur, ohne gefährlichen Schaden zu erhalten, überstanden haben, werden dann noch mit schweren Torschlüsseln oder harten Gummischlägeln traktiert, und zwar werden die wuchtigen Hiebe hauptsächlich gegen das Gesicht, aber auch gegen Arme und Schultern geführt. Auch höhere Beamte des Gefängnisses betrachten es als amüsanten Zeitvertreib, sich an der willkürlichen Züchtigung der Gefangenen zu beteiligen. Einige der Aufseher haben die außerordentliche Fähigkeit erlangt, die Ohrdrommel der Gefangenen mit einem einzigen Schlage zu zerstören. Graf Sangaille, ein Vizedirektor des Gefängnisses, findet es als ein angenehmes Vergnügen, den Gefangenen starke Schläge unter das Kinn zu versetzen, wodurch heftige, anhaltende Schmerzen verursacht werden. Ein anderer hoher Beamter, Annenhoff, versetzt den Gefangenen heftige Stöße gerade ins Gesicht. Der Hauptgefängnis-Aufseher, Koslankoff, findet angenehmen Zeitvertreib, indem er Gefangene durch seiue Untergebenen ergreifen und sie an die Steinwände schleudern läßt. Grakovsky, ein anderer Beamter, ist eifrig bestrebt, den Koslankoff nachzuahmen, wenn nicht zu übertreffen, und erfindet immer neue ausgesuchte Tortur-Methoden. Vou Zeit zu Zeit werden die Gefangenen aus den Zellen gehst. Beinahe ganz entkleidet müssen sie die langen Gefän^ äskorridore durchlaufen, während dieses Laufes werden sie von den dazu augestellten Kosaken mit Knuten und Peitschen bearbeitet oder mit schweren Stiefeln und änderen Wurfgeschossen beworfen. Hermann Bang, der bekannte dänische Schriftsteller hat eine Studienreise durch Deutschland gemacht. In Breslau, dessen Inneres ihn in mancher Beziehung an Kopenhagen erinnert, hatte er unter Anderem folgende Beobachtung gemacht: „Wir gehen nach Hause und fitzen bald in einem großen Hotelsaal. Mir fallt aber die große Zahl von Juden auf, die sich unter den Gästen befindet. Sie kommen aus Geschäften, Theatern, Vorlesungen. Sie kommen von allen Stätten, wo Leben ist und wo sie Leben schaffen! Man kann sich in diesem Lande nicht bewegen, ohne gewahr zu werden, welche unerhörten Kulturwerte das jüdische Volk Deutschland zuführte. Die Israeliten sind mit ihrem Fleiß und ihrer Rührigkeit die Pioniere des Handels gewesen. Wo sie die Industrie nicht begründet haben, sind sie in ihren Dienst getreten. Ihr Interesse für Alles hat die Interessen der Gesellschaft entwickelt und beschleunigt. Ihr Eifer hat angesteckt. Ihre geistige Wachheit hat erweckend gewirkt oder dazu beigetragen, die Wachheit in Kraft zu erhalten ... „Ich weiß nicht, ob andere sich auch mit Lesen beschäftigen," äußerte neulich ein Buchhändler zu mir, „doch ich weiß, daß eigentlich nur Juden Bücher kaufen." Ein gut Teil des wirkenden Nervs in dieser Gesellschaft ist semitisch. Und wenn einst die Geschichte des neuen Reiches fertig geschrieben werden wird und kann, so muß ein ansehn, licher Teil der Arbeit und dem Einfluß der Juden gewidmet werden." Korrespondenzen Die galizische Judenenquete. Die vor zwei Jahren vom galizischen Landtag beschlossene, vom Landesausschusse genehmigte Einberufung einer Enquete, die sich mit der Verbesserung der wirtschaftlichen und kulturellen Verhältnisse der galizischen Judenschaft zu befassen hätte, soll nun endgiltig für den 12. September nach Lemberg einberufen werden. Die österreichische Judenschaft — auch außerhalb Galiziens — wird die Vorgänge und Beschlüsse der Enquete mit großem Interesse verfolgen, bildet doch das galizische Judentum die Hauptzahl der Gesamtjudenschaft Oesterreichs. In diesem Blatte — unter anderem auch vom Verfasser dieser Zeilen — wurden schon wiederholt Anregungen für die Enquete gegeben und auf die besondere Wichtigkeit derselben hingewiesen. Auch der Zweck des heutigen Artikels ist, die maßgebenden Faktoren der Enquete auf das Schulwesen Galiziens aufmerksam zu machen. Wenn man auch sonst nicht mit allen Organisationen des Landes, hauptsächlich vom Standpunkte der Juden, einverstanden sein kann, so muß man es offen gestehen, daß das Schulwesen Galiziens, Volks-, Bürger- und Mittelschulen, in den letzten zwei Dezennien besondere Fortschritte aufzuweisen hat, und die Juden machen von diesem Fortschritte recht ausgiebigen Gebrauch, so daß man schon heute mit einer recht beträchtlichen Zahl akademisch graduierten jüdischen Proletariats rechnen kann. In den freien akademischen Berufen: Advokaten, Aerzte und Ingenieure, herrscht bereits eine Ueberproduktion. Hingegen wird ein Berufszweig in Galizien so vollständig vernachlässigt, wie in keinem zweiten Kronlande Oesterreichs, nämlich die Erziehung der Jugend zum kommerziell gebildeten und geschulten Kaufmanne. Eine kaufmännische Intelligenz hat speziell für die Juden in Galizien besondere Wichtigkeit, da sie sich ja ausschließlich auf dem Handelsgebiete betätigen und sie diesem Gebiete allmählich zu entziehen und dem Ackerbau zuzuwenden, ist aus vielfachen, jedem Kenner der Verhältniffe bekannten Gründen geradezu unmöglich. Das kommerzielle Schulwesen Galiziens, das darin besteht, daß es im ganzen Lande nur zwei Handelsschulen, in Krakau und Lemberg, gibt, die übrigens nicht auf der Höhe stehen, muß vom Grund auf reformiert werden. In allen Städten des Landes — die über eine Einwohnerzahl von mehr als zehntausend verfügen — müßten zweiklasfige Handelsschulen und ein einjähriger Vorbereitungskurs für das Einjährig-Freiwilligen-Recht errichtet werden. In den Städten, wo Handels- und Gewerbekammern — Lemberg, Krakau und Brody — ihren Sitz haben, sollen Handelsakademien, nach dem Muster der Wiener und Prager, gegründet werden, die

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