Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 27 (1910)
- Issue
- 32 (12.8.1910)
- Date
- 1910-08-12
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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‘ Seite 632 Dr. Blochs Wochenschrift. Nr.ss 1744 sollten daher sämtliche Juden Böhmens bis Ende Jänner ihr Vaterland verlassen. Dieser Erlaß drohte jedoch nicht nur den Juden, sondern auch der christlichen Bevölkerung Kolins verhängnisvoll zu werden, da nicht nur Christen Juden Geld schuldig waren, sondern auch Juden Schuldner von Christen waren. Am 12. Jänner 1745 wurde daher zwischen der jüdischen und der christlichen Gemeinde kontraktlich vereinbart, daß, sobald die Juden das Land verlassen sollten, ihre Häuser, an Zahl 42, im Werte von 19.210 fl., ihren Gläubigern zu verbleiben hätten: sollten die Juden jedoch innerhalb von zwei Jahren die Erlaubnis zur Rückkehr erhalten, so sollten ihnen ihre Häuser zum Abschätzungswerte überlassen werden. Der betreffende Erlaß wurde jedoch von der Kaiserin selbst aufgehoben, wie es heißt, auf Fürsprache von England und Holland. Auch scheint der damalige Koliner Stadtrat den Juden nicht ungünstig gesinnt gewesen zu sein, was schon daraus hervorgeht, daß in jener Zeit drei Juden die Konzession zum Tabaksverkauf erhielten. Bis zum Jahre 1849, in welchem die Gleichberechtigung aller Konfessionen proklamiert wurde, durften die Juden keine Christen gehörenden Häuser oder Grundstücke kaufen, aber von der Zeit Kaiser Josef II. gn mieteten sie Verkaufsläden von Christen. In der Nähe der Synagoge befand sich seit langer Zeit die Schule, in welcher außer der Kenntnis der jüdischen Religion, der hebräischen Sprache usw. auch profane Gegenstände gelehrt wurden. Im Jahre 1780 wurde die Schule von 41 Kindern besucht, im Jahre 1789 von 50 Kindern. Im Jahre 1805 befand sich das Schulgebäude in der Pragergasse, im Jahre 1610 in der Kourimergasse. Ungefähr in der Mitte des achtzehnten Jahrhunderts wurde das noch jetzt in Benutzung stehende Schulgebäude errichtet. Hier wohnte der bekannte jüdische Philanthrop Moses Montefiore einst auf. seiner Durchreise dem Unterricht bei und sprach sich sehr lobend über denselben aus. Als Zeichen seiner Anerkennung übersandte er dem Vorstande der Kultusgemeinde eine Summe Geldes mit der Bestimmung, dafür Medaillen prägen zu lassen, die .alljährlich beim Schulschluß den besten Schülern überreicht werden sollten. Auf Ersuchen des Vorstandes änderte er jedoch diese Bestimmung und gestattete, daß statt der Medaillen alljährlich warme Winterkleider an eine. Anzahl armer fleißiger Schüler und Schülerinnen verteilt werde. Zum Dank wird an jedem Feste beim Gebete für dys Seelenheil Heimgegangener Gemeindemitgliedex auch der Name Moses Montefiore eingeschaltet. In den Sechzigerjähren hat sich die christliche Gemeinde Kolin rühmlichst ausgezeichnet durch ihr unentwegt freundliches Verhallen gegen die Juden. Es war nämlich nach dem bekannten Pribramer Silberdiebstahl, bei dem — ob mit Recht oder mit Unrecht, ist wohl noch heute zweifelhaft — Juden als Hehler verdächtigt worden waren, in ganz Böhmen sowohl in den größeren Gemeinden als den kleineren und selbst in den kleinsten, Krawalle gegen die Juden ausgebrochen. Allnächtlich überfielen wilde Horden jüdische Gemeinden oder einzelne Höfe jüdischer Pächter bald hier, bald dort, zertrümmerten die Fenster, zerschnitten die Betten und raubten oder zerstörten, was ihnen in die Hände kam. Mehrere Wochen währte dieses grause Treiben, bis die energische Proklamation des neu ernannten Statthalters von Böhmen, des Baron von Koller, er werde überall, wo die Ruhe gestört werde, sofort das Standrecht verhängen und jeden Ruhestörer sofort standrechtlich behandeln lassen, im Moment Ruhe verschaffte. Aber während dieser ganzen bangen unruhigen Zeit war in Kolin kein unfreundliches Wort gegen einen, Juden laut geworden. Nur -von einer Episode erzählte man damals. Es war in jener unruhigen Zeit, als ein jüdischer Geschäftsmann eines. Abends in Kolin eintraf, wo er mehrere Stunden auf den nach Prag gehenden Zug warten mußte. Er begab sich in die Bahnhof-Restauration, traf hier einige ihm bekannte christliche Bürger und auf ihre Aufforderung setzte er sich an ihren Tisch. Alle waren heiter und guter Dinge, die Unterhaltung war lebhaft. Dieser trauliche Verkehr zwischen Arier und Semiten schien das Mißfallen einiger antisemitisch gesinnter Gäste zu erregen, die an einem anderen Tische sitzend den. Gesprächen der anderen mit mißbilligendem Interesse lauschten, das verriet ihr wiederholtes Kopsschütteln und ihre hämischen, höhnenden Mienen. Zwar war der zuletzt Gekommene ihnen persönlich nicht bekannt, doch seine Physiognomie kennzeichnete ihn als Juden und außerdem war er „Herr Lewi" angeredet worden, der mußte ohne Zweifel ein Jude sein, denn einen Erzbischof Kohn gab es damals noch nicht. Und trotzdem begegneten ihm die christlichen Bürger mit sichtlicher Achtung! Für die Dauer ward das den Antisemiten doch zu viel, endlich erhob sich einer von ihnen und trat an den andern Tisch und mit auffallend lauter Stimme sprach er: „Grüß Sie Gott, Herr Lewi, möchten Sie nicht eine Partie Pribramer Silber kaufen?" Das war in jenen Tagen die Formel, mit der die Antisemiten die Juden zu hänseln pflegten. Im ersten Augenblick war der Jude betroffen, an ihn persönlich war eine derartige Frage noch nicht gerichtet worden, doch faßte er sich rasch und erwiderte mit geschäftsmäßiger Kühle:; i „Wenn Sie im Besitz einer nicht unbedeutenden Quantität Pribramer Silber sind und der Preis nicht allzuhoch ist, so wäre ich nicht abgeneigt, dasselbe zu kaufen." Die Antisemiten hatten Mühe, ihren Jubel zu unterdrücken, wie prächtig ihnen der Jude auf den Leim ging! Seine Bekannten jedoch, von feiner Ehrenhaftigkeit überzeugt, sahen in begreiflicher Spannung auf den feltsamen Handel, denn es entspann sich, nun. ein wirklicher Händel. Der Antisemit erklärte, erhübe 26'Pfd. Pribramer Silber vorrätig und nannte den Kaufpreis, der Jude bot etwas weniger und bald wurden sie angeblich handelseinig. Dann aber erklärte der Jude, er wäre nicht vorbereitet gewesen auf diesen Kauf, habe daher nicht genügend Kasse bei sich, doch ersuche er den angeblichen Silberverkäufer sich eine halbe Stunde gedulden zu wollen, er wolle nur einen Glaubensgenossen aufsuchen, von dem er das erforderliche Geld entlehnen wolle, dann werde er sofort zurückkommen. Der Antisemit klopfte ihm wohlwollend auf die Schulter und versicherte, im Notfälle eine volle Stunde aus seinen neuen Geschäftsfreund warten zu wollen. Dieser nickte ihm dankend zu und entfernte sich hastigen Schrittes. Draußen vernahm er noch das wilde Hohngelachter der Antisemiten, die sich über den gelungenen Jur unbändig amüsierten und schon miteinander über den neuen Hohn berieten, mit .dem sie den zurückkehrenden Juden emppsangen wollten. Dieser rannte jedoch hastig weiter und Zwar nicht zu einem Glaubensgenossen, sondern direkt ins Stadthaus, wo er dem Polizeikommissär, mitteilte, daß ihm soeben in der Bahnhofsrestauration 28 Pfund Pribramer Silber zum Kauf angeboten worden: zum Schein wäre er -auf das Angebot eingegangen, habe gesagt, er wolle das erforderliche Geld holen, aber nun möge der Kommissär ihm ein paar Polizeimänner mitgeben, denen er den Besitzer des Silbers zeigen wolle. Der Polizeikömmissär, den die Sache aufs höchste interessierte, entsprach der Aufforderung, ging sogar selbst mit, um bei der Verhaftung des mutmaßlichen Silberdiebes zugegen zu sein. Noch war die erbetene halbe Stünde nicht verstrichen, als der Jude in .Begleitung des Kommissärs und zweier Polizeileute in die Bahnhofreshauration trat und direkt auf die Antisemiten zuschritt. v -