Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 27 (1910)
- Issue
- 32 (12.8.1910)
- Date
- 1910-08-12
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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mr. 32 Seite 531 Dr. Blochs Wochenschrift. haben soll. Als Nahrungsquelle diente den damaligen Juden der Handel und Geldgeschäfte. Unter der Regierung des Königs Ferdinand I. wurde Prag samt der königlichen Burg am 2. Juni 1541 von einem furchtbaren Brand heimgesucht und, wie bei jeder Kalamität,. fo fiel auch bei dieser der Verdacht auf die Juden, daß sie in Gemeinschaft mit den Türken Urheber dieses Brandes und noch mehrerer Feuersbrünste auf dem Lande gewesen. Infolgedessen erhielten sämtliche Juden des Königreiches Böhmen den Befehl, ihr Vaterland zu verlassen. Wer zählt die Tränen, die zerrütteten Existenzen, die Folgen dieses Machtgebotes! — Doch die Juden mußten sich fügen, mußten verlassen die Gräber ihrer Eltern, die Stätte, auf der die Wiege ihrer Kinder gestanden, mußten verlassen das Land, in dem sie sich, wenn auch kümmerlich, so doch redlich ernährt hatten. Alle, alle mußten sie auswandern. Sie wandten sich mit ihrer beweglichen Habe nach Polen. Unterwegs wurden sie bei Braunau von Räubern überfallen und erlitten einen Schaden von 20.000 böhmischen Schock. Unter diesen Auswanderern befanden sich sämtliche Juden Kolins, auch ihr Rabbiner Mosche. Sie wunderten alle nach Polen und wohnten dort teils in Lemberg. teils in der Gegend von Krakau. Ihre Häuser in Kolin blieben indessen unbewohnt und acht Jahre hindurch war es still und öde in der Koliner Judengasse. Endlich, im Jahre 1549, gelang es den Juden, den König von ihrer Unschuld zu überzeugen und sie erhielten die Erlaubnis, nach Böhmen zurückzukehren. Doch den Juden Kolins ward kein ruhiger Aufenthalt in der Heimat. Aus unbekanntem Grunde ließ ihnen Kaiser Fernand im Jahre 1557 bedeuten, daß sie sich nur ein Jahr im Lande aufhalten dürften, um ihre ausstehenden Gelder einzukassieren, dann aber sofort wieder hinaus müßten in die Fremde. Doch im Jahre 1564 starb Ferdinand I. und unter seinem Nachfolger Maximilian II. erlangten auch die Koliner Juden die Erlaubnis, sich in ihrer Vaterstadt wieder ansässig zu machen. Aber die Reichsten, wie die Pinkas, die Munk und der Rabbiner Mose, machten von dieser Erlaubnis keinen Gebrauch. Dennoch wuchs die Kultusgemeinde mehr und mehr. Im Jahre 1618 war sie nächst der Prager Gemeinde die größte des Landes. Der Stadt hatte sie keine Steuern zu zahlen, auch mit Einquartierung von Militär wurden sie nicht belastet, aber der königlichen Kammer mußten sie enorme Summen zahlen. Im Jahre 1618 betrug die Steuer der Kultusgemeinde Kolin 18.000 Taler, somit kam auf jeden ansässigen Juden 47 Taler jährlich: für unsere heutigen Begriffe wäre das vielleicht keine übermäßige Ueberlastung, aber für die Verhältnisse jener Zeit erscheint es eine nahezu unglaubliche Ueberbürdung. Die Jüden bildeten eine besondere Gemeinde, drei Aelteste wählten sie auf ein Jahr. Im Jahre 1603 verbot ihnen die städtische Behörde, an Sonn- und Feiertagen in der inneren, nur von Christen bewohnten Stadt sich sehen zu lassen, verbot ihren Fleischhauern, deren Zahl eine städtische Verordnung auf vier beschränkt hatte, Fleisch an Christen zu verkaufen und Hunde zu halten. Im Jahre 1611 wurde für die Juden und auf ihre Kosten ein besonderes Gefängnis in der Nähe der Synagoge gebaut, das erst vor einigen Jahren eingerissen wurde. Die Aeltesten der Juden selbst sollen sich beschwert haben, daß, wenn ein Jude in das allgemeine Gefängnis komme, er sich der Völlerei ergebe. Unter sich redeten die Juden deutsch, im städtischen Archiv finden sich Zettel in deutscher Sprache in hebräischer Schrift, in sogenanntem Jüdischdeutsch. Im Dezember des Jahres 1621 wurde Ritter Jan Vaclav Chryl von Gryzlov Hauptmann der kaiserlichen Herrschaft Kolin und Libenic. Derselbe zeigte ein menschliches Wohlwollen auch gegenüber den Juden, erlaubte ihnen, Handwerk und Gewerbe zu betreiben, die bisher nur den christlichen Bürgern offen gestanden, wodurch der Reichtum der Koliner Juden derart wuchs, daß er den Neid ihrer christlichen Umgebung erregte, so daß die städtische Behörde sich im Jahre 1701 veranlaßt sah. den Juden das Tragen von verbrämten Kleidern, von Gold- und Perlenhalsbändern zu verbieten. Solange Ritter Vaclav lebte, wäre dieses Verbot schwerlich durchgedrungen, denn der Ritter hat sich der Juden nach jeder Richtung hin angenommen. Als der Stadtrat beantragte, alle Fenster der Juden gehörenden Häuser, die nicht zur Judengasse, sondern zur Prager- oder zur Kaurimergasse gerichtet waren, zumauern zu lassen, da war es Ritter Vaclav, der nicht nur diesen Antrag vereitelte, sondern auch den, daß die Juden den Christen allwöchentlich eine nicht unbedeutende Summe zahlen sollten. Alle Ungerechtigkeiten konnte er freilich nicht verhindern, das lag im Geiste der Zeit. So durfte kein Christ bei Juden dienen, durfte nicht unter dem Dache eines Juden schlafen, keine christliche Wäscherin durfte für Juden Wäsche waschen u. dgl. m. Zum großen Vorteil gereichte den Koliner Juden der Beschluß der kgl. böhmischen Kammer vom 3. Feber 1655, wonach die Juden Kolins nicht der städtischen Gerichtsbarkeit unterstehen, sondern sich als jüdische Gemeinde mit einem besonderen Gericht konstituieren sollten, über welches ein kaiserlicher Rat im Namen der königlichen Kammer eine direkte Aufsicht zu üben bestimmt war. Nur in Strafsachen unterstanden d ie Koliner Juden dem örtlichen Gericht. Die Leitung der Gemeinde lag in den Händen eines Primators, zweier Ratsmänner und einiger Aeltesten. denen ein Schreiber, ein Schatzmeister und zwei Diener zur Hand waren. Auf diese Absonderung der Juden schaute die städtische Leitung zuerst sehr unfreundlich herab, später gewöhnte man sich daran und die reichsten Bürger vertrauten mit Vorliebe ihr Geld den Juden an. bei denen sie es am sichersten und am meisten nutzbringend wußten. Im Jahre 1660 wütete in Kolin die Brechruhr (Cholera), der vom Juni bis Weihnachten 38 Kinder und 26 Erwachsene erlagen, obwohl kaum tausend christliche Einwohner in Kolin lebten. Da nun die Juden durch größere Mäßigkeit und durch strikte Beobachtung der Speisegesetze wie von allen Epidemien so auch von dieser im Verhältnis weniger zu leiden halten als die nichtjüdische Bevölkerung, so hieß es sofort, daß die Juden die Seuche verschuldet haben. Am 25. Juni 1660 wurden der Rabbiner Abraham Borges und sein Sohn Schaje angeklagt, ein Schwein, das aus dem Hause der Witwe Sperlick gelaufen, getötet, in den Gemeindebrunnen geworfen und das Wasser dadurch vergiftet zu haben. Die Beschuldigten suchten ihr Heil in der Flucht und ausnahmsweise war die christliche Bevölkerung Kolins einsichtsvoll genug, die imaginäre Schuld der Entflohenen nicht an deren Glaubensgenossen ahnden zu wollen. Doch richtete der Koliner Stadtrat wiederholt Gesuche an den Fürsten Lichtenstein, derselbe möge die Juden in ihren Gewerben stören, aber der Fürst willfahrte diesem Ansuchen nicht, denn die Juden besaßen die Gunst des Kaisers Ferdinand, dem sie große Summen zur Kriegsführung vorgestreckt hatten, namentlich der Prager Jude Basch Zewi, der dafür zum Hofjuden ernannt und in den Adel erhoben wurde mit dem Prädikat von Treuenberg. Kurz vor Ausbruch des siebenjährigen Krieges drohte den Juden Kolins abermalige Ausweisung. Juden waren nämlich verdächtigt worden, auf Seite der Preußen zu stehen und deren Absichten zu fördern. Laut eines Erlasses der Kaiserin Maria Theresia ddo. 18. Dezember