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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1910-08-12 · 32 (12.8.1910) · page 2

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
27 (1910)
Issue
32 (12.8.1910)
Date
1910-08-12
Page
– (sequence 2)
Language
German
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Seite 530 Dr. Blochs Wochenschrift. Nr. 93 Der Trieb. Dem armen Bielohlawek bleibt also doch nichts anderes übrig, als zu klagen oder zu verschwinden. Er war bereits mit einem Fuße unter Dach und Fach, bezog großmütig den Widerruf Hrabas auch auf sich und glaubte schon das Gras über seine Affäre wachsen zu hören. Aber es nützte ihm nichts, daß mau die Versammlungen der Freisinnigen durch gemietete Individuen sprengte und so die Wahrheit mit Knütteln erschlug. Es hatte nicht die genügende Wirkung, daß mau die liberale Presse mit dem Ausdrucke Judenblätter erstickte und Vergaui gegenüber auf diverse Millionen hinwies, welche sich der Ehrenbürger von Mühldorf auf die redlichste Weise erworben hatte. Im dritten Bezirke fand sich ein Kämpe, ein christlichsozialer Privatier und Hausbesitzer, welcher den Stier bei den Hörnern packte und als ein neuer Drachentöter all-'s wiederholte, was Hraba gesagt hatte. Da er nicht immun ist und mit einer einfachen Klage belangt werden kann, auch bis jetzt nicht widerrufen hat, so werden wir wohl im melancholischen Herbst, wenn die Blätter fallen, Bielohlawek den Kurator, Bielohlawek den vielfachen Abgeordneten und Würdenträger, den Verächter der Bücher und der Inden im Gerichtssaal sehen, wo, um mit der Zweideutigkeit des delphischen Orakels zu sprechen, ein großer Reiuigungsprozeß der Christlich-Sozialen stattfinden wird. Auf diesen Prozeß darf man aus mehr als einem Grunde gespannt sein. Denn er wird sich nicht nur gegen den Privatier richten, den es nicht mehr im Saale litt, als von Bielohlawek gesprochen wurde, sondern der die Tribüne bestieg, um ein großes Schlachten anzurichten. Woher er den inneren Trieb dazu genommen hat, liegt auf der Hand. Er sprach in dem radau-antisemitischen Vereine „Zukunft" auf der Landstraße, einer politischen Organisation, welche ein Privatbesitz Verganis ist. Der Bericht über die Versammlung stand wieder in dem „Deutschen Volksblatt" unter dem triumphierenden Titel, der wie ein Halali klingt: „In den Gerichtssaal i" Mau sieht also den Arrangeur ganz deutlich im Hintergründe, und Bielohlawek, der immer nach dem Grundsatz kämpft, daß der Hieb die beste Parade ist, wird auch die Sekundanten seines Gegners wuchtig trtffen wellen. Das wird einen zweiseitigen Prozeß ergeben und vielleicht wird die Popularität des Gerichtssaales weitere Reiuignngsprozeffe in der Oeffeutlichkeit ergeben. Denn das Eine steht fest, daß Bielohlawek in gewissem Sinne ein schweres Unrecht geschieht. Warum soll gerade er der eiuzige sein, der sich im Gewirre der Paragraphen verstrickt, um darin elend zugrunde zu gehen? Bloß weil er und Axmaun und Geßmann den Zorn Verganis über ihre Häupter heraufbeschworen haben? Für die öffentliche Moral ist es geradezu gefährlich, daß einzelne Süudenböcke hei vorgeholt und geopfert werden, das System aber weiter bestehen bleibt und der Oeffentlichkeit weiter eingeredet wird, daß nun Alles in Ordnung ist. Vergaui erweist der christlichsozialeu Partei einen riesigen Gefallen, wenn er sich auf Einzelne stürzt und sie über Bord wirst, um das mit so viel Korruption überladene christlichsoziale Schiff zu retten. Die Oeffeutlichkeit müßte aber zur Ueberzeugung kommen, daß es nicht Einzelfälle sind, die eine ordnungsmäßige Erledigung finden, sondern Musterfälle. Die christlichsoziale Herrlichkeit dauert erst wenige Jahre und wie viele Leute hat sie nicht finanziell iu die Höhe gebracht! Die Millionen wachsen in den Kreisen der einzig und allein geretteten,' ehemals kleinen Männer wie die Pilze. Natürlich auf die redlichste Weise, die gar keinen Bezug hat auf die berühmte Bankettrede jenes Ehrenbürgers, der da sagte: „Fünfundzwanzig Jahre lebe ich unter Euch und nichts könnt Ihr mir beweisen." Eine köstliche Kritik entschlüpfte auch Kunschak, dem Führer der vom Rathaus abhängigen Arbeiter, in offener Parlameytssitzung. als er von den Friedensstörern in der christlichsozialeu Partei angab, sie seien böse, weil sie n'cht mitfreffen können. Welcher Spatz auf einem Wiener Dache aber weiß nicht, wie viele Mitfreffer in der christlichsozialen Partei zuhause sind, die nur vom Mangel an Beweisen und von der Gnade ihrer Gegner leben! Sie ordnen im Geheimen ihr riesiges Bankkonto, das sich seit wenigen Jahren lawinenartig vermehrt, und wagen es dann, öffentlich als Parteiführer und Volksredner auf die jüdische Korruption zu schimpfen. Lueger, der doch genug Würden auf sich vereinigte und dabei sparsam war, hat es nur zu einem recht bescheidenen Vermögen gebracht. Aber in seiner Partei wuchsen die Millionen über Nacht, alles Hexerei und Tüchkeit, gar keine Korruption. Aber nur über Bielohlawek soll das Neinigungsgewitter losbrechen und kein einziger Seitenblitz davon soll die vielen Kassen erhellen, welche sich in den letzten Jahren so stattlich gefüllt haben? Vielleicht zum Platzen gefüllt haben — das wäre das schönste Resultat des Prozesses Bielohlawek. Sv ganz nebenbei würde in der „Zukunft" eia christlichsozialer Matador des Gesinnungsverrates, der andere der Unehrenhaftigkeit beschuldigt. Nebenbel auch wird in der Nummer des „Deutschen Volksblattes" erzählt, daß die Vertrauenskundgebungeu für Geßmann künstliche Mache sind. Man sieht, daß der Nisse und Sprünge zu viele sind, als daß die christlichsoziale Macht nicht ins Wanken kommen müßte. Aber zu lange wird das dauern. Diese unverständliche unerhörte Herrschaft von skrupellosen Demagogen wird jedem anständigen Menschen umso unerträglicher, als der Schmutz dieser Regenten offenbarer wird. Man muß ihren Untergang beschleunigen und gründlich machen. Da kommen wir nun auf unser altes Thema, auf die Organisation der Freisinnigen. Es geschieht schon wieder nichts. Die Hochsommer pause wird wieder nur zur persönlichen Erholung benützt, statt zur Erholung Wiens. Davon kann allerdings nicht die Rede sein, daß man die Hraba-Affäre zur Langweile macht. Aber alle Anzeichen zeigen deutlich, daß der H.'rbst neue Gelegenheit bringen wird, zu großen Schichten der Bevölkerung aufklärend zu sprechen. Dafür wird leider nichts vorbereitet. Keine Organisation von Bürgern getroffen, kein großes, fleißiges Sekretariat dirigiert, kein publizistischer Dienst eingerichtet, kein Geld beschafft, um die technischen Erfordernisse der Agitation bezahlen zu -können. Und doch wird es so leicht sein, große Erfolge für die Wahrheit und den Fortschritt zu erzielen, den bösen Alp der christlichsozialen Herrschaft über Wien zu verscheuchen. Der Trieb der Christlich-Sozialen gegen einzelne ihrer Leute wird bei einiger Geschicklichkeit, ein bischen guten Willen und ein wenig Mut zu Opfern und zu Taten den Anfang jener Zeit bedeuten, in welcher man die ganze Sippe endlich zu Paaren treiben kann. Zur Geschichte der Knitnsgemeiude Kali«. Von Rabbiner Dr. Raphael Gugenheimer, Kolin. Die israelitische Kultusgemeinde gehört zweifellos zu den ältesten Iudengemeinden des Kaiserstaates, kann sie auch nicht wie die Prager Gemeinde ihre Eristenz bis in die ersten Jahrhunderte der Diaspora zurückbehaupten, viel jünger als die größere Schwestergemeinde dürfte die Koliner Kultusgemeinde schwerlich sein. Doch bis in das vierzehnte Jahrhundert fehlen uns die Nachrichten über das vermutlich auch bis dahin oft wechselnde Geschick der Gemeinde. Erst im vierzehnten Jahrhundert lichtet sich das Dunkel. Damals wohnten ziemlich viele Juden in Kolin, die einen großen Teil der sogenannten Judengasse einnahmen, mit ihren Aeltesten sich organisierten, einen besonderen Fleischhauer hatten, selbstverständlich einen Schächter und zweifelsohne auch ein Gotteshaus. Eine in Stein gegrabene Inschrift in der gegenwärtigen Synagoge weist auf das Jahr 1642 hin, in welchem dieselbe erbaut worden ist, während vordem an ihrer Stelle ein aus Holz gebautes Bethaus sich befunden

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