Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 27 (1910)
- Issue
- 32 (12.8.1910)
- Date
- 1910-08-12
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Nr. 32 Dr. Bloch’s ♦ f ♦ Jahrgang xxvn Zentralor<jan für die gesamten Interessen des Judentums. -n-- —n- Wim, 12. August 1910 Lrscbeint jeden FreLtag. Brief-Adreffe: Wien, IX/i, Hahngasse 15. L Telegramm-Adresse: Bloch'S Wochenschrift, Wien. K. k. Pofisparkrast'enarnt Slearlng-VerKebr Nr. 810.976. Redaktion und Administration: Wien rx/if Hahngaffe Nr. 15. Telefon Nr. 14.847. OO ' -==DO p Vrsugsprris für Vrstrrrrüst: C Halbjährig 8 Kronen; Einzelexemplare 50 Heller. Für'» Auolamd: Halbjährig 10 Kronen. Ganzjährig 20 Kronen. < Anzeigen: Die 4malgespaltene Petttzeile 24 Heller. £ nP —Do Inhalt: Leitartikel: Das Attentat auf den Bürgermeister Gaynor. — Der Trieb. — Zur Geschichte der Kultusgemeinde Kolm. — Vom Jahrmarkt des Lebens: Oberst d. R. Michael Hersch. Th. Fontane über die Juden als Soldaten. Ein jüdischer Generalmajor. Wenn „Väterchen- Besuche macht. Grausame Behandlung politischer Gefangener in Rußland. Hermann Bang. Korrespondenzen: Die galizische Judenenquete. Das Kolonisationsprojekt in Australien. Die Schmittahfrage in Palästina. „Ich glaubte, daß er ein Jude ist." Ungarisch-Hradisch. Abnahme der jüdischen Bevölkerung in Ungarn. König Georg an eine 101jährige. Der Hofmaler des Geikawar von Indien. Die russische Regierung und die Auflassung des Anfiedlungsrayons. Die Verfolgung eines jüdischen Gelehrten. Eine interessante Statistik. Judenvertreibung in Turkestan. Cholera und Pest in Rußland. Zerstörte russische Kolonien in Beßarabien. Die Juden in Rhodesien. — Vermischtes. — Feuilleton: Skizzen und Studien zur Geschichte der Juden in Polen. — Literatur. — Briefkasten. — Inserate. Das Attentat auf den Bürgermeister Gaynor- Auf den Bürgermeister von Newyork, Gaynor, ist im Augenblick, als er den Dampfer betrat, um sich zu einer Erholungsfahrt nach Europa einzuschiffen, . ein Schuß abgefeuert worden, der ihn lebensgefährlich verwundete. Gaynor ist einer der beliebtesten Männer in den Vereinigten Staaten und die Newyorker, die ihn im vorigen Jahre zum Stadtoberhaupt gewählt hatten, erwarten große Dinge von ihm. Der Charakter dieses seltenen Mannes offenbarte sich auch in seinem Verhalten zu den Juden. Zu einer Deputation der Rabbiner aller Synagogen des East End, die bei ihm mit der Petition erschienen waren, um Juden, welche am Sabbath feiern, von der Pflicht der Sonntagsruhe zu befreien, äußerte sich Mr. Gaynor unter Anderem: „Sie sind die Kinder einer Rasse nnd einer Volksfamilie, deren Ursprung am Anfang der Geschichte in jener Grenzlinie liegt, wo die Legende aufhört und die Geschichte beginnt. Sie gehören einer Rasse und einer Volksfamilie an, die in königlichen Palästen gewohnt hat, zu einer Zeit, da die Sachsen und Kelten, vielleicht auch die Römer noch nackt durch die Wälder streiften und in Höhlen wohnten. Das Christentum hat allen Grund, stolz zu sein, aber es bleibe stets eingedenk, dass es Ihre heiligen Schriften gänzlich übernommen und sich angeeignet hat. Das Neue Testament, das darauf kam, ist gänzlich oder fast gänzlich — denn es kann hierüber Meinungsverschiedenheiten geben — von Angehörigen Ihrer Rasse verfasst worden. Die ganze Welt hat Ihnen viel zu danken. Zunächst in der Religion, dem Glauben an einen einzigen, wahren Gott, von dem sie niemals abwichen. Sie dankt Ihnen .auch viel auf dem Gebiete der Wissenschaft, Literatur und Staatskunst und alles dessen, wovon die Aufklärung, das Glück und die Zivilisation unserer Zeit abhängt. Die Christen hatten niemals wahre Gründe, Sie zu hassen. Der Hass entstand aus Böswilligkeit, entstand in Zeiten der Finsternis, der grossen Missverständnisse. Dieser Hass kann sich heute nur noch bei jenen Völkern halten, die noch in Ungewissheit verharren, die noch auf einer niedereren Kulturstufe stehen als die übrigen, und die noch der Einwirkung dar wahren Zivilisation bedürfen, um von diesem Hass befreit zu werden." Gaynor versicherte, der Mayor aller Bürger zu sein und dafür Sorge zu tragen, daß die am Sabbath feiernden Juden nicht gezwungen würden, auch noch die Sonntagsruhe zu halten. Ein Miffionsprediger wandte sich an den Bürgermeister mit dem Ersuchen, ihm zu erlauben, in der Newyorker Judenstadt Miffionspredigten zur Bekehrung der Juden veranstalten zu dürfen. Der Bürgermeister lehnte das ab mit nachstehendem Schreiben: The Rev. Thomas M. Chalmers, Brooklin. Ehrwürdiger und werter Herr! Es will mir scheinen, dass die Proselytenmacherei einzelner Konfessionen und Sekten sehr oft zu weit getrieben wird. Denken Sie denn nicht, dass die Juden eigentlich schon eine gute Religion besitzen? Haben die Christen nicht ihre heilige Schrift erst von den Juden übernommen? Ist nicht auch das Neue Testament ausschliesslich von Juden geschrieben worden? War nicht Jesus ein geborener Jude, also von jüdischer Rasse — wenn ich dies mit gebührender Ehrerbietung erwähnen darf! Haben wir Christen nicht Vieles, ja sogar das Meiste, was wir besitzen, erst von den Juden empfangen? Warum also diese mühselige Arbeit, um die Juden erst zu bekehren? Das Bekenntnis des Juden an einen einzigen lebendigen Gott datiert aus der Dämmerung der Geschichte, hat sich während unendlicher Generationen durch Ueberlieferung fortgesetzt und bildet eine ununterbrochene Tradition durch den Gang der Weltgeschichte. Ich lehne es darum ab, Ihnen zu gestatten, in den Strassen der dichtbevölkerten Judenbezirke Missionspredigten abzuhalten, zu dem Zwecke, um Proselyten zu gewinnen. Sie würden die Juden unnütz belästigen und mehr Schaden stiften, als Gutes tun. Wie viel Juden haben Sie denn bis jetzt bekehrt? M. G. Gaynor, Bürgermeister, New-York. Die „Newyorker Times" vom 32. April 1910 publizierte das vorstehende Schreiben des Bürgermeisters, ebenso eine Zuschrift der Vertreter der Newyorker Judenfchaft an den Herrn Bürgermeister, welche dem edelgesinnten Manne dafür danken, daß er ihnen Belästigungen und Widerwärtigkeiten durch seinen Takt und seine Klugheit erspart hat. So repräsentiert sich in diesem echten Volksmann einer der edelsten Menschen des nordamerikanischen Staatswesens.