Mannheim
Compact Memory

Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1910-08-05 · 31 (5.8.1910) · page 14

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
27 (1910)
Issue
31 (5.8.1910)
Date
1910-08-05
Page
– (sequence 14)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
94% known words query
IRI
…/3020846-3021873-3021905--19483-3044468
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

Seite 526 Dr. Blochs Wochenschrift. Schlage und schrie zornig: „Ihr Lumpen, was habt ihr in meinem Hause getan, mär' ich dagewesen, hätte ich euch wie Hunde totgeschlagen!" — Dziewicki stand sprachlos da. Er hatte bis nun nur die hündische Kriecherei der Juden gekannt, er mutzte, datz der Jude auf Befehl des Herrn ins Wasser zu springen bereit war, und da mar Leib so trotzig und unverschämt, ihm — einer Amtsperson — gegenüber! Er fühlte sich schwer verletzt und wollte schon den Säbel aus der Scheide ziehen, als er die demütige und furchtsame Haltung des Amtsdieners und den erhobenen Arm Leibs bemerkte. Er unterdrückte den Wutausbruch, zog sein Notizbuch heraus, schrieb darin mit grotzen Lettern: „L e i b a Judaeus" (Leib der Jude), spuckte aus und ging fort. In der Nachbarschaft wohnte Jakob Sohn M o rdechaj's, Markowicz genannt; sein Haus grenzte an die „Steinmauer" des reichen Gewürzhändlers Mosche. Im Parterre waren Gewölbe, am Stock wohnte Jakob. Kaum kamen Dziewicki und der Amtsdiener die steile und schmale Treppe hinauf, als sie von der gewaltigen Stimme Jakobs angedonnert wurden: „Ihr Schurken — schrie Jakob — was wollet ihr von ruhigen Bürgern, wir haben Quittungen von unserer Gemeinde, weg von hier, sonst werfe ich euch von allen Stiegen hinunter!" Das war schon dem Herrn Dziewicki zu viel, er begann den trotzigen Juden zu schimpfen, besann sich aber eines Besseren und stieg behutsam die schlechte Treppe hinunter und ging wütend in das nächste Haus. Dort wohnte Pinkas Lazurowicz (Sohn Lazar's), über den man verschieden sprach. Vor ungefähr zwanzig Jahren verschwand er aus Przemysl, kehrte aber nach einigen Jahren zurück, kaufte ein Haus, führte ein Weib heim und lebte so wie andere Juden. Manchmal erwachte aber in dem schlichten und ruhigen Kaufmann die zweite Natur, dann war er zu einer jeden Gewalttat fähig und wutde von den Nachbarn gemieden, bis sich sein Zorn legte. Der Judengemeinde war er sehr nützlich, denn er sprach ein schönes polnisch, was bei seinen Glaubensgenossen nicht der Fall war: er diente daher als Stadlan (Vermittler) bei den Staatsbehörden und in der Hofkanzlei. Die Zeit, die er autzerhalb seiner Stadt verbrachte, gab immer Stoff zu verschiedenen Erzählungen. Niemand fragte ihn, denn keiner würde es wagen, aber junge Weiber und Schuljungen putzten manches über Ihn zu berichten, und schauten mit Bewunderung und Mitztrauen auf die Herkulesgestalt des Mannes. Pinkas wutzte, um was es sich jetzt handle, man hat ihm darüber in der Stadt berichtet, schnell sammelte er um sich einige Kameraden und ging dem Eraktor entgegen. Dziewicki ahnte gar nichts und stieg in das Pinkasische Haus, als er aber die Wohnung verschlossen fand, kehrte er auf die Stratze zurück. Vor dem Hause Mosche des Stroh'nen begegneten beide einander. Der Jude bemerkte, datz Herr Dziewicki eben sein Haus verlassen und das steigerte seinen Zorn. Im nu erwachte in ihm die Gewaltnatur, trotzig erwiderte er den stolzen Blick des Adligen und rief mit erregter Stimme: „Was habt ihr Schinder in meinem Hause getan, wär' ich dort gewesen, wäre keiner lebend davongekommen. Ich habe nie einem Fremden Steuer gezahlt und werde eher 300 Gulden abwiegen2) als dir einen Groschen zu geben!" Die grimmige Gestalt des Juden, seine erhobene Stimme, die aufgeregte Gestikulation, machten Herrn Dziewicki ganz wirr. Die demütigen Juden zeigten sich viel unbeugsamer, ja sogar kecker, als der Adel und die Bürger. Herr Dziewicki war überzeugt, datz es geschei¬ 2) Für den Kopf eines Adeligen. ter sein wird, sich zurückzuziehen, und ging eiligst in das Schlotz, wo infolge des Interregnums alle Gerichtsbarkeit in suspenso war und nur das Konfederationsgericht amtierte?) (Fortsetzung folgt.) Kitrratvr. Salomo« Reinach, Orp Heus. "Allgemeine Geschichte der Religionen. Deutsche, vom Verfasser durchgesehene Ausgabe von A. Mahler. Wien und Leipzig 1910, I. Eisenstein u. Co. Das im Original weitverbreitete Buch des berühmten Autors hat der Lobredner so viele gefunden, daß ein Nachhinken sich von selbst verbietet. Nur möchten wir als auffallend Folgendes verzeichnen: Für die Geschichte der Hebräer und Juden werden, von einem gelegentlichen Hinweis auf die «Revue des Etudes juives" abgesehen, die wichtigen, auch von christlichen Autoritäten bei beachteten Arbeiten jüdischer Forscher nicht berücksichtigt. Die Ausführungen halten sich in den bekannten Bahnen der extremsten Bibelkritik und der «Geschichte Israels" von christlichen Autoren mit unzureichender Quellenkenntnis und einseitigem Urteil. „Hexateuch," beißt es S. 161, von «hex sechs, teuche Bücher" statt teuchos. „Die Gesetzgebung und Moral des Pentateuch (also hier so!) ist noch ganz von Tabu's durchsetzt" (168) und auf das Zehngebot und andere, sittlich hochbedeutsame Gesetze wird sogleich exemplifiziert, wobei der Sabbath wieder als »äies nekastus« herhalten muß. Die Prophetin Deborah war „zweifellos die Hierodule eines totemistischen Kultes" (171). Der große „Philosoph von Coidova (S. 192) heißt nicht Josef, sondern Moses Maimonides. «Im 17. Jahrhundert mordete man die Juden in Spanien und Polen" (S. 194), aber Spanien hatten fie ja ,1492 verlassen. Die ersten judenfreundlichen «Maßnahmen stammen von Friedrich dem Groben" (149). Welche? „Chafsidim" bedeutet nicht „Ergebene" (196). Die Sehnsucht nach Palästina wird S. 137 als «alte Chimäre" bezeichnet. S. 216 werden Vorzüge des Christentums, «des mächtigsten, geistigen Ausschwunges, der je die Seelen ergriffen und sie noch heute gefangen hält," vor dem Judentums aufgezählt. R. Abraham Geiger, Leben und Lebenswerk von Geiger, I. Elbogen, G. Klein, I. Lö'w, F. Perles, S. Posnanski, M. Stern, H. und H. Vogelstein. Berlin 1910, Georg Reimer. Wenn, doch nur ein Bruchteil der Ehre, die große Männer nach ihrem Tode ernten, zu Lebzeiten ihnen widerfahren wäre! Auch angesichts dies stattlichen Bandes, dem Andenken e.nes von vielen scharf Befehdeten und oft schmählich Verunglimpften gewidmet, kann man sich eines solchen Bedauerns nicht erwehren. Kampf läutert und kräftigt, und ein Mann, wie Geiger, hat ihn herausgefordert. Aber die Formen! Nur schade, daß wir diese gute alte Zeit nicht bemitleiden dürfen. Sie lebt ja noch unter uns. Warum muß gerade der theologische Kampf zum Pfaffengezänk, zum Weibergefecht mit Nadelstichen und Sudeltöpfen werden? Hatte ein Geiger bei aller Kantigkeit seines Charakters, trotz Schwächen, die man selbst einem Kleineren als Menschlichkeit zugute halten müßte, ungeachtet mancher Fehlgriffe als praktischer Reformer. — hatte er als Gelehrter, als begeisterter Verfechter der jüdischen Antike, wie als Wegweiser für die Gegenwart mit einem unbeirrbaren, aus innerlichster Erfassung des Judentums und seiner Geschichte optimistisch gerichteten Blick in die Zukunft, hatte er des Guten und Anerkennenswerten nicht genug, um ihm Gerechtigkeit zu gewähren? Jetzt sieht man — und das vorliegende Buch bestätigt diese Erkenntnis im Einzelnen — wie dieses oft ans Geniale streifende, vielseitige Talent noch heute als Lehrer und Mahner an seinem Platze wäre. Geiger trat zwischen Reformer, die nichts gelernt, und Blind- und Starrgläubige, die nichts vergeffen hatten. An die Stelle des rationalistischen Raisonnements jüdischer Kirchenräte mit ihren „orthographischen Gesängen" und ihrem „protestantischen Hosenschnitt" setzte er die historische Kritik der jüdischen Gelehrten. Dem starren Gewohnheitsglauben zeigte er im Judentum einen unvergänglichen Kern bei Annahme wechselnder Formen. Das Hebräische in Gottesdienst und Unterricht ist nach ihm das Nationale im Judentum und darum kämpfte er für seine Erhaltung. Was er als Bibelkritiker und Philologe geleistet hat, wird in der Gedenkschrift zu neuen Ehren gebracht. Als Prediger ließ er sich leider an der Hand seiner Reden nicht würdigen. Und doch ging gerade von seiner Kanzel eine bedeutende Wirkung aus. Man braucht nur zu lesen, mit welcher Begeisterung der junge Ferdinand Laffalle an . seinen Lippen hing. Und man halte diesem Breslauer Kreise das jüdische Milieu eines Karl Marx entgegen, dann sticht ganz ohne Kommentar die Bedeutung dessen hervor, was Geiger für die damalige jüdische Jugend bedeutet hat. Er lehrte sie, auf ihr Judentum und seine Geistesgröße und seine großen Geister Stolz empfinden. Wir teilen durchaus nicht in Allem Geigers Standpunkt. In der einseitigen Ver- 3) In Polen erlosch nach dem Tode eines jeden Wahlkönigs alle Staatsgewalt und kam zu ihrer Geltung erst nach der Neuwahl. Um in der königlosen Zeit das Recht zu wahren, verband sich der Adel einer jeden Landmannschaft in Konfederationen und setzte Beamte ein.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.