Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 27 (1910)
- Issue
- 31 (5.8.1910)
- Date
- 1910-08-05
- Page
- – (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 92% known words query
- IRI
…/3020846-3021873-3021905--19482-3044467- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
N'. 31 Dr. Blochs Wochenschrift. Veite b2b Odessa. (Zurückg e keh r t.) Eine erhebende Feier fand vor einigen Tagen in einer hiesigen Synagoge statt. Ein 78 jähriger Mann und seine 70 jährige Frau sind zum Jud.ntume übergetreten und haben gleichzeitig ihre Hochzeit nach mosaischem Gesetze gefeiert. Der Neophyte war ein sogenannter „Kantonist", der als Kind jüdischer Eltern im Alter von sieben Jahren gewaltsam zum Militärdienst genommen wurde. Beim Militärdienst wurde er offiziell getauft, aber in seinen Ohren klangen unausgesetzt die Worte, die ihm seine Mutter nachrief, als ihn die Schergen den Eltern entrissen hatten: „Denke daran mein Kind, daß Du Jude bist!" Nach Absolvierung des Militärdienstes ließ er sich in Odessa nieder und heiratete nach christlichem Ritus. Als vor v'.er Jahren das kaiserliche Manifest über die Glaubensfreiheit erschien, war der erste Gedanke des alten „Kantonisten", um die Erlaubnis, zum Judentums zurückzukehren, anzusuchen. Vorige Woche nun langte die Erledigung des Gesuches aus Petersburg genehmigend zurück und der 78jährige Mann kehrte zum Glauben seiner Väter zurück und vollzog gleichzeitig seine Trauung mit seiner „Alten" nach mosaischem Gesetze. Feuilleton. Skizzen und Studien zur Geschichte der Inden in Polen. Von Dr. Majer Balaban, Lemberg. V. Der Schwedeufähnrich. Es war an einem hübschen, frostigen Wintertage, der Schnee knisterte unter den Füßen und ringsumher glitzerte alles und funkelte wie ein Kristall in der Sonne. Am 6. Dezember anno Domini 1673 erwachte früh morgens der Edle Johannes Dziewicki und begab sich eiligst in die soeben geöffnete Jesuiten-Kirche, um Gott um Beistand bei der Eintreibung der vom letzten Reichstag auferlegten Kriegskontribution rnzuflehen. Herr Dziewicki erfreute sich eines guten Leumundes als energischer und gewissenhafter Mann, kein Wunder, daß der reussische Adel ihn auf dem Landtag zu Wisznia zum Erekutor für den Przemysler Kreis gewählt hat. Der Kreis war wegen seiner Unruhen, Aufstände, Ueberfälle und Mordtaten in ganz Polen berüchtigt. Die Kontribution sollten alle zahlen und dachte daher lange Herr Dziewicki, bei wem er die Eintreibung beginnen soll. Beim Adel? Dies könnte ja bald zu einem unliebsamen .Zusammenstoß führen! Bei den Bürgern? Heute ist ein Halbfeiertag!, folglich bei den Juden! — In der Judengasse waren Krämerbuden aufgeschlagen; zum heiligen Nikolaus kaufte Jedermann allerlei Tandwerk, welches trotz des eisigen Winters und der grimmigen Kälte auf offener Straße feilgeboten wurde. Hinter den Tischen sputeten sich die in Pelze und Mäntel gehüllten Juden und warteten auf die kauflustige Menge. Es war aber noch sehr früh und wer aus dem 'Bett gekrochen, war zu Hause oder in ^er Kirche bei der Frühmesse. -ft -ft -ft Endlich war die Messe zu Ende. Die Andächtigen kehrten teils nach Hause zurück, teils begaben sie sich in die warmen Weinstuben, wo echter Ungarwein, auf der alten Fahrstraße über D u k l a und S a n o k geführt, ausgeschenkt wurde. Hinter der Menge erschien Herr Dziewicki, stramm und kräftigen Schrittes, den Kopf hoch, wie es 'die Würde des Amtes erheischte. Durchdrungen von seiner wichtigen Aufgabe, ging er stracks auf das Juden-Rathaus zu, um „des ungläubigen Volkes der Stadt Przemysl Aeltesten" zu verkünden, daß „er, der Edle Johannes von Dziewicki, über Verordnung des Reichs- und Landtages, wünsche, beabsichtige, und gewillt sei, die cruferlegte Kontribution einzuheben." Die Aeltesten der Judengemeinde Przemysl verrichteten soeben das Morgengebet und mußte Herr Dziewicki geduldig warten, bis Lewko, Kiwa, Moschko (Krämer genannt), Aron Pinkas, Jcko Präger, Bieniasz, Dawid, Tobias und Jsak Sobel, Israel, Markus, Lasar Sohn Mosis, Jakob Pinkas, Jakob der Fette Faktor.^ die S e n i o r e s oder Aeltesten der Ungläubigen der Stadt Przemysl den Gottesdienst beendet hatten, und das Ratszimmer betraten. In buntem Durcheinander fragen sie, was vorgefallen und was Herrn Dziewicki in die Iudengasse führe. Herr Dziewicki trug die Sache vor; die Juden hörten auf seine Worte: Herr Dziewicki verlangte von den Juden, daß sie — wie es immer und überall in Polen geschieht — die ganze Summe bezahlen und nachher das Geld bei ihren Glaubensgenossen eintreiben. Die Sen io res wollten davon nichts hören: jemand hat vor kurzer Zeit eine Kontribution eingehoben, die Juden haben Quittungen und zeigen sie vor: Dziewicki behauptet, fte seien falsch, die Seniores beteuern, daß sie echt sind: Herr Dziewicki will davon nichts hören und ist entschlossen, allein die Kontribution durchzuführen. * * In den polnischen Judengemeinden haben stets die Seniores die Steuergelder eingetrieben; der ^Judenvorstand führte eine genaue Evidenz der Vermögensverhältnisse aller Bürger und registrierte jede paar Jahre alle Aenderungen in ihnen. Zwei Schuldiener waren zum Inkasso der Gelder bestellt: das Repartitionsbuch der Gemeinde war „nach genauer Prüfung" angelegt, das Vermögen der Bürger „gewissenhaft" abgeschätzt und doch waren Klagen gegen das Steuerausmaß sehr häufig, sie verhallten aber ohne Echo im Ratsaal der Gemeinde und es war wieder still und wieder gab das Volk das Geld her. Denn es hatte keine Waffe der K a h a l - Oligarchie gegenüber, die jeden Augenblick den Bannstrahl auf den Widerspenstigen schleudern konnte. Wehe dem, den er getroffen! Aber Fremden gegenüber hatten die Juden keine Verpflichtung, alle Steuergelder fertigte der Kahal summarisch ab und entledigte das Volk wenigstens dieser Sorge. Die Verwunderung der Frau Leib war daher unbeschreiblich, als Herr Dziewicki mit dem Amtsdiener in ihr Haus trat. „Mein Mann ist nicht zu Hause — sagte sie kurz — und ich erledige derartige Geschäfte nicht!" Herr Dziewicki stand ratlos da. die Frau schickte einen Burschen um den Mann und nahm einstweilen aus dem Komodkasten alte Quittungen heraus, um sie dem Eraktor vorzuzeigen. Herr Johannes wollte sie gar nicht ansehen und forderte den Amtsdiener auf, die Erekution durchzuführen. „Der fürsichtige Krongeneral" *) ein pfiffiger Kerl, kannte gut den Leib und wußte, daß er ein Gewaltmensch sei. Er wollte mit ihm nicht beginnen, suchte langsam und schaute nach der Hintertür, um im ärgsten Falle durchgehen zu können. Zwölf Gulden sollte Leib bezahlen und 12 Rippen konnte der Amtsdiener mit samt dem Eraktor einbüßen. Als daher der Bursche mit der Botschaft zurückgekommen war, daß Leib sich schon auf dem Wege befinde, schlich der „General" zur Straße hinaus und zog mit sich Herrn Dziewicki. Leib kam herangerannt, mit einer Hand wischte er sich den Reif vom Bart, die andere erhob er wie zum l) Der Amtsdiener spielte in Polen eine große Rolle. Ihn ernannte in der Regel der König und sein Titel lautete: Mnisterialis Regni generalis providus. Alle Gerichtsakten waren rechtlos, wenn sie ter Amtsdiener mit zwei adligen Zeugen nicht agnosziert hat. Alle Dokumente in Polen beginnen: Xd acta. . . praesentia personaliter veniens ministerialis Regni generalis providus x. y. cum duobus nobilibus ... —