Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 27 (1910)
- Issue
- 31 (5.8.1910)
- Date
- 1910-08-05
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
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Nr. 31 Dr. Blochs Wochenschrift. 521 ihr eigenes Zukunftsinteresse und soviel Korrektheit erweisen. um sich nicht für die Klerikalen zum Schaden der jüdischen Gesamtheit und zu ihrem eigenen größten Schaden zu erponieren. Ein Blutmärchen. Aus Budapest wird geschrieben: Das Organ der Volkspartei „Alkotmany" tischte vor einigen Tagen seinen Lesern einen spaltenlangen Bericht auf, der den geheimnisvollen Titel führt: „Das Mysterium von Nagykövesd", und in welchem es heißt, 'daß in Nagykövesd, einer kleinen Gemeinde in der Nähe von Sarospatak, ein bei dem Gastwirt Burbaum abgestiegener fremder Jude die Tochter eines armen Taglöhners namens Somplak in das Zimmer gelockt, ihr dort den Mund verbunden und sie dann auf den Heuboden geführt habe, wo er den Aermel ihres Kleides aufstreifte und den Arm so zusammendrückte, daß das Blut in den Adern anschwoll. „Darauf hat er ihren Arm mit sonderbaren Blicken betrachtet." Da Fremde in die Nähe kamen und der Jude sich auf einige Augenblicke entfernte, sprang das Mädchen vom Heuboden auf einen unten im Hofe liegenden Strohsack herab und flüchtete. Das ist der wesentliche Inhalt des langen Berichtes, der offenbar den Zweck verfolgt, das alte Blutmärchen wieder einmal aufzufrischen oder wenigstens den Verdacht zu erwecken, daß es nicht unbegründet sei. Berlin. Der Hilfsverein der Deutschen Juden erhält aus Petersburg die Mitteilung, daß die dortige städtische Verwaltung ihr Beamtenpersonal zur Bekämpfung der Cholera verstärkt, jüdische Aerzte als Beamte aber, ohne Rücksicht auf den bestehenden Aerztemangel und die Verschlimmerung der Epidemie, nicht einstellt. Entsprechende Nachrichten liegen aus anderen russischen Städten vor. Berlin. Pros. Dr. Hugo Münsterberg von der Harvard-Universität, der als Austauschprofessor an der Berliner Universität Vorlesungen über allgemeine Psychologie und die Zivilisation in Amerika sowie über „Die Philosophie Fichtes" halten wird, ist, wie wir erfahren, bereits in Berlin eingetroffen. Prof. Dr. Münsterberg wird auch das neue Berliner Amerikanische Institut einrichten, das als „a^Hearinxr bonso 'kor tbe reiations between Germany and Amerikan ^cnlture“ gelten soll. Prof. Münsterberg ist bereits zum offiziellen Direktor des Instituts ernannt worden, zu dessen Gründung die Bankiers Iames Speyer 500 000 Mark und Iakob Schiff 250 000 Mark beigesteuert haben. Das Institut genießt, wie schon früher mitgeteilt, die Unterstützung der deutschen Regierung. Eine Erklärung des- Oberrabbiners von Sofia über dir Vorgänge in Bulgarien. Mit Rücksicht auf die alarmierenden Gerüchte über antisemitische Umtriebe in Bulgarien, die besonders in der russischen antisemitischen Presse stark aufgebauscht wurden, wandte sich das Warschauer Tageblatt „Unser Leben" an den Oberrabbiner von Sofia. Dr. Ehrenpreis um genauere Details. Dr. Ehrenpreis sandte hierauf dem Blatte folgende Erklärung: „Die Alarmnachrichten, die in allen Zeitungen erscheinen, wonach in Bulgarien eine stark antisemitische Bewegung begonnen habe, die für die Juden gefahrdrohend sei, sind vollständig unwahr und aus der Luft gegriffen. Ich betrachte die Gerüchte nicht anders als die Folge sensationslüsterner Zeitungsmache oder als Produkt eines leichtfertigen Antisemitenhirnes. das große Lust hat, den Haß gegen die Juden selbst in jenen Ländern anzufachen, wo Juden und Christen in Frieden mit einander leben. Ich kann Sie versichern, daß für die Juden, die in Bulgarien wohnen, absolut keine Gefahr besteht. Der geringfügige Vorfall in Kistendil muß als einzelner Ausnahmsfall betrachtet werden, in welchem auch tne Regierung die strengsten Maßregeln ergriffen hat. Zufolge unserer Bitte beim Minister des Innern hat die Regierung an alle Behörden im Lande eine Zirkularnote ergehen lassen, in welcher allen in Betracht kommenden Faktoren aufgetragen wird, jede antisemitische Agitation unverzüglich aufs schärfste zu bestrafen. Das ist Alles. König Georg Protektor eines jüdischen Waisenhauses. Wie aus London berichtet wird, hat König Georg das Protektorat über das Londoner jüdische Spital und Waisenhaus angenommen. Das unter einer Verwaltung stehende jüdische Spital und Waisenhaus gehört zu den ältesten jüdischen Wohlfahrtsanstalten Londons. König Georg ist mit der Uebernahme des Protektorats seinem verstorbenen Vater König Eduard VII. und seiner Großmutter Königin Viktoria gefolgt, die gleichfalls Protektoren des jüdischen Kranken- und Waisenhauses waren. Hohe Auszeichnung eines jüdischen Gelehrten. Die Französische Gesellschaft zur Förderung des öffentlichen Wohlstandes hat dem Gelehrten Alfred Neymarck die goldene Medaille, eine der höchsten Auszeichnungen, zuerkannt. Neymarck, der Kommandeur der Ehrenlegion, Vizepräsident der politisch-ökonomischen Gesellschaft ist, war bis vor Kurzem Präsident der Gesellschaft für Statistik in Paris und erhielt seine jüngste Auszeichnung für die Sammlung seiner Aufsätze über Staatsfinanzen und seine hervorragendsten statistischen Arbeiten, die von der Akademie für politische und Moralwiffenschaft preisgekrönt wurden. Alfred Neymarck rst auch Mitglied des Zentralkonsistoriums der Juden Frankreichs und des Konsistoriums der Juden in Paris. Das dankbare russische Vaterland. Der jüdische Unteroffizier der russischen Armee K. Don bat im Wege des Wilnaer Gouverneurs um das unbegrenzte Wohnrecht in Rußland. Vor einigen Tagen erhielt er nun eine Erledigung, die verdient, als Dokument russischer Spitzfindigkeit und Ungerechtigkeit aufbewahrt zu werden. Es lautet kurz und unklar: „Don. der im Kriege im fernen Osten ehrlich (!) gedient hat, hat, gleich den alten Nikolai-Soldaten, das Wohnrecht im ganzen Reiche, jedoch .... — erstreckt sich dieses Wohnrecht nicht auf jene Orte, bezüglich welcher besondere Begrenzungen hinsichtlich des Wohnrechtes der Juden bestehen." Welche Orte aus dem Wohnrechte des tapferen jüdischen Unteroffiziers ausgenommen sind, ist nicht recht klar. Klar ist nur das eine, daß die Administration in diesen Beschluß alle Städte und Dörfer außerhalb des jüdischen Ansiedlungsgebietes hineindeuten wird. Man bedenke jedoch! Ein Jude, der so tapfer gekämpft hat, daß er zum Unteroffizier befördert wurde, von dem es selbst im amtlichen Dokumente heißt, daß er ehrlich gedient hat, hat nicht einmal das Recht in seinem Vaterlande, für welches er sein Leben in die Schanze schlug, sich frei zu bewegen. Die Brodskysche Bibliothek in Kiew geschlossen.. Vor drei Jahren wurde in Kiew dank der Munifizenz des Philanthropen Brodsky und anderen jüdischen Persönlichkeiten eine öffentliche Bibliothek gegründet. Die Bibliothek besaß bereits 20.000 Bände und 3000 Mitglieder. Vorige Woche nun mußte die Bibliothek auf Verordnung des Ministers des Innern geschlossen werden, weil „die Auswahl der für die Bibliothek erworbenen Bücher tendenziös (?) war." Von Juden begründete Gewerbe in England. Das Handwerk und ein großer Teil des Londoner Gewerbes liegt in den Händen der aus Rußland, Ru-