Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 27 (1910)
- Issue
- 31 (5.8.1910)
- Date
- 1910-08-05
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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Nr. 31 Dr. Blochs Wochenschrift. Seite 519 mit großer Majorität gewählt. Mr. Green ist der erste Jude, der in einem kanadischen Parlament Sitz und Stimme haben wird. Wohl wurde schon einmal, u. zw. vor mehr als hundert Jahren — im Jahre 1807 — ein Jude, Ezechiel Hart, in den Landtag von Quebeck gewählt, doch konnte er nicht in den Landtag einziehen und sein Mandat ausüben, weil er Jude war. Der soeben gewählte Hart Green ist ein bewußter Jude und nimmt an allen öffentlichen Angelegenheiten der kanadischen Juden lebhaften Anteil. In Kanada gibt es auch einen jüdischen Bürgermeister, u. zw. Mr. Simon George in Alerandria. Ein jüdischer Unwersitätsprofessor in China. Die Universität in Tientsin hat den Lektor an der Vostoner Harvard-Universität, Dr. I. L. Scharfmann als ordentlichen Professor für Nationalökonomie berufen. Professor Scharsmann ist ein überzeugter Jude und ist der Begründer der jüdisch-literarischen Gesellschaft „Menorah" an der Harvard-Universität. Scharfma^n stammt aus Rußland. ' ’ ‘ Vom Warschauer Jüdischen Museum. Eine der reichhaltigsten und interessantesten Sammlungen jüdischer Altertümer ist das jüngst eröffnste Warschauer jüdische Museum, das nach dem Namen des kürzlich verstorbenen Archäologen und Philanthropen Mathias Versöhn, der fast sämtliche Gegenstände dem Museum gespendet hat, „Versohn-Museum" genannt wird. Das Museum, das in einem eigenen großen Saale des jüdischen Gemeindehauses untergebracht ist, steht wöchentlich zweimal Jedermann zu freier Besichtigung offen. In dem Museum befinden sich zahlreiche historisch wertvolle Manuskripte auf Pergament aus dem 17. und 18. Jahrhundert, mehrere kunstvoll gebundene Bibeleremplare, ein hebräisches Werk über Aristoteles, das im Jahre 1693 geschrieben wurde und viele andere wichtige historische Dokumente. Ferner befindet sich in dem Museum eine polnische Krone aus dem Jahre 1618, ein hebräischer Nachruf auf den polnischen Schriftsteller Lelewelo, die hebräische Uebersetzung eines Werkes von Slovacky usw. Die Bibliothek des Museums enthält 2000 Bände judaistischen Inhalts. Besonders wertvoll ist die Bildergalerie, Abbildungen altertümlicher Synagogen und Porträts jüdischer Gelehrter und Philanthropen. Unter den Porträts befinden sich auch diejenigen des Jakob Frank. Baruch Spinoza, des Freiheitshelden Berek Joselowitsch und hervorragender Polen, die sich um die Gleichberechtigung der Juden in Polen verdient gemacht haben. Natürlich besitzt das Museum auch eine große Anzahl alter wertvoller Ritual- und Kultgegenstände. Korrespondenzen, Die Kultuswahl in Czernowitz «ud der Reichsratsabgeordnete Dr. Straucher. Der jüdisch-nationale akademische Verein „Emunah" sendet uns nachstehende zwei Berichte aus der „Czernowitzer Allgemeinen Zeitung" mit der Bitte um Abdruck in der „Oesterr Wochenschrift" : Line stürmische Versammlung. Sonntag den 17. v., 4 Uhr Nachmittags, fand im Festsaale des „Jüdischen Nationalhauses“ in Angelegenheit der bevorstehenden Kultus wählen eine von Dr. Straucher einberufene Versammlung statt, zu welcher uns folgendes berichtet wird : Als nun einige Mitglieder der jüdisch* akademischen Verbindungen „Emunah“ nnd „Hasmonaea“ vor Beginn der Versammlung erschienen nnd Einlass begehrten, wurde ihnen der Eintritt auch vom Vizeobmann des Nationalvereines Dr. Frucht gewährt. Dr. Straucher eröffnete die Versammlung, sprach über die Knltnswahlen, kam dann auf die bevorstehenden Landtagswahlen zu sprechen und begann bei dieser Gelegenheit die oppositionellen Organe zu beschimpfen. Ein Mitglied der „Emunah“ reagierte auf diese Beschimpfungen durch einen Zwischenruf, worauf Gemeinderat Flemlnger sich auf ihn losstürzte und ihn aus dem Saale wies. Während nun alle anwesenden Mitglieder der „Emunah“ den Versammlungssaal verliessen, entstand durch die Rohheit der Versammlungsteilnehmer, die nur Gewalt anwenden wollten, ein erregter Wortwechsel, der in Tätlichkeiten ausartete, als Dr. Straucher von der Tribüne aus seinen „Leuten“ zuschrie, sie mögen „diese Studenten hinauspeitschen“. Selbstverständlich genügte ein solcher Zuruf ihres geliebten Führers den meisten der Versammelten. Sie stürmten mit erhobenen Stöcken den sich Entfernenden nach und begannen auf den Treppen des „Jüdischen Hauses“ auf sie loszuschlagen. Das Mitglied der „Emunah“, J. W., erhielt bei diesem Angriffe eine starke Verletzung der Stirne, während die Anderen mit mehr oder minder starken Hieben über Kopf und Rücken glimpflich davonkamen. So weit ging sogar die Begeisterung für Dr. Straucher, dass man im jüdischen Hause nicht einmal ein Zimmer öffnen wollte, um den Verletzten aufzunehmen, so dass dieser blutüberströmt in dem Korridor stehen musste. Schliesslich gelang es der ziemlich energischen Intervention seitens seiner Bundesbrüder, dies durchzusetzen; die bald avisierte Rettungsgesellscbaft verband den Verletzten. So hatte Dr. Straucher wieder einen „grossen“ Sieg zu verzeichnen und die Treppen des jüdischen Hauses waren befleckt mit dem Blute eines jüdischen Studenten — jüdisches Blut im jüdischen Hause! Wahrlich, das war noch die letzte Weihe, die vielleicht dem jüdischen Hause gefehlt hatte! Bei diesem bedauerlichen Vorfälle musste die Polizei intervenieren. Derselbe hatte eine grosse Menschenansammlung zur Folge. Wie wir erfahren, haben die Mitglieder der „Emunah“ bereits die Strafanzeige gegen die eruierten Schuldigen erstattet. " Protestversammlung gegen Dr. Straucher. Samstag den 23. v. M. 6 Uhr nachmittags fand im Saale des Dom Polski die vom jüdisch-nationalen akademischen Verein „Emunah“ einberufene Studenten-Protestversammlung statt. Ueber 250 Studenten und akademisch Gebildete waren erschienen, unter anderen die ginze Aktivitas sowie die alten Herren der akademischen Verbindung „Zephirah“, Vertreter des jüdisch-nationalen akademischen Vereines „Tikwah“ Suczawa, „Jüdische Kultur“ Wien und die gesamte jüdische Finkenschalt. Ferner waren briefliche und telegraphische Entrüstungskundgebungen geschickt worden von den akademischen Vereinen und Verbindungen „Chermonia“ Radautz, „Tikwah“ Suczawa, „Hasmonaea“ Lemberg und „Hatikwah“ Kolomea. Nachdem der Vorsitzende cand. jur. Julian Silberbusch den Zweck der Versammlung anseinandergesetzt, erstattete das Mitglied der „Emunah“ cand. jur. Naftali Nussenbaum ein ausführliches Referat. Die Vorfälle vom 17. Juli seien der Ausfluss der reaktionären Politik Dr. Strauchers. Seine äussere Politik habe totale Misserfolge gezeitigt. Abgesehen von seiner zersetzenden Tätigkeit im „Jüdischen Klub“, dessen Einfluss er untergraben, sei es ihm gelungen, mit Hilfe der von ihm getäuschten Massen sich zum reaktionären Machthaber aufzuschwingen; als solcher sucht er jede freie Meinungsäusserung, die ihm nur irgendwie nicht passt, brutal zu unterdrücken. Ausserhalb der Bukowina spricht sich Dr. Straucher immer für das allgemeine Wahlrecht in den Kultusrat aus, so beim letzten Kultusgemeindetag in Wien im Jahre 1908. In Czernowitz lässt er nicht einmal ein beschränktes Wahlrecht zu nnd zieht die Kultusratsernennungen den Kultusratswahlen vor. Die Studenten sahen es daher als ihre Pflicht an, das zionistische demokratische Programm auch bei den jetzigen Kultuswahlen zu vertreten. Dr. Straucher sah hierin, eine Gefährdung seiner Prinzipien und hat die „Studenten hinauspeitschen“ lassen. Der Referent bespricht ferner das Verhältnis der jüdischen Studentenschaft za Dr. Straucher und meint, diese habe ihn immer und überall nnte siüzt, wiewohl sie mit seiner Politik nicht ganz einverstanden war, immer jedoch vom Bestreben geleitet, eine Spaltung im eigenen Lager zu verhindern. Die jüdische Studentenschaft gehe jedoch jetzt ein, dass die „Opportunitätspolitik“ dem Volke nur Schaden bringe, nnd sei jetzt fest entschlossen, diese za verlassen und alles Faule und Morsche zu entlarven. Die jüdische Studentenschaft wolle und müsse gehört werden. Redner schilderte dann genau die Vorfälle vom 17. v. M., wo jüdische Studenten Angriffe gegen abwesende Wehrlose abwehrten, und fordert zu einem einmütigen Proteste gegen diese Brutalitäten auf. Der Vertreter der Finkenschaft stud. phil. Juda Reiner hebt hervor, dass solch ungeheuerliche Vorfälle bei anderen Nationen nicht denkbar wären und nur bei Dr. Straucher und seinen „Leuten“ möglich sind. Weiters bemerkt er, anschliessend an die letzte Nummer der „Volkswehr“, wo den Studenten abgeraten wird, sich an aktiver Politik zu beteiligen, dass Dr. Straucher jahrelang die