Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 27 (1910)
- Issue
- 30 (29.7.1910)
- Date
- 1910-07-29
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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Nr. 30 Dr. Blochs Wochenschrift Seite 490 Die im November 1909 für 30 verlassene Kinder eingerichtete Heimstätte für jüdische Kinder hat sich bisher sehr gut bewährt und es wäre deshalb außerordentlich wichtig, den 3. Stock des Gebäudes für die Aufnahme weiterer 30 Kinder zu adaptieren. Vielleicht finden sich Legate oder hochherzige Kinderfreunde, die diese schöne Institution fördern würden. Die Erhaltungskosten dieses Kinderheimes werden zum Teile aus dem Konto der Kultusgemeinde für verlassene Kinder und zum anderen Teile aus den Erträgnissen der Mannheimer'schen Kinderspitals- Stiftung und der Widmung des Ehepaares Gottlieb und Regine Bettelheim bestritten. Ueberdies wurden 41 jüdische verlassene Kinder, die wegen ihrer schwächlichen Konstitution laut ärztlichem Befunde in Wien nicht hätten gedeihen können, nach Schaffa, beziehungsweise Neu-Rausnitz und Pohrlitz in Pflege gegeben. Anläßlich der Eröffnung der erwähnten Heimstätte in der Herklotzgasse hat Herr Präsident Dr. Alfred Stern in seiner Ansprache den Wunsch geäußert, daß eine bereits bestehende jüdische Institution für Kinderfürsorge die von der Kultusgemeinde auf diesem Gebiete geleisteten Arbeiten übernehme, wobei die Kultusgemeinde sich bereit zeigen würde, diese Anstalt im weitestgehendem Maße zu fördern und ihr eine entsprechende Subvention aus den Mitteln der Gemeinde zur Verfügung zu stellen. Außer diesen 241 Kindern, die derzeit unter dem Schutze der Kultusgemeinde stehen, haben verschiedene andere Vereinigungen jüdische Kinder teils bei Verwandten der Kinder, teils bei fremden Pflegeeltern in Pflege gegeben, so der Verein „Kinderschutz", Kinderschutz- und Rettungsgesellschaft „Treue", „Pestalozzi" rc. Zu wiederholten Malen hat nun Herr Dr. Steiner den Zusammenschluß aller Fürsorgevereine zu einem Verbände in Anregung gebracht und nachdrücklichst propagiert. Dieser Zusammenschluß, dessen Notwendigkeit sich täglich fühlbarer macht, dessen Durchführung aber die Fürsorgetätigkeit nicht nur vereinfachen, sondern auch intensiver und erfolgreicher gestalten würde, ist bisher noch nicht erfolgt. Zur endlichen Realisierung dieses alten, wichtigen Planes erlaube ich mir die folgenden Vorschläge zu unterbreiten : Der Verband der Kinderfürsorge-Vereine hätte in folgender Weise vorzugehen: Zur Uebernahme aller hiemit verbundenen Agenden, die bisher durch den Kultusvorstand selbst behandelt wurden, hat sich der Hietzinger Frauenverein bereit erklärt. Dieser Verein übernimmt einen vom Kultusvorstande für eine gewisse Zeit — etwa 5 Jahre — bestimmten Pauschalbetrag, dem er seine eigenen Einnahmsbeträge aus Mitgliedsbeiträgen, Widmungszinsen, Spenden, Reingewinn von Veranstaltungen rc. beifügt, und verpflichtet sich nach einer gewissen Vereinbarung, die Fürsorge der verlassenen Kinder durchzuführen. Der Vorgang bei Abwicklung der Tätigkeit des Verbandes ist folgendermaßen gedacht: Die Anmeldung der Kinder erfolgt wie bisher beim Wohltätigkeitsamte der Kultusgemeinde. Die Vereinbarungen mit dem Magistrate und dem Zentralkinderheim wären auch weiterhin im Prinzipe aufrecht zu erhalten, es sei denn, daß die monatliche Verpflegsgebühr von K 25.— per Kind erhöht werden sollte. Dieser Betrag von K 25.— für jedes Kind als monatliche Verpflegsgebühr wurde im Jahre 1892 normiert, und es ist eine bekannte Tatsache, daß die Preise der Lebensrnittel, Wohnung und Kleidung seit diesem Zeitpunkte bedeutend gestiegen sind. Im Interesse einer einheitlichen Arbeit wäre es zu empfehlen, daß die Erhebungen über die angemeldeten Kinder, sowie überhaupt alle administrativen Arbeiten auch in Zukunft dem Wohltätigkeitsamte der Knltusgemeinde überlassen blieben. Um die jüdische Kinderfürsorge zu einem vollkommen in sich abgerundeten Werke zu gestalten, wird ein zu schaffender Verband einem oft und tief empfundenen Mangel abzuhelfen haben. Die Unterbringung der Kinder in ordentliche Familienpflege ist ziemlich schwer, da mannigfache Anforderungen an die Familie und an deren Wohnung gestellt werden müssen. Für kleine Kinder im Alter bis zu 2 Jahren und von 2 bis 6 Jahren findet man nur selten geeignete jüdische Parteien, welche die große Mühe der steten Beaufsichtigung für das geringe Entgelt auf sich nehmen wollen und so kommt es leider allzuoft vor, daß so kleine Kinder in eine gesellschaftliche Umgebung kommen, die keineswegs für ihre körperliche und geistige Entwicklung geeignet ist. Eine der wichtigsten Aufgaben der Institution, die nunmehr gebildet werden soll, wird es daher sein, jüdische Familien für Kinder im v o r schulpflichtigen Alter ausfindig zu machen; Parteien, die den Anforderungen der behördlichen Bestimmungen für Kinderübernahme nicht nur aus reinem Geschäftsinteresse entsprechen, sondern den übernommenen Kindern auch eine wahrhaft liebevolle Pflege angedeihen lassen wollen. Bei Unterbringung so kleiner Kinder wird es auch nötig sein, neue Zahlungsmodalrtäten, Prämien sür gute Verpflegung, Vergütung einzelner Spezialausgaben, Milch, Leberthran rc. in Beratung zu ziehen. Kinder im schulpflichtigen Alter von 6 bis 14 Jahren find bei Familien leichter unterzubringen, da hier eine rationelle Inspektion und die Verwendung einer oder mehrerer Lehrkräfte die Beaufsichtigung resp. Erziehung dieser Kinder wesentlich fördert, ebenso erforderlich aber ist die Bestellung eines jederzeit zur Verfügung stehenden Arztes. Mit recht guten Erfolgen kann die Kultusgemeinde auf die drei Kolonien von verlassenen Kindern in Schaffa, Neu-Rausnitz und Pohrlitz Hinweisen, in welchen drei Orten eine Anzahl solcher Kinder untergebracht ist, deren Gesundheit das Wiener Klima und der Wiener Granitstaub gefährdete. Die wiederholt von Beamten des Wohllätigkeits- Amtes vorgenommenen Inspektionen ergaben bei Anfragen bei den Aerzten, die in den drei mährischen Ortschaften in humanster und liebenswürdigster Weise gemeinsam mit dem Herrn Rabbiner Dr. H u ß in Schaffa. Herrn Oberlehrer Bader in Pohrlitz und Herrn Lehrer B e ck in Neu-Rausnitz die Aufsicht über die Kinder übernommen haben, die günstigsten Resultate. Die Familien in den Ortschaften gehören nicht der ärmsten Bevölkerung an, sondern es sind zumeist Familien, die mit der Erziehung solcher armer Kinder ein religiöses Gebot erfüllen. Die Kinder sind in solchen Familien gut aufgehoben, sehen ein schönes jüdisches Familienleben vor sich, werden mit Entgegenkommen von der Schulbehörde behandelt und genießen mancherlei Benesizien aus Stiftungen und Widmungen der betreffenden Kultusgemeinden. Anstatt, wie dies jetzt geübt wird, die einzelnen Fälle dem Präsidium der Kultusgemeinde zur Kenntnis ru bringen, wäre die Behandlung dieser Fälle dem Vorstände des Hietzinger Frauenvereines zu überlassen, der sich im Interesse einer fortschreitenden Reform dieser wichtigen Agende gerne mit den Vertretern der Kultusgemeinde, sowie den Delegierten aller einschlägigen Vereine beraten wird. Ich erwähne hier die Vereine: Waisenverein, Kinderschutz, Frouenhort, Elisabeth Lehrmädchen - Hort, Franenvereine, Mädchen - Unterstützungsverein, Theresien Kreuzer-Verein, Handwerkerverein, Ferienheim, Kinder- Bekleidungsvereine, Kinderheim, Kinderspitäler, Unterrichtsanstalten rc. Eine der wichtigsten Aufgaben des Verbandes wäre, um es nochmals zu wiederholen, die regelmäßig wiederkehrende, gut organisierte Inspektion bei den Pflegeeltern, die Bestellung von Hilfs-Lehrkräften in allen Fällen, wo die Rückständigkeit der Pfleglinge in der Schule eine Nachhilfe erheischt und schließlich die Bestellung eines Arztes. Es wäre aber auch darauf zu sehen, daß die Kinder im vorschulpflichtigen Alter die Kindergärten und die Schüler und Schülerinnen die jüdischen Kinderhorte im XV., XVII. und XX. Bezirke besuchen. Damit die Schaffung des Verbandes und seine Fürsorge nur den tatsächlich bedürftigen Kindern zugute komme, wird eine häufige strenge Kontrolle und Inspektion sowie eine vorsichtige Beurteilung der einzelnen Fälle unerläßlich sein, da sonst die Gefahr besteht, daß infolge der leichten Erreichbarkeit der Fürsorge die Zahl der angenommenen Kinder in unnatürlichem Maße anwachsen würde. Die große Bedeutung dieses Verbandes wird und soll erst zur vollen Geltung gelangen, wenn das verlassene Kind nach Vollendung seines 14. Lebensjahres der Fürsorge und materiellen Förderung seitens der Behörde verlustig wurde und vollständig sich selbst überlaffen bleibt. In diesem Stadium wird der Verband mit seinem eigentlichen Rettungswerke einsetzen müssen, er wird alles aufzubieten haben, um dem verlassenen Kinde in diesem kritischesten Alter als Beschützer und Berater zur Seite stehen zu können. Wird der Vorstand der Kultusgemeinde geneigt sein, dem Hietzinger Frauenvereine diese vertrauensvolle Aktion zu überweisen, dann wird dieser vor allem die für die ganze Zukunft des Kindes ausschlaggebende Aufgabe haben, dem Kinde das Erlernen desjenigen Berufes zu ermöglichen, der seiner geistigen und körperlichen Eignung am besten entspricht. Ein Gutachten hierüber hätten zunächst die Inspektoren abzugeben. Sicherlich stellt diese Tätigkeit überaus große Ansprüche an die Leistungsfähigkeit des Vereines, aber die Erfahrung hat gelehrt, daß mit dem Wachsen der Aufgaben und der Erweiterung des humanitären Tätigkeitsgebietes auch der stets bewährte Edelmut der Wiener jüdischen Bevölkerung wächst und es ist kein Zweifel, daß bei einer solch großen, die Rettung so vieler jüdischer Menschenleben umfassenden Arbeit ein Appell an die Wiener Judenschaft auch ein kräftiges, zustimmendes Echo finden würde. Die hier geschilderten Aufgaben sind sicherlich keine leichten und mit mancherlei Schwierigkeiten verbunden, das vorgesteckte Ziel kann und wird nur durch ein einheitliches Vorgehen, durch die gemeinsame Tätigkeit aller in Betracht kommenden Institutionen und Vereinigungen erreicht werden. Die im Verhältnisse zu seinen beschränkten Mittel.! erzielten Erfolge des zielbewußt und mutig fortschreitenden Hietzinger Frauenvereines berechtigen zu den schönsten Hoffnungen, wenn alle kompetenten Fachkreise sich zu gemeinsamer, liebevoller Arbeit zusammenschließen. Und dieser Zusammenschluß wird stattfinden, wenn die interessierten Kreise daran denken werden, daß es gilt, das verlassene jüdische Kind nicht nur zu einem vollwertigen Mitglieds der Gesellschaft zu erziehen, sondern auch der jüdischen Gemeinschaft zu retten und in dem verlassenen jüdischen Kinde nicht den tieftraurigen, leicht in Gehässigkeit ausartenden Gedanken aufkommen zu lassen, daß es nicht nur von seinen Eltern, sondern auch von der jüdischen Religionsgesellschaft verlassen ist. Rudolf Kraus Amtsleiter der israel. Kultusgemeinde Wien.