Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 27 (1910)
- Issue
- 30 (29.7.1910)
- Date
- 1910-07-29
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 498 Dr. Vlochs Wschenschrift. Nr. 30 Sie wird und muß immer wieder Vordringen und wird über die Gewalttätigkeiten siegen. Nur daß sie leider mit einer Reihe von verschuldeten und unverschuldeten Umständen zu kämpsen hat. Der Hochsommer ist nie eine Hochsaison der Politik gewesen und für die jetzigen Politiker ist das Gebiet ganz fremd, auf dem sie sich bewegen. Aber ein schwerer Vorwurf kann ihnen lucht erspart werden. Aus der Zeit des freisinnigen Schlafes sind sie gewöhnt, Versammlungen als Nebensache zu behandeln. Aber wenn man mit den Christlich-Sozialen auf den Kampfplatz tritt, hört sich diese Gemütlichkeit „zwischen Jause und Nachtmahl" aus. Da muß man vor allem Versammlungstechnik treiben, die Säle rechtzeitig besetzen, die Anhänger richtig verteilen und einen genauen Plan der Redner vorbereiten, damit nicht ein Fadian den Erfolg umschmeißt. Mit dem Anrufen der Behörden wird die Sache nicht gehen. Die Polizei ist der Schluß der Versammlungen. Man muß die Sache mit den eigenen Kräften durchfechten. Aber diese fehlen größtenteils, namentlich jetzt im Sommer. Dieselben paar Leute können sich nicht immer abnützen und bedrohen lassen. Sie müßten Garde, Unterstützung haben, die Jugend unter ihren Anhängern organisieren, nicht jede Kleinigkeit allein besorgen müssen. Die Christlich-Sozialen haben ihre Fortschritte erst daun mit Siebenmeilenstiefeln gemacht, als sie ihre junge Garde hatten. Und für diese haben sie nicht gleich Stadtämter, sondern nur Parteiämter gehabt. Wir wiederholen: Führer sind erst die kleinere Hälfte der Partei, die wichtigere sind die stillen Vor- und Mitarbeiter, die Sekretäre, Agitatoren, das Büro. Natürlich nicht die ersten Besten. Aber mau muß Leute haben, die auch zwischen den Versammlungen das Feuer blasen und man kann ihre Arbeit umsonst nicht verlangen. Also drei organische Entwicklungsstufen für die freisinnige (ja nicht deutichfreisinnig-) Agitation: Großer Organisationssonds, Organisation der Leute, Organisatiou der Versammlungen. Dann ist bald Schluß mit den Versammluugsapachen. „Uerlaffrne Kinder". Eines der wichtigsten Probleme, die heute in allen zivilisierten Ländern — Staat und Gesellschaft in gleich hervorragendem Maße beschäftigen, ist die Jugendfürsorge und innerhalb dieses großen Rahmens besonders die Fürsorge für verlaffene Kinder. Der leitende Gedanke einer modernen Kinderfürsorge ist der — alles aufzubieten, um den zahllosen Kindern, die der Spezies verlassener Kinder zugereiht werden müffen, jede Gelegenheit zu bieten, der Segnungen einer gesitteten Gesellschaftsordnung teilhaftig zu werden, indem man schon bei dem Kinde alle Ursachen aus dem Wege fräumt, die den Jüngling oder den Mann zum Schädling der Gesellchaft machen konnten. Dieser Auffaffung ist es zuzuschreiben, daß der Begriff des verlaffenen Kindes immer weiter wird, ihr verdanken wir es aber auch, daß die Jugendfürsorge im Allgemeinen und die Fürsorge für verlaffene Kruder im Besonderen längst nicht mehr Gegenstand der Philanthropie ist, sondern ausschließlich in das Gebiet der Jugenderziehung verwiesen wurde und überall dort, wo diese Frage als Erziehungsfrage behandelt wird, haben sich auch die erhofften Erfolge eingestellt. Dieser Geist durchweht alle modernen sozialpolitischen Gesetzgebungen, er spricht aus der Gesctzesvorlage, die gegenwärtig m unserem Vaterlande verbreitet wird, und müßte in allererster Linie die Fürsorge für verlaffene jüdische Kinder durchdringen. Nirgends ist die Fürsorge für verlaffene Kinder so sehr gleichzeitig eine Vorsorge, ein kräftiges Gegengewicht gegen die Abfallbewegung, als gerade bei den Juden. Bei dem verlaffenen jüdischen Kinde besteht nicht nur die Gefahr, daß es, sich selbst überlassen, zum Feinde der Gesellschaft heranwachse, sondern die für die Gemeinschaft weit größere Gefahr, daß es durch die lauernden Seelenfänger dem Judentume entfremdet und entführt wird und als Feind des Judentums. heranwachsen könnte. Die Erkenntnis dieser täglich klarer werdenden Tatsache muß notgedrungen dazu führen, daß die Fürsorge für verlassene Kinder als eines der mächtigsten und brennendsten Probleme der jüdischen Gesellschaft betrachtet und nicht so sehr als eine Frage jüdischer Wohltätigkeit, als vielmehr als eine Frage jüdischer Erziehung und der ' Erhaltung des Judentums behaudett werde. Zum Glücke bricht sich diese Erkenntnis innerhalb der jüdischen Gemeinschaft, wie dies die Geschichte der Fürsorge für verlassene jüdische K.nder zeigt, allmählich Bahn. Die Fürsorge für verlaffene jüdische Kinder wurde nicht immer, wie dies heute zum großen Teile bereits der Fall ist, systematisch durchgeführt. Bis zum Jahre 1892 gab es in Wien überhaupt keine eigentliche Fürsorge für jüdische Kinder. Bon Zeit zu Zeit langte an den Kultusvorstand eine Meldung des Magistrates über ein verlassenes Kind ein und der Vorstand traf in dem konkreten Falle die entsprechenden Vorkehrungen, die jüdischen Pflegekinder wurden überhaupt nicht in Evidenz gehalten. Die Pfleglinge waren lediglich der Obhut der vom Magistrate nominierten Pflegeparteien überlassen. Ein Zusamme.ihang zwischen dem jüdischen Pflegekinde und der Gemeinde bestand nicht. Dies zeitgte nach verschiedenen Richtungen unhaltbare Zustände, bis im Jahre 1892 auf Anregung des Herrn Dr. Maximilian Steiner die ganze Fürsorgefrage eine radikale Aenderung zum Guten erfuhr. In dem statistischen Tableau, welches das Wohltätigkeits-Amt zeitweise zusammenstellt, findet sich eine Rubrik, in oer die Art der Verlassenheit der einzelnen Kinder bezeichnet ist. Aus dieser Rubrik erfährt man recht interessante, leider za oft traurige Familienbilder, die die Behörde oder die Kultusgemeinde oder andere berufene Organe eben dazu veranlaßt, die Kinder, weil sie zeitweise oder dauernd des elterlichen Schutzes entbehren, als v.rlassene Kinder zu behandeln und sich ihrer anzunehmen. Wir erfahren aus dieser Tabelle von Kindern, deren Eltern verstorben sind, deren Eltern sich in Streit befinden, deren Vater in einer Heilanstalt ist, eine Strafe verbüßt oder gar nicht' eruierbar ist, von Kindern unehelicher Geburt, deren Mütter sich in keiner Weise um sie bekümmern können oder auch nicht wollen und andere Schicksalsfälle des Lebens, welche manche bettelarme Eltern veranlassen, ihre Kinder wegzugeben, um sie nicht verhungern zu lassen. Dieses sind die Einzelheiten der Spezies, die unter dem Titel „verlassene Kinder" in Pflege gebracht und fremder Fürsorge überverantwortet werden. Eine Vereinbarung mit dem Magistrate und dem Niederösterreichischen Landee-Zentralkinderheime besteht darin, daß für von dort aus in jüdische Pflege gebrachte Kinder seitens der Kultusgemeinde ein Verpflegskostenbeitrag geleistet wird, so daß die Beiträge dieser Behörde von K 8, 12 und 16 pro Kind und Monat, von der Kultusgemeinde auf K 25 ergänzt werden. Hiedurch hat sich die Kultusgemeinde auch das moralische Recht e.worben, die Fürsorge für verlaffene jüdische Kinder zu überwachen und zu beeinflussen. Abgesehen von diesem Zuschüsse zu den Gebühren versorgt die Kultusgemeinde ihre Pfleglinge zweimal im Jahre mit Kleidern. Die Kultusgemeinde findet bei den genannten Behörden das freundlichste Entgegenkommen und auf diese Weise kann zugunsten der jüdischen Pflegekinder viel Gutes geleistet werden. Bei diesem Punkte soll hervorgehoben werden, daß die Pflege- Parteien für den geringen Pflegebetrag ihre Schützlinge sebr fürsorglich und aufmerksam betreuen, daß in den meisten Fällen ein inniges Verhältnis entsteht und wiederholt die Kinder auch nach der Schulzeit bei den Pflegeeltern verbleiben, da sie sich daselbst ganz heimisch fühlen. Außer diesen gemeinsamen Pfleglingen der Behörde und der Kultusgemeinde gibt es eine Anzahl solcher, die, obgleich sie bei der eigenen Mutter oder bei Angehörigen verbleiben, ebenfalls als verlaffene Kinder bezeichnet werden müffen, demnach auch einen Erziehungsbeitrag erhalten, da sie aus verschiedenen Gründen, die bereits oben angedeutet sind, wenn auch nur zeitweise, der nötigen Fürsorge entbehren. Immer mehr macht sich das Bestreben der Kultusgemeinde geltend, den jüdischen Pfleglingen nicht nur ein körperliches Gedeihen und eine sittliche Erziehung zu sichern, sondern in ihnen schon von zartester Kindheit angefangen die Zugehörigkeit für jüdische Gemeinschaft zum Bewußtsein zu bringen. Die Kultusgemeinde erreicht dieses Ziel auf folgende Weise: Zunächst gibt sie den obengenannten 2 Behörden eine Liste jüdischer Parteien bekannt, die die Eignung besitzen und auch bereit sind, Kinder in Pflege zu nehmen. — Die Erziehung der in Wien untergebrachten Kinder wird weiters regelmäßig überwacht. Die Inspektion der in Wien befindlichen verlassenen Kinder geschieht: Durch honorierte Lehrer für die Kinder der Leopoldstadt und Brigittenau, ferner durch die Damen des Vorstandes des Hietzinger Frauenvereines für die Kinder der Bezirke III—XIX. Der genannte Verein hat speziell für die Kinder 2 Lehrerinnen in seiner Mitte, die einzelnen Kindern Nachhilfe-Unterricht geben. Der Hietzinger, Frauenverein gibt aus seinen Mitteln vieles den Kindern und es ist bekannt, daß bereits zweimal zu Chanuka sämtliche Schützlinge des Vereines in ausgiebiger Weise mit Wäsche und Kleidungsstücken beschenkt wurden. Neu und sehr anerkennenswert ist es, daß der Verein für Kinder, für welche die Kultusgemeinde einen zu geringen monatlichen Verpflegsbeitrag bezahlt, ans seinen Mitteln einen Ergänzungsbeitrag leistet. Die verehrten Damen unter der humanen und tüchtigen Leitung der Präsidentin Frau Dr. Krenberger geben sich in ernster Weise mit der Inspektion der Kinder die größte Mühe. Diese fürsorgliche Leistung fand wiederholt verdiente Anerkennung oes Präsidiums und des Vorstandes der Kultusgemeinde.,