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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1910-07-29 · 30 (29.7.1910) · page 1

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
27 (1910)
Issue
30 (29.7.1910)
Date
1910-07-29
Page
– (sequence 1)
Language
German
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Nr. 30 Dr. Bloch’s Jahrgang LLVU Lentralorgan für die gesamten Interessen des Judentums. A. kr. Vofifparkraffenarnr Sleartng-VerK ebr Nr. S10.976. Redattion und Administration: - Wir« TXIi, Hahngaffe Nr. 15. I) Telefon Nr. 14.847. oP .Qo -D~ . ~D- Wien, 29. Juli 1910 Lrscbetnt jeden Freitag. Brief-Adresse: Wien. IX/i, Hahngaffe 15. Telegramm-Adreffe: Bloch's Wochenschrift, Wien. o(T—= "= . =D°? Bezugspreis für Vrsterrrirll: Halbjährig 8 Kronen; Einzelexemplare SO Heller. Für'» Vuslanv: Halbjährig 10 Kronen. Ganzjährig 20 Kronen. * Anzeigen: Die 4malgefyal- I tene Petitzeile 24 Heller. e oP —Qo InhaltLeitartikel: Verfammlungsapachen. — Verlassene Kinder. — Vom Jahrmarkt des Lebens: Intern. Hygiene-Ausstellung Dresden 1911. Moses MonNfiore. Königin Louise und Mendelssohn „Phädon". Die alten jüdischen Baudenkmäler in Hamburg. _Gesellschaft für jüdische Volksmusik. Jüdische Auswanderung im Monate Mai. Ausgezeichneter Musiker. — Wandernde Tote. — UUL” '«»Korespondenzen: Kaiser!. Rat Ralomon Pollak. Erste jüdische Ferienkolonie in Galizien. Eine Statistik der jüdischen Gnrndbesitzer in Ungarn. Der Bukarester Bürgermeister und die jüdischen Schächter. Vom allslavischen Kongreß in Sofia. Ein jüdisches Museum in Budapest. Diplomatische Intervention wegen der Judenverfolgungen in Persien. Der türkische Minister des Innern in einem jüdischen Spital. Verband der rumänischen Juden in Amerika. Der Anteil der Juden an der Grunwaldfeier. Judenexzeffe in M „MMGalizieii wegen mißlungener Zwangstaufe. — Vermischtes. — Feuilleton: Dichtung und Wahrheit über den EintagSkönig von Polen Saul Wahl. — Literatur. — Briefkasten. — Inserate. Uersarninlungsapacherr. Wo Gedanken fehlen, stellen bei den Christlich-Sozialen stets die Knüttel zur rechten Zeit sich ein. Diese scheinen zu glauben, daß sie die Hraba-Affäre mit ihrem Rattenschwanz, von Korruptionsfällen durch ein Aufgebot von Möbelpackern und gemieteten vazierenden Gesellen aus der Welt schaffen können. Solchen Pöbel werfen sie in die Versammlungen der Freisinnigen hinein, in welchen eine Säuberung der Wiener Stadtverwaltung verlangt werden soll, und schre'en, brüllen, holzen die Wahrheit nieder. Dieses Mittel ist nicht neu. Es hat sich schon einmal bewährt und wird nun wieder hervorgeholt. Man erinnert sich der christlich sozialen Versammlungen vor nun fünfzehn Jahren. Da wurde der christliche Hochgedanke von einer Horde von Simmeringer Ochsenknechten eingeführt, welche mit ihren Ziemern jede Opposition buchstäblich niederschlugen. Selbstverständlich wagte sich niemand mehr zu mucksen, nachdem die Behörden gegen diese Buschräuber des politischen Lebens keine Hilfe wußten. Ja, wenn das Sozialdemokraten getan hätten — dann hätte man die Sicherheit der Person und oft des Eigentums in öffentlichen Versammlungen schon zu wahren gewußt. Aber die schwarzen Hintermänner intervenierten schon rechtzeitig bei den Behörden. Ob sie das heute auch mit Erfolg zu tun vermögen, ist eine andere Frage. Heute wird sich voraussichtlich die Bürgerschaft gegen die Pöbelhorden selbst zu schützen wissen. Vor fünfzehn Jahren sind die Freisinnigen gegenüber der neuerfundenen christlichsozialen Dreschmaschine ratlos gewesen und dachten von einem zum andernmal, bei einem vereinzelten Pöbelexzeß gewesen zu sein und das nächstemal ihre Meinung wieder in jenen Formen sagen zu können, welche in einem Kultur- und Rechtsstaat die üblichen sind. Heute aber wissen sie, daß sie sich gegen ein System der Gewalttätigkeit zu wappnen haben und sie werden das tun. Sie haben auch gegen damals nicht nur die Erfahrung, sondern auch die moralische Stellung voraus. Vor fünfzehn Jahren schaute es dank den christlichsozialen demagogischen Lügen tatsächlich so aus, als wären die Freisinnigen eine korrupte Bande, und die Masse der Wählerschaft, stets zum Glauben an das Schlechtere bereit, wendete sich von ihnen ab, nahm ihnen die Resonanz der Agitation, Mut und Schwung. Heute sind aber die christlichsozialen Lügen, die Versprechungen aller Farben des Himmels längst entlarvt. Dem kleinen Mann, dem es früher schlecht ging, gehtes nun elend, Besteuerung und Teuerung sind unerträglich geworden, die Anleihen, die Neffenwirtschaft geradezu enorm. Man glaubt den christlichsozialen Bonzen nicht mehr wie früher, wenn sie von den Wirtshaustribünen hinunter allen Unflat und alle Schuld monoton auf die Juden werfen. Denn jetzt sind sie selber genug lang an der Herrschaft gewesen, der Jud, Jud, Jud hatte nichts hineinzureden und doch rutscht man nur noch geschwinder auf der schiefen Ebene ins soziale Elend. Das macht doch den dummen Kerl von Wien etwas gescheiter, und daß ihm der Blitz nur noch etwas heller leuchte, kam dieses Gewitter der Hraba-Affäre, das in einer ganzen Reihe von selbsterworbenen Häusern der christlichsozialen Führer zündete. Man ist politisch schon etwas blasiert, sonst hätte man das Wunder wohl etwas mehr gewürdigt, als eine stattliche Reihe von Christlich- Sozialen in freisinnige Versammlungen kam, um zuzuhören und beizuftimmen. Das war ganz einfach eine neue Epoche. In dieser wird es ganz gewiß nicht mehr gehen mit den Hooligans in den Versammlungen. Denn die ersten christlichsozialen Schwalben im liberalen Lager machen einen neuen Sommer, in welchem der Terrorismus nicht mehr wächst. Es ist etwas ganz anderes, ob die Teilnehmer an einer Versammlung für oder gegen die Knüttelhelden sind. Die Gewalttätigkeiten in Mariahils waren nicht der Beginn einer Pöbelherrschaft, sondern ihr gewalttätiges Ende. Die Freisinnigen werden es sich nicht nehmen lassen, die Jünger des Gottes Nimm zu kennzeichnen, deren Religion der Egoismus ist. So weit ist Wien noch nicht wie New-Jork unter den Erpresserbanden von Tamanyhall, und wenn die Korruption vieler Leute in öffentlicher Stellung so dick aufgetragen ist, wird man das Schweigen der ungefcheuten Kritik nicht erzwingen können. Die Arme der Knüttelhelden werden niemanden mehr Herausreißen, denn so dumm ist nicht einmal nach den letzten fünfzehn Jahre der christlichsoziale Wähler, daß er Diebe von anständigen Leuten nicht unterscheiden kann. Also ist trotz allem Terrorismus nicht zu erwarten, daß sich die freisinnige Opposition wird verscheuchen lassen.

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