Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 27 (1910)
- Issue
- 29 (22.7.1910)
- Date
- 1910-07-22
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
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Seite 490 Dr. Blochs Wochenschrift. Nr. 29 Die Jewish Colouizatiou Association. Ende vorigen Monats fand in Paris unter dem Vorsitz ihres Vizepräsidenten Herrn F. Philippson die Generalversammlung der „2ewish Colonization Association" statt. Erschienen waren u. a. die Herren Dr. 2. Blau, Vertreter der Gemeinde Frankfurt a. M., Dr. A. Netter, Vertreter der Alliance Jsraelite Universelle, C. Netter, Vertreter der Gemeinde Berlin, Fr. Philippson, Vertreter der Gemeinde Brüssel, S. Reinach und 2. Simon. 2n seiner Ansprache teilte der Vorsitzende u. a. mit, daß im 2ahre 1909 mit Hilfe der Association in Argentinien 297 jüdische Kolonisten neu angesiedelt worden sind. 2eder derselben erhielt eine Landparzelle; der Mehrzahl wurde ferner ein Vorschuh von 3000 Dollars zur Errichtung der Häuser und Beschaffung von 2nventar usw. gewährt. Die Ausgaben hierfür betrugen ohne den Wert des Grund und Bodens insgesamt 665 875 Dollars. Zurückgezahlt sollen diese Vorschüsse sowie der Betrag für Grund und Boden in 20 2ahresraten werden. Die bisherigen Kolonisten zahlten ihre älteren Schulden an die Association sehr pünktlich zurück. Außer diesen langfristigen Vorschüssen wurde den Kolonistengemeinden ein Fonds für kurzfristige Vorschüsse zur Verfügung gestellt. Derselbe ermöglichte ihnen die Beschaffung von Sämereien und sonstigem Material unter günstigen Bedingungen. Der im vorigen 2ahre sich auf 400 000 Dollars belaufende Fonds soll auf 450 000 Dollars erhöht werden. 2nnerhalb eines Zeitraums von 10 2ahren — solange besteht diese Einrichtung — ist keinerlei Verlust zu verzeichnen gewesen: Kapital und Zinsen wurden pünktlich zurückerstattet. Für die Kolonisten in Brasilien, die erst zu kurze Zeit angesiedelt sind, als dah man schon an die Zurückerstattung der ihnen gegebenen Vorschüsse denken könnte, wurde ein Fonds von 12 000 Francs flüssig gemacht, welcher der lokalen Verwaltung zur Verfügung gestellt wurde. Die Vermittlung zwischen den Kolonisten und der Zentrale übernahm eine zu diesem Zweck eingerichtete Kooperativ-Genossenschaft. 2n Kanada werden sorgfältige Studien gemacht, um zu einer den dortigen örtlichen Verhältnissen angemessenen Organisation zu gelangen. Es ist beabsichtigt, ackerbautreibende Glaubensgenossen, welche sich dort ansiedeln wollen, zu unterstützen. Doch war bisher die Tätigkeit dort noch eine verhältnismäßig beschränkte. 2n Rußland, wo das Tätigkeitsfeld der Assoziation die größte Mannigfaltigkeit aufweist, gewährt sie fortgesetzt ihre moralische und materielle Hilfe der Gründung und Unterhaltung der auf gesunder Grundlage beruhenden Darlehnskassen, und wird dabei unterstützt von selbstlosen Männern an den verschiedenen Orten, an welchen diese Kassen wirken sollen. Die Tätigkeit der Vereinigung selbst besteht hierbei darin, allen entstehenden Darlehnskassen (die Gründung derselben war stets lokaler 2nitiative zu danken) Fingerzeige zur gedeihlichen Entwicklung zu geben, ferner ihnen Vorschüsse zu gewähren. Letztere werden allerdings nur dann gegeben, wenn die Kassen schon einige Monate oder ein 2ahr hindurch funktioniert und den Beweis ihrer Lebensfähigkeit geliefert haben. Die ihnen..gegebenen .Vorschüsse werden nach Maßgabe des örtlichen Geldzuflusses ratenweise zurückgefordert. Alle Darlehnskassen, so ist wenigstens anzunehmen, werden sich nach Ablauf eines bestimmten Zeitraumes selbständig machen, abgesehen von Denjenigen in ganz kleinen Orten, wo sie aus eigenen Mitteln nicht bestehen können. Die Beihilfe der „2. C. A." ist, zumal zurzeit, für die Darlehnskassen eine Lebensfrage. Zur Beaufsichtigung derselben werden spezielle Einrichtungen getroffen. Die in Rußland eingerichteten 270 Darlehnskassen haben in runder Summe Darlehen in Höhe von 18 690 000 Rubel bewilligt. Zurückgezahlt wurden von den Darlehnsnehmern 16 263 000 Rubel: der Betrag des Depots aus den örtlichen Spareinlagen belief sich auf 5 098000 Rubel, das Gesellschaftskapital, (die Einlagen der Gesellschafter) betrug 1850 000 Rubel. Von den 273 Darlehnskassen, denen die „2. C. A." seit ihrer Entstehung bis Ende 1909 Gelder zugefüh>rt hat, haben .(mit Ausnahme der ländlichen Darlehnskassen) 35 ihre Schulden vollständig getilgt: fast alle anderen haben mit der Tilgung begonnen. Die Summe der Rückzahlungen von 160 Kassen belief sich im 2ahre 1909 auf 168 000 Rubel. Die Kassen beginnen mit ihren Rückzahlungen schon nach Verlauf einiger Monate, aber das Geld bleibt während einer gewissen Zeit noch zu ihrer Verfügung und sie können es wieder zurücknehmen, wenn sie desselben dringend bedürfen. Außer der Summe von 1450 000 Rubel, welche bisher für die Darlehnskassen in Rußland aufgewendet worden ist, besteht noch ein offener Kredit von 50 000 Rubel, um dem Petersburger- Zentralkomitee die Möglichkeit zu geben, den Darlehnskassen auch noch kurzfristige Vorschüsse zu gewähren. Es ist hervorzuheben, daß die zurzeit in den Darlehnskassen investierten .Kapitalien weniger als ein Siebentel des gesamten flüssigen Kapitals der ,.2. C. A." ausmachen, obwohl in Galizien die Darlehnskassen fast ausschließlich aus Geldern der „2. .C. A." errichtet sind. Ungarisch-jüdischer Schulverein. Der wichtigste Veratungsgegenstand der am 3. d. M. in Budapest abgehaltenen Generalversammlung des isr. Landeslehrervereins, war die Beschaffung der Mittel zur Erhaltung der jüdischen Schulen in Ungarn. Die Veranlassung zu diesem Veratungsgegenstand ist das im September laufenden 2ahres ins Leben getretene Apponyifche Gesetz über die Unentgeltlichkeit des Volksschulunterrichts. Wir müssen und wollen es auch recht gerne gestehen, daß dieses Gesetz vom sozial-politischen Standpunkte sehr human und vom staatsrechtlichen Standpunkte sogar eine richtige Folge des Schulzwanges ist. Aber wir müssen uns auch fragen, warum hat denn der Baron 2. Eötvös, der Schöpfer des Landesvolksschulgesstzcs, der an Humanismus und ehrlichem Liberalismus alle seine bisherigen Nachfolger im Kultus- und Unterrichtsministerium weit übertroffen, nicht mit der Schaffung des obligaten Schulbesuches zugleich dis Unentgeltlichkeit des Unterrichts schon im 2ahre 1868 ausgesprochen? Nun er tat es nicht, weil er wußte, daß die Erhaltung einer Schule Eeldopfer fordere. Der Staat verfügte zu jener Zeit nicht über so viel Geldmittel, um allen Schulen die nötige Unterstützung angedeihen zu lassen. Und verfügt er denn heute über diese notwendigen Summen? Das Apponyische Gesetz sagt wohl den Gemeinden, die ihre Schulen aufrecht erhalten wollen, aber die nötigen Hilfsquellen dazu nicht haben, eine gewisse Summe zu, aber du mein lieber Gott, bis man alle diese amtlichen Nachweise dem Ministerium zustellen kann, und bis im Ministerium hierüber ein Beschluß erfolgt, vergehen noch viele, viele Monate, und die Anzahl der Schüler, die Eröffnung oder Schließung von Schulklassen gestaltet sich infolge der nimmer rastenden Populationsbewegung in Ungarn, namentlich in Bezug auf die Bürger jüdischer Konfession von 2ahr zu 2ahr anders. Das Präsidium des isr. Landeslehrervereins sieht also den Bestand der jüd. Volksschule, die sich bis allhsr nur von dem von den einzelnen Gemeindemitgliedern gezahlten Schulgelde erhalten konnte, hart bedroht, was auch der Obmann des isr. Landeslehrervereins in der Eröffnungsrede der Generalversammlung stark betonte. „Der Hinweis der Regierung, daß ja den jüdischen Kin-