Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 27 (1910)
- Issue
- 29 (22.7.1910)
- Date
- 1910-07-22
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/3020846-3021873-3021903--19444-3044427- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Nr. L9 Dr. Blochs Wochenschrift. Seite 489 Der Verewigte gehörte zu jenen Gottbegnadeten, denen die oft harten und schweren Kämpfe, welche die Entwicklung und Entfaltung schlummernder Anlagen und Fähigkeiten, das Emporstreben und Emporringen zu den höchsten Idealen so oft begleiten, erspart blieben, der in jungen Jahren als vollendeter Meister den Schauplatz seiner Wirksamkeit betrat und fast am Beginne derselben der Schöpfer des Rothschild-Spitales, jenes unvergänglichen Monumentes jüdischer Wohltätigkeit, wurde, das allgemeine Bewunderung erregte, seinen Ruf begründete, denselben in die weiten Lande trug und ihn in die erste Reihe seiner Berufsgenossen stellte. Wie der Verewigte als Künstler im Bereiche der Harmonien lebte und webte, betätigte er sich auch als harmonischer, in sich abgeschlossener Charakter, der in den zahlreichen Korporationen, zu deren Leitung er berufen war, als ein Bote des Friedens, der Eintracht und des segensreichen Zusammenwirkens erschien. Die Vertiefung in unsere heilige Schrift und die Lektüre der berühmten, griechischen Uebersetzung. der Septuaginta in der Ursprache bildeten seine Erholung nach des Tages Mühen und ist dies symbolisch für sein ganzes Wesen, das die Schönheit des Griechentums mit dem sittlichen Ernste, der Erkenntnis und der Erleuchtung des Judentums in sich vereinigte, und ich möchte jene ehrenvolle Bezeichnung, mit welcher die Bibel die großen Künstler, welche das erste Heiligtum in der Wüste errichteten, geschmückt hat, auch ihm zuteil werden laßen, denn auch er gehörte zu den ..Chachme Lew, zu den Männern weichen Herzens, denen Gott die Weisheit ins Herz gelegt hat", das sind Männer, die ihre Weisheit, Einsicht, Gestaltungskraft und Phantasie mit den Anforderungen des Herzens und den zarten Regungen des Gemütes in Einklang zu bringen vermögen. Was Wunder, wenn der Verblichene, dem es gegönnt war, die herrlichsten Stätten der Andacht erstehen zu lassen und in dem die Worte des Psalmisten: „Es sehnt sich und verzehrt sich meine Seele nach den Höfen des Ewigen, mein Herz und Fleisch jauchzt dem lebendigen Gotte entgegen", einen mächtigen Widerhall gefunden, vor Dezennien in den Bethausvorstand der Kultnsgemeinde berufen wurde, welchem das heilige Amt anvertraut ist, für die Würde, Schönheit, Veredlung und Verherrlichung des Gottesdienstes zu sorgen, in welcher Köiperschaft er sich durch sein jüdisches Wissen, seine musikalischen Kenntnisie. sein ästhetisches Denken und Fühlen und seine tiefe Religiosität unvergängliche Verdienste erworben. Allein der Mann, der auserwählt, erkoren und „mit Namen berufen wurde", das Spital-, Altersversorgungs- und Siechenhaus, diese Bollwerke im Kampfe der sozialen Fürsorge gegen menschliche Not und Elend, zu erbauen, wußte auch die düsteren Schattenseiten der menschlichen Gesellschaft, die Disharmonien in der Weltordnung in den Kreis seines Denkens nnd Forschens einzubeziehen, als deren schönste und reifste Frucht die rastlose nnd unermüdliche Arbeit im Dienste der Wohltätigkeit und Barmherzigkeit gezeitigt wurde. Es gereichte ihm daher zur lebhaften Freude und inneren Befriedigung, als der Ruf an ihn erging, in den Vorstand der Chewra-Kadischa, der altehrwürdigen Bruderschaft, einzutreten, dieser glänzenden Emanation der jüdischen Volksseele, die auf ihre Fahne „Gemilath Chasudim", das ist die Verkörperung der reinsten und lautersten, alle Menschen in brüderlicher Liebe umfassenden Humanität, geschrieben hat. Ich erfülle eine schmerzliche Pflicht, wenn ich im Namen und im Aufträge der genannten Körperschaften dem edlen Dahingeschiedenen den heißen Dank für die Aufopferung und Hingebung, mit der er sich ihnen widmete, ausspreche und das Gelöbnis ablege, daß wir jene unbegrenzte Hochachtung und innige Verehrung, mit der wir zu ihm emporblickten, auch über das Grab hinaus treu bewahren werden. Mögen wir Trost und Beruhigung in dem Bewußtsein finden, daß er unser war, in unserer Mitte lebte und wirkte, daß die leuchtenden Spuren seines Daseius nicht verlöschen, seine Werke noch in den spätesten Zeiten seinen Ruhm künden und sein Andenken als eine Zierde der Menschheit und als ein Stolz des Judentums stets ein gesegnetes bleiben werde. Für den fortschrittlichen Parteiverband des Gemeinderates und der Freunde sprach Dr. Alexander Ritter v. D o r n, während für den „Donauklub" der Obmann Dr. B r a d y, für die Vereinigung der Architekten Dr. F a y a n s sprach. Namens der Brudervereine widmete Professor Doktor E h r m a n n dem Freunde folgenden Nachruf: Rede des Professors Ehrmann im Namen des Humanitätsvereines „B'nai Brith". Wilhelm Stiaßny! Deine Freunde vom Humanitätsvereine B'nai Brith können es nicht fassen, daß Deine so liebenswürdige, vornehme Gestalt in diesem unscheinbaren Sarge ruht. Wir können es nicht glauben, daß wir uns Deines weltenumspannenden Feuergeistes nicht mehr erfreuen. Deiner unermüdlichen Arbeitskraft nicht mehr teilhaftig werden sollen. Du, der au den Gebilden altdeutscher Kunst Geist und Gemüt erfreutest, der begierig-den Duft arabischer Sprachen und Poesie einsogst, die Urkraft der Bibelsprüche so tief empfandest. Dir rufe ich mit den Worten des großen Briten zu: Mein Herz ist in dem Sarge hier und ich muß schweigen, bis es zurückgekehrt.- Ja, teurer Bruder, oft wird noch unser Herz in diesem Sarge weilen, von Schmerz gebeugt Deiner gedenken, bis Deine Gestalt lich.tumfloffen und verklärt in wehmutsvoller Erinnerung auf ewig unser wird. Begraben müssen wir Dich jetzt, nicht preisen, das werden die zukünftigen Geschlechter tun, wenn sie Deine Werke betrachten. Lebe woh>, Du treue Seele. Für die Gewerbetreibenden sprach der Präsident des „Vereines zur Hebung der Gewerbe", S. Brod, die folgenden Worte des Abschiedes: Rede des Präsidenten S. Brod im Namen des Vereines zur Hebung der Gewerbe. „Im Namen der Knust- und Baugewerbetreibenden, insoweit dieselben in unserem Verbände ihre Vertretung finden, rufe ich Dir hiermit, verehrter Meister, unser letztes Lebewohl zu: „Wenn ein Gott sich erst 6 Tage plagt Und selbst am Ende Bravo sagt. Da muß es was Gescheites werden." Du hochverehrter Meister. Du hast Dich nicht bloß 6 Tage, sondern Dein ganzes Leben hindurch im Schweiße Deines Angesichtes geplagt, Du hast aber auch Nützliches und Ersprießliches für die Allgemeinheit geschaffen, hast Bau- und Kunstwerke hervorgerufe», ganzen Stadtteilen neues Leben zugeführt und wenn Deine Lippen nun für immer verstummt und wenn Du, auf Deine herrlichen Werke zurückblickend, selbst nicht Bravo rufen kannst, so wollen wir, Deine alten Mitarbeiter, diese Dankespflicht erfüllen. Wir haben jederzeit in die Werkstätte Deines ernsten Lebens Einsicht gehabt, wir haben Deinem Rufe, wie Matrosen ihrem Kapitän, jederzeit Folge geleistet und die kleinen Steinchen zu Deinen schönen Bauwerken zutragen geholfen. Und wenn wir nun. Deine alten Mitarbeiter, auf Deine segensreiche Werke hinweisend, voll Begeisterung Bravo rufen, so muß diesem Rufe allzeitig der vollste und tiefste Ernst beigemeffen werden. Aber nicht bloß mit dem positiven Zirkel, sondern auch mit Deinem seltenen regen Geiste, nicht bloß mit Deinen beredten Lippen, sondern auch mit Deinem reichen Schatz an Wissen und Deinem edlen Herzen hast Du Deine Werke gestaltet, geformt und veredelt. Berufene Redner haben dies heute glänzend ausgeführt. Zerknirscht sind zwar unsere Gemüter, daß wir heute von Dir für immer Abschied nehmen müssen, aber als Männer der Arbeit dürfen wir an Deinem Sarge nicht weinen und klagen. Wir müssen vielmehr zu jenem ernsten Mittel unsere Zuflucht nehmen, welches Du Dir für dein ganzes bewegtes Leben als das Heiligste und Höchste vor Augen gehalten und das ist: Die Arbeit. Denn die Arbeit allein ist das einzige Mittel auf Erden, das uns Menschen in allen Lagen des Lebens Trost und Erhebung zuzuführen imstande ist. So kehren wir denn Alle zu unseren täglichen Arbeiten zurück, lassen wir uns aber das Bild unseres Meisters und Baurates Wilhelm Stiaßny als Muster und Vorbild für unser kül.ftiges Leben vor Augen halten. Gesegnet sei sein Andenken in Ewigkeit. Nun wurde der Sarg gehoben und zum vom Kultus" Präsidium angewiesenen Ehrengrabe gebracht, woselbst Ober" kantor S ch o r r von der Synagoge in der Leopoldsgaffe, einer der vielen von S t i a ß n y herrührenden Tempelbauten, das El mole raehamin sang, während dumpf hinabfallende Schollen das letzte Liebeszeichen für einen der Besten unter uns bildeten. * * * Bürgermeister Dr. N e u m a y e r hat an die Witwe des verstorbenen ehemaligen Gemeinderates Wilhelm Stiaßny nachstehendes Schreiben gerichtet: „Anläßlich des schweren Verlustes, den Sie, sehr geehrte Frau, durch das Hinscheiden Ihres Herrn Gemahls erlitten haben, beehre ich mich, im Namen der Gemeinde Wien das tiefgefühlte Beileid auszusprechen. Die Gemeinde Wien wird dem Dahingeschiedenen, welcher sich durch viele Jahre als Gemeinderat den Jntereffen derselben nach besten Kräften widmete, ein bleibendes Andenken bewahren." Ueberdies find der trauernden Familie sowohl von hervorragenden Persönlichkeiten der politischen, Gelehrten- und Kunstwelt, sowie aus zahlreichen Kultusgemeinden, politischen und Wohlfahrtsvereinen des In- und Auslandes telegraphische und briefliche Beileidskundgebungen zugekommen. Ihre Zahl ist so groß, daß selbst eine Anführung derselben über den Rahmen dieses Blattes hinausführen würde. Sie find ein beredter Beweis für das große Ansehen, das der Verstorbene in den weitesten Kreisen genoß und der Beliebtheit, deren sich die trauernde Familie allenthalben erfreut.