Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 27 (1910)
- Issue
- 29 (22.7.1910)
- Date
- 1910-07-22
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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Nr. 29 Dr. Blochs Wochenschrift. Seite 487 werden, indem zumindest ein Mitglied der türkischen Sprache mächtig ist. Dieser Conseil soll die Interessen der Juden bei der Regierung vertreten. 2. Die Schmach des „Roten Zettels" möge beseitigt werden. 3. Es möge allen jenen, die die ottomanische Staatsbürgerschaft erlangen wollen, Erleichterungen gewährt werden, selbst in dem Falle, wenn sie nicht im Besitze eines Passes sind und noch nicht fünf Jahre im Lande weilen. 4. Es mögen uns keine Schwierigkeiten bei Errichtung von Schulen, Lei es 'Volks-, Mittel¬ oder Hochschulen, bereitet werden, und unsere Schulen mögen von den Steuern auf Bücher¬ und Lehrmaterial befreit werden. 5. Es möge uns die Möglichkeit gegeben werden, in die Gemeindeverwaltung und die Gerichte jüdische Vertreter zu entsenden. Besonders aber bitten wir Eure Eminenz, Alles daran zu setzen, daß die ottomanische Regierung über die Tatsache aufgeklärt werde, daß die Juden keinen anderen Zweck verfolgen, als unter dem Schutze der ottomanischen Regierung ein kultiviertes, arbeitsames Volk zu werden, entsprechend seinem Geiste und seiner Erziehung: daß sie Mitarbeiten an dem Aufblühen und Gedeihen des Landes und daß sie aus vollem Herzen wünschen, daß es groß werde und sich entwickle, da sie nur in einer freien Türkei die Freiheit genießen können. Wir hoffen und setzen großes Vertrauen in Ihre Umsicht, daß Sie uns führen werden mit Ihren Ratschlägen, daß Sie unser Verteidiger l"in werden bei 1)en hohen Behörden. Die Erfüllung dieser Aufgabe wird den Namen Eurer Eminenz unsterblich machen und allen kommenden Generationen überliefern. Im Namen aller Juden von Jaffa. Die Entfernung des pogromdildcs ans dem Mimchener Glaspalast. (Eine Debatte in der bayerischen Kammer. — Die Entstehung des Bildes. — Ein Brief F^biansk's. In den Sitzungen der bayerischen Abgeordnetenkammer wurde im Laufe der Beratung der Etatpositionen für die staatlichen Kunstsammlungen von mehreren Rednern auch die Entfernung des Gemäldes „Ein Pogrom in Kiew" von Stanislaus v. Fabianski aus der Kunstausstellung im Glaspalast besprochen und nach den Gründen der Entfernung, die auf Veranlassung der bayerischen Regierung erfolgt ist, gefragt. Der Abgeordnete v. Vollmar führte aus, daß das Gemälde von der Ausstellungsleitung angenommen wurde, bei der Besichtigung der Ausstellung durch den Prinz-Regenten am Eröffnungstage und dann noch mehrere Wochen an seinem Platze hing, dann aber plötzlich auf staatliche Anordnung verschwinden mußte. Die bayrische Regierung hat wohl das Beschämende des Vorganges empfunden und offiziös erklären lassen, die Entfernung sei nicht auf Anregung der russischen Gesandtschaft geschehen, sondern weil verschiedene Russen Anstoß genommen hätten. Das mache die Sache noch schlimmer. „Denn", sagte Abgeordneter v. Vollmar, „wer waren denn diese Leute, die dazu kamen, den Arm der russischen Reaktion auf Bayern auszudehnen?" Abg. v. Vollmar schloß seine Ausführungen mit den Worten, es handle sich bei dem Vorgehen um einen Liebesdienst der bayrischen Regierung für Rußland und um die Schwächung und Beeinträchtigung der Münchener Künstler. Dem Staate Bayern sei eine schwere Blamage zugefügt und die Kunststadt München in ihrem Prestige geschädigt worden. In der heutigen Sitzung gab der Vertreter des beurlaubten Staatsministers des Aeußern, Freiherrn v. Podewils, Staatsrat v. Lößl. eine offizielle Erklärung ab. Er führte aus, daß auf dem ein Iudenmassacre in Kiew darstellenden Bilde im Hintergründe ein Plakat gemalt sei, auf dem zweimal ganz deutlich in .russischer Schrift der Name des russischen Kaisers zu lesen sei. Der Inhalt eines Manifestes, von dem Staatsrat v. Lößl annimmt, daß es das die Konstitution verkündende sei, sei nicht lesbar. Durch diese Zusammenstellung des vorgeführten Blutbades mit dem Namen des Zaren solle wohl dem Zaren in tendenziöser Weise eine Verantwortung für das dargestellte Gemetzel zugeschoben werden, dies um so mehr, als das Bild, das im Katalog als „Der Pogrom in Kiew" bezeichnet sei, nach Zeitungsberichten auch den Namen „Aus dem Reiche des Zaren" führe. Das Bild habe bei allen monarchisch gesinnten Russen, die es sahen, größten Anstoß hervorgerufen, und die in einer Korrespondenz vertretene Ansicht, daß in dem Bilde eine Verherrlichung des Zaren zu finden sei, dürfte wohl nur von verschwindend wenigen geteilt werden. Staatsrat v. Lößl habe das Bild, als er von dessen Charakter hörte, selbst besichtigt und es aus Gründen der internationalen Courtoisie, aus dem Staatsgebäude, wo es ausgestellt gewesen sei, entfernen lassen, ohne die sicher zu gewärtigende formelle Beschwerde der russischen Gesandtschaft abzuwarten. Er bemerke auch im allgemeinen, daß im Glaspalast, einem staatlichen Gebäude, Bilder, welche politische Angriffe auf Souveräne oder Regierungen befreundeter Staaten enthalten, nicht zugelassen werden können. Er bekenne sich auch selbst zur Anschauung des Abgeordneten Vollmar bezüglich der künstlerischen Freiheit, doch müssen auch hier Grenzen gezogen werden. Von einer Demütigung könne keine Rede sein. Interessant ist ein Brief Fabianskis an den jüdischen Maler und Kunstkritiker Alfred L a k o s in Budapest aus der Zeit, da das viel besprochene Bild in Wien ausgestellt war und von der Wiener Kritik merkwürdigerweise fast totgeschwiegen wurde. Lakos war damals der einzige, der damals in Budapester Blättern auf das Bild und seinen Schöpfer aufmerksam machte. Wir zitieren hier die interessanteren Stellen aus jenem Brief, welcher gewissermaßen die psychologischen Entstehungsgründe des Bildes bekanntgibt: „Wie so viele hatte puch ich im Leben sehr viel zu leiden und nur die Liebe zur Kunst verlieh mir die Kraft, zum Ziele zu gelangen. Die Erzählungen meines Vaters über den polnischen Freiheitskrieg im Jahre 1863 und den Feldzug vom Jahre 1870 haben meine Fantasie in dieser Richtung angeregt und ich begann. Szenen aus den polnischen und ungarischen Freiheitskriegen zu malen. Damals verlor ich meinen Vater und mehrere Personen, die mir nahe standen. Diese Ereignisse drückten mein Gemüt so sehr herab, daß die traurigen Vorgänge im Zarenreiche ein lebhaftes Echo in meinem Herzen erweckten. .Ich wandte mich ab von der Reproduktion der Ereignisse vergangener Zeilen und wollte, dem Beispiele Gorkys folgend, die unglücklichen russischen Vorgänge, die Ausbrüche menschlicher Tyrannei vor dem alten Europa aufdecken. Was ich mit leidender Seele zum Ausdrucke bringen wollte, das wurde verstanden und empfunden. . . . ."