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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1910-07-22 · 29 (22.7.1910) · page 5

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
27 (1910)
Issue
29 (22.7.1910)
Date
1910-07-22
Page
– (sequence 5)
Language
German
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Nr. 29 Dr. Bkochs Wochenschrift. Seite 485 dis wußte diesem Handel einen kolossalen Aufschwung zu verleihen. Er war der Erste, der eigene Schiffe ausrüstete und sie in die Kolonien entsandte, der in St. Pierre auf Martinique eine Zweigniederlassung gründete und andere auf St. Domingo, St. Louis, Cap fand de l'Isle, Baches, Leogane folgen ließ, die von seinen Verwandten geleitet wurden. So groß war das Ansehen dieses Mannes, daß die „freies de la Charite" seinen Sohn Samuel, der auf Martinique starb, auf ihrem Friedhofe nach jüdischem Ritus beerdigen ließen. Allein, so angesehen die Familie Gradis war. der Rechtsboden 'blieb für die Juden doch ein unsicherer. Namentlich war ihr Erbrecht nicht anerkannt, und mancher Gouverneur wollte an jüdischer Hinterlassenschaft das „Caduzitätsrecht" geltend machen: wiewohl in einem Prozesse der Familie Gradis vom Obersten Gerichtshöfe dieses Heimfallsrecht als nicht vorhanden .erklärt wurde, hatten die Verfolgungen kein Ende. Ja. eben dieser Prozeß gab dem Könige Anlaß, die Frage M stellen, wie es möglich sei, daß sich trotz des Verbotes Juden auf Martinique aufhalten, und die Mönche unterließen es auch nicht, durch fortwährende Denunziationen den Juden Schwierigkeiten zu bereiten, sei es aus privaten Motiven, sei es auch um Proselyten zu machen, so daß insbesondere das Heimfallsrecht immer auf's Neue gegen die Juden zur Anwendung gebracht wurde. Aus diesen Prozessen ist auch ersichtlich, daß die Juden auf Martinique eine ungemein rege gewerbliche Tätigkeit entfalten, daß sie zum Aufblühen der Kolonie wesentlich beitrugen, ihren Reichtum hoben, ihren Handel belebten und sich als geradezu unentbehrliche Faktoren der Kolonisation erwiesen. Durch die Proklamierung der Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit wurde allen Beschränkungen in Frankreich ein Ende gemacht, und seither konnten auch in den französischen Kolonien die Juden ungestört ihrer Arbeit obliegen. Gegenwärtig scheinen Juden auf Martinique nicht ansässig zu sein. — Zurückgekehrt. Eine erhebende Feier fand vor einigen Tagen in einer der Odessaer Synagogen statt. Ein 78-jähriger Mann und seine 70-jährige Frau sind zum Judentume übergetreten und haben gleichzeitig ihre Hochzeit nach mosaischem Gesetze gefeiert. Der Neophyte war ein sogenannter „Kantonist", der als Kind jüdischer Eltern im Alter von sieben Jahren gewaltsam zum Militärdienst genommen wurde. Beim Militär wurde er offiziell getauft, aber in seinen Ohren klangen unausgesetzt die Worte, die ihm seine Mutter nachrief, als ihn die Schergen den Eltern entrissen hatten: „Denke dran mein Kind, daß du Jude bist!" Nach Absolvierung des Militärdienstes ließ er sich in Odessa nieder und heiratete nach christlichem Ritus. Als vor vier Jahren das kaiserliche Manifest über die Glaubensfreiheit erschien, war der erste Gedanke des alten „Kantonisten", um die Erlaubnis, zum Judentume zurückzukehren, anzusuchen.- Vorige Woche nun langte die Erledigung des Gesuches aus Petersburg genehmigend zurück, und der 78-jährige Mann kehrte zum Glauben seiner Väter zurück und vollzog gleichzeitig eine Trauung mit seiner „Alten" nach mosaischem Gesetze. Schiaparelli über die Bibel. Der .Angst verstorbene italienische Astronom Giovanni Virginia Schiaparelli war nicht nur ein hervorragender Astronom, sondern auch ein Historiker von Bedeutung. Besonders viel befaßte er sich mit der Geschichte der Astronomie. So schrieb er das im Jahre 1903 erschienene Werk „L'Astronomia nell' Antico Testamento", das im darauffolgenden Jahre ins Deutsche und 1905 ins Englische übertragen wurde. Dieses Werk wirft manches interessante Streiflicht auf viele Bibelstellen. Im allgemeinen hatte schiaparelli eine sehr hohe Meinung von den astronomischen Kenntnissen der Israeliten. Besonders rühmt er den Juden „ein tiefes Gefühl für die Natur und ihre Erscheinungen" nach und rechnet es ihnen hoch an, daß die Kosmologie der Juden „nicht ausschließlich das Werk der Einbildungskraft war, das in Willkürlichkeit oder Mythologie schlechthin ausartet". Schiaparelli hielt nicht viel von der sogenannten „Bibel-Babel-Theorie". Er glaubte überhaupt nicht an den gewaltigen Einfluß der Babylonier. „Ob die Juden den Sabbath erfunden haben oder nicht", schreibt Schiaparelli an einer Stelle, „so bleibt es doch ihr unvergängliches Verdienst, ihn erhalten und der zivilisierten Welt übermittelt zu haben". Ein geologisches Museum in Palästina. Der russische Geologe, Professor Christofowicz, wandte sich dieser Tage an das Odessaer Palästinakomitee, mit dem Ersuchen, ihm das gesamte Material über die jüdische Kolonisation in Palästina zur Verfügung zu stellen. Professor Christofowicz, der schon zweimal in Palästina war, beabsichtigt jetzt wieder auf zwei Jahre ins Heilige Land zu gehen und daselbst geologische Studien zu machen. Das Ergebnis dieser Studien will der russische Gelehrte für die Anlage eines geologischen Museums in Palästina verwenden. Ein kleines geologisches Museum besteht schon bekanntlich in der „Bezalel"-Schule in Jerusalem. Moderne Marannen in Sibirien. Das russische Blatt „Golos Sibir" meldet die interessante Nachricht, daß die Juden in Sibirien sich in jüngster Zeit massenhaft taufen ließen. Die getauften Juden beobachten nach wie vor alle jüdischen Religionsgesetze, halten die Sabbatruhr, verrichten nach wie vor ihre gemeinsamen Gottesdienste nach jüdischem Ritus usw. Diese modernen Marannen haben die Taufe nur zu dem Zwecke über sich ergehen lassen, um das Wohnrecht, das ihnen selbst in Sibirien verweigert wurde, zu erlangen. So züchtet russische Barbarei die Unaufrichtigkeit unter den Untertanen des Zars aller Reussen. „Der jüdische Bibliograph". In Bialystock (Rußland) wird demnächst die erste Nummer einer neuen jüdischen Zeitschrift, unter dem Titel „Der jüdische Bibliograph" erscheinen. Als Herausgeber figuriert der jüdische Publizist A. Kotik. Das Blatt wird allgemeine jüdisch-bibliographische Mitteilungen, Rezensionen und Notizen über Neuerscheinungen auf dem Büchermärkte, Artikel über bestehende und die Anlage neuer Bibliotheken usw. veröffentlichen. Eine Doktor-Dissertation über den Poale - Zionismus. An der Pariser Universität wurde vorige Woche der Hörer der Philosophie Leon Reich aus Lemberg zum Doktor der Philosophie promoviert. Die vom akademischen Senat akzeptierte Doktor-Dissertation behandelte die Theorie des Poale-Zionismus. Professor Senator über das wahre Judentum. Der weltberühmte Berliner Professor Senator, der seinerzeit auch an das Krankenlager Kaiser Friedrichs berufen wurde, hat in einem Interview auch seine Meinung über .Judentum und Judenfrage gemacht: „Ich bin Jude der Religion nach", sagte Professor Senator,

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