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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1910-07-22 · 29 (22.7.1910) · page 4

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
27 (1910)
Issue
29 (22.7.1910)
Date
1910-07-22
Page
– (sequence 4)
Language
German
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Seite 484 Dr. Blochs Wochenschrift. Nr. 29 Heute bilden die Juden einen der am meisten respektierten, ja wir können sagen, einen der nützlichsten Bestandteile der nordamerikanischen Macht. Es hat sich im Laufe der Jahre gezeigt, daß selbst die Unglücklichsten unter ihnen sehr bald auf dem freien Boden Amerikas zu ebenso tätigen wie nützlichen Gliedern der Gesellschaft werden. Warum hatten die Staatengouverneure so strenge Verordnungen gegen die israelitische Einwanderung erlassen? Die Antwort lautet: Ans Furcht, die Einwanderer, meist mittellos und ungebildet, würden schließlich der Gemeinde zur Last fallen und ernstlich auf das llnterstützungsbudget drücken.- Diese Befürchtungen waren unbegründet und sie schwanden angesichts des bewunderungswürdigen Werkes, das von einer Schar denkender Männer ins Leben gerufen wurde. Ohne eine Mühe oder auch pekuniäre Leistungen zu scheuen, widmeten sich diese Edelmütigen der Organisation eines Unterstützungs- und Erziehungswerkes für die eingewanderten Juden, deren Netz sich über alle Staaten der Union erstreckt, vollkommen autonom und losgelöst von den offiziellen Fürsorgewerken. Zu keiner Zeit bei keinem andern Volke der Welt hat man jemals einen solchen Plan sozialer Solidarität sich verwirklichen sehen, niemals eine solch systematische Durchführung des Ideals erblickt. Die Resultate der israelitischen Gemeinden haben sich vor allem im Staate New- Pork zäh behauptet. Gegenwärtig braucht sich dieser Staat nicht im allergeringsten um die Bedürfnisse der sehr zahlreichen jüdischen Kolonie zu kümmern, die eine der lebendigen Kräfte der Nation bildet, denn sie übt in gewissem Sinne Selbstverwaltung, was soziale Unterstützung und Erziehung anbelangt. Es ist nicht unsere Aufgabe, an dieser Stelle die Männer persönlich zu nennen und zu verherrlichen, die an der Spitze dieses sozialen Meisterwerkes stehen, das allen in die Vereinigten Staaten eingewanderten Juden die nötige moralische und materielle Stütze bietet. Sie sind zahlreich und schließen in sich die Elite der Intelligenz, der Industrie und des Handels. Ein bewunderungswürdiger Opfergeist beherrscht ihre Tätigkeit. Wenn es andererseits Finanz- und Jndustriemagnaten gibt, die beträchtliche Summen für wissenschaftliche Zwecke und Institute stiften, die allen Amerikanern ohne Unterschied des Standes und der Religion zugute kommen sollen, so lassen sich diese gar leicht zählen. Unzählig aber sind jene edlen Israeliten, die stillschweigend und ferne von aller persönlichen Voreingenommenheit wirkliche und verdienstvolle Opfer bringen, um die Lebensbahn ihrer Rassenbrüder aufwärts zu führen, sie zu brauchbaren und nützlichen Gliedern der menschlichen Gesellschaft zu machen, und dies, ohne irgend eine Einmischung in die öffentlichen Gewalten, ohne die geringste offizielle Subvention anzustreben und zu Lenietzen — und doch von faktischen, dauernden Erfolgen gekrönt. Es gibt keine größere Stadt der Union, wo die Juden nicht in bedeutender Anzahl ihre Waisenhäuser, ihre Bibliotheken, ihre Hospitäler, ihre Armenapotheken, ihre Erziehungsheime, ihre Volkshochschulen, ja, sogar ihre Theater besitzen. Dieses soziale Werk der Juden unterscheidet sich von anderen ähnlichen Werken allgemeiner Natur dadurch, daß kein Parteislandpunkt darin zum Ausdruck kommt, nicht der leiseste Wunsch nach Proselytentum es diktiert, sondern völlige, reine Menschenliebe. Dank ihrer vielseitigen Bildung, die die jüdische Bevölkerung auf ihren Erwachsenenschulen, Abend- und Fachschulen, empfängt, die in unvergleichlich zeitgemäßer Weise geleitet werden, nehmen die Israeliten in der amerikanischen Gesellschaft einen beachtenswerten Rang ein. Räudige Schafe, Deklassierte, gibt es überall. Es gibt deren auch unter den Juden in den Vereinigten Staaten. Aber sie sind in sehr schwacher Minderheit, und das läßt sich leicht begreifen. Denn bei all den sozialen und philanthropischen Werken, die ihnen zu Gebote stehen, um sie auf den Weg des Fortschritts zu leiten, bei der Fülle von Hilfsquellen, über die sie verfügen, müssen die nach den Vereinigten Staaten eingewanderten Juden gedeihen, sich in jeder kulturellen und sozialen Hinsicht entwickeln. Man hat kürzlich die Hilfsmittel, worüber die sozialen und philanthropischen Unterstützungswerke der Juden in der Union gebieten, abgeschätzt, und man ist, einschließlich der Immobilien und Mobilien, zu der Summe von drei Milliarden 368 Millionen gekommen, eine Zahl, die für sich selbst spricht. Es ist dies sicherlich eine interessante Feststellung, die ein einzigartiges Beispiel sozialer Solidarität offenbart. Juden in der Industrie. Es dürfte wenig bekannt sein, daß die Antillen- Jnsel Martinique die Einführung ihres Haupt-Erportartikels, des Zuckerrohrs, einem Juden, nämlich dem aus Brasilien eingewanderten Benjamin Da Costa, dankt, der dasselbe im Jahre 1644 dort anpflanzte und auch die Fabrikationsweise erfand. Da Costa und seine Glaubensgenossen setzten sich bei den rechtgläubigen Creolen derart in Achtung, daß sie ihrer Vertreibung, welche die französische Regierung verlangte, keine Folge gaben. Das Gesetz, das damals nur den Katholiken erlaubte, sich in den Kolonien anzusiedeln, wurde von Niemandem mit größerer Verachtung abgewiesen, als von dem Dominikaner-Pater Labot, der in einem berühmten Briefe nach Paris schrieb, es sei ihm ganz gleich, ob sein Zuckerrohr bei einem Lutheraner oder einem Katholiken gewachsen sei, so lange es nur gut und weiß ist. Von dem Momente an, in welchem Martinique vollständig in französischen Besitz kam, wurden auch die der westindischen Kompagnie gegebenen Versprechungen bezüglich der Juden nicht mehr eingehalten. Bei der Uebergabe war ausdrücklich die Bedingung gemacht und angenommen worden, daß die Juden alle Rechte und Freiheiten, welche sie unter der westindischen Kompagnie genossen, behalten sollen. Allein diese Rechte und Freiheiten wurden immer mehr beschränkt, bis sie endlich vermittelst des sogenannten „schwarzen Koder" vom 28. September 1683 völlig aufgehoben und den Juden der Aufenthalt auf den französischen Inseln verboten wurde. Die Verjagten wurden von den benachbarten nichtfranzösischen Kolonien mit offenen Armen ausgenommen. Wiederholt richteten die französischen Gouverneure, welche mit Mißbehagen die Nachbar-Kolonien, dank der energischen Tätigkeit der jüdischen Ansiedler, aufblühen sahen und die Juden gern zurückgeführt hätten, Eingaben an die Regierung und an "den König, in denen sie auf die Verdienste hinwiesen, die sich die Juden in Surinam auch auf militärischem Gebiete erworben hatten. Aber es blieb bei dem allgemeinen Verbote. Trotzdem duldeten einzelne Gouverneure die Anwesenheit von Juden, denen die Aufuahme-Bewilligung und Naturalisation förmlich erteilt wurde und zwar nicht bloß auf ihr eigenes Ansuchen, sondern sogar auf Wunsch der Behörden. Das Patent vom Jahre 1752 räumte den Juden in Gustenne auch die ihnen i. I. 1550 von Heinrich II. verliehenen Privilegien wieder ein; .aber da der Code norr nicht völlig aufgehoben war, gab es noch immer Streitigkeiten wegen der Rechte der Juden, und mancher.Gouverneur bemühte sich, aus dieser Unsicherheit materiellen Nutzen zu ziehen und Juden-Vermögen zu konfiszieren. Welche umfassende koloniale Tätigkeit die damaligen französischen Juden entfalteten, läßt sich aus einigen Angaben entnehmen, welche die zu jener Zeit hochangesehene Familie Gradis in Bordeaux betreffen. Bordeaux war der Ausgangspunkt des Kolonialhandels mit Westindien, und der Jude David Gra-

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