Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 27 (1910)
- Issue
- 29 (22.7.1910)
- Date
- 1910-07-22
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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Nr. 29 Dr. Blochs Wochenschrift. Seite 483 liegt das Hauptübel darin, datz die jüdischen Zertifikatisten in der Regel sehr hohe Nummern erhalten und da die Ernennungen der Staatsbeamten in der Reihenfolge der Nummern erfolgen, so kommen die Juden so spät daran, datz sie inzwischen die Altersgrenze überschritten haben und nicht mehr angestellt werden können. Das ist ein schreiendes Unrecht, und der Ministerpräsident gab uns das Versprechen, sich sofort mit dem Kriegs- und Landesverteidigungsminister ins Einvernehmen zu setzen und zu veranlassen, datz die jüdischen Zertifikatist en die gleiche Behandlung erfahren, wie die übrigen. Die Rabbinerfrage, welche in der Konferenz gleichfalls eingehend behandelt wurde, ist ein besonders unangenehmes Kapitel — sagte weiter Dr. Löwenstein. Wie bekannt, bestimmt das Gesetz, datz jeder Rabbiner einen gewissen Bildungsgrad Nachweisen müsse. Später wurde festgesetzt, datz er wenigstens Gymnasialbildung besitzen müsse. In der Uebergangszeit hatte die Statthalterei das Recht, von dieser Verpflichtung Dispens zu erteilend Ueberdies hatte die Verfügung keine rückwirkende Kraft auf die bereits amtierenden Rabbiner. Nun ist die Uebergangszeit vorüber und Dispense können nicht mehr erteilt werden. Die alten Rabbiner sterben allmählich aus und neue können nicht aufgenommen werden, da es wirklich orthodore Rabbiner, die den Anforderungen der frommen Kreise entsprechen und gleichzeitig Gymnasialstudien absolviert haben, nicht gibt und auch schwer denkbar sind. Viele grotze galizische Judengemeinden sind daher jetzt schon ohne Rabbiner und es wird immer schlechter. Die Frage ist jetzt deshalb besonders aktuell, weil die Uebergangsfrist Ende 1910 abläuft und nach dieser Zeit auch ältere Rabbiner den Nachweis des Bildungszensus werden erbringen müssen. Man kann fortgeschritten sein, wie man will — sagte Dr. Löwen st ein ferner, aber so viel mutz man begreifen, datz für die religiösen Bedürfnisse der breiten jüdischen Massen gesorgt werden müsse und datz man ihnen nicht Rabbiner gegen ihren Willen aufzwingen kann. Deshalb haben wir den Plan gefatzt,. datz Abhilfe in folgender Weise geschaffen werde: Das Gesetz selbst abzuschaffen, ist nicht möglich, weil ein solches bei der heutigen Zusammensetzung des Parlamentes nicht durchgehen würde. Das Gesetz spricht nur von einem gewissen Bildungszensus. Die Bestimmung betreffend die Gymnasialbildung findet sich blotz in der Durchführungsverordnung des Kultusministers. Diese Verordnung, die eine Art Ministerialerlatz ist, soll nun durch einen neuen Erlatz in dem Sinne geändert werden, datz von einer allgemeinen Gymnasialbildung eventuell abgesehen und anstatt dessen bei der Lemberger Statthalterei eine Prüfungskommission eingesetzt werde, vor welcher die Rabbiner und Rabbinatskandidaten sich einer Prüfung ihres allgemeinen Bildungsgrades zu unterziehen hätten. Es ist selbstredend, datz diese Prüfungskommission von den Kandidaten nicht die Kenntnis von Latein, Griechisch usw., sondern die Beherrschung der Landessprachen, Mathematik usw., also Kenntnisse verlangen wird, die ein jeder Rabbiner, der sein Amt entsprechend ausfüllen will, besitzen mutz. Der Ministerpräsident, der Kultusminister und der Statthalter sind mit diesem Plane einverstanden. Auf die Frage, ob sich die Orthodoren mit dieser Lösung zufrieden geben werden unb ob ihre Meinung angehört werden wird, antwortete Abg. Dr. Löwenstein: Den Orthodoren soll nichts aufgedrängt werden. Im Monat September wird nach Lemberg eine Konferenz galizischer Rabbiner einberufen werden, der wir unsere Pläne vorlegen werden. Erst nach Anhörung der Meinung dieser Rabbiner wird die Sache entschieden werden. Ueber die Namensänderung der aus sogenannten „galizischen Ehen" stammenden Kindern äutzrrte sich Abg. Dr. Löwenstein wie folgt: Bekanntlich werden Ehen, die blotz rituell und nicht gesetzlich geschlossen werden, vom Gesetze nicht anerkannt. Das Gesetz zwingt die Kinder solcher Ehen, den Namen der Mutter zu führen. Es kommt nun sehr häufig vor, datz Juden, die jahrelang ihre Geschäfte unter einem bestimmten Namen führen, mit einem Male gezwungen werden, die Firma zu ändern, weil es sich herausgestellt hat. datz der Firmainhaber ein Kind einer solchen rituellen Ehe ist und ungesetzlicher Weise den Familiennamen seines Vaters trägt. Bei Handwerkern und Konzessionsbesitzern kann eine solche Entdeckung noch schlimmere Folgen haben. Er besitzt zum Beispiel einen Befähigungsnachweis auf den Namen Schapira: plötzlich stellte es sich heraus, datz er diesen Namen nicht führen darf, und nach seiner Mutter eigentlich Teitelbaum heitzen müsse. Auf diese Weise besitzt er keine rechtmätzige Konzession und keine Dokumente. Leben die Eltern noch, so kann dem noch abgeholfen werden, indem die Eltern ihre Ehe konvalidieren und die Kinder auf den Namen des Vaters übertragen fassen. Sind aber die Eltern oder auch nur ein Teil nicht mehr am Leben, so gibt es keine andere Hilfe, als ein Gesuch an das Ministerium des Innern um Bewilligung der Namensänderung einzureichen. Die Regierung macht jedoch hiebei die grötzten Schwierigkeiten und nur in den seltensten Fällen wird einem solchen Gesuche entsprochen. Wir haben nun den Ministerpräsidenten darüber aufgeklärt, um was es sich hier handelt, und wir erhielten die Zusage, datz das Ministerium in solchen Fällen keine besonderen Schwierigkeiten machen wird. Schlietzlich erklärte Abg. Dr. Löwenstein, datz er und seine jüdischen Kollegen nicht nur im eigenen, sondern im Namen des gesamten Polenklubs beim Ministerpräsidenten erschienen seien. Er habe die Ueberzeugung, datz der Ministerpräsident sie nicht mit blotzen Zusicheruirgen abspeisen wollte und datz die berührten Fragen im Sinne der oben erwähnten Vorschläge gelöst werden. Vom Aabrmarkt des Lebens. Die jüdischen Kolonien in Nordamerika. In dem Juniheft der „Dokumente des Fortschritts" (Verlag Georg Reimer, Berlin) gibt A. Mahlinger folgenden Ueberblick über die ökonomische Entwicklung der in den letzten Jahrzehnten aus Europa nach den Vereinigten Staaten eingewanderten Juden: Ein gewaltiger Auswandererstrom flutete um die Mitte des 19. Jahrhunderts von allen Ländern Europas hinüber in das immer noch „neue Land". Es waren hauptsächlich Juden. Diese Bewegung ward zu einer wahren Ueberschwemmung des andern Erdteils, so datz der Gouverneur von New-Pork sich genötigt sah, strenge Matzregeln zu ergreifen, um der Einwanderung halt zu gebieten. Allen Juden des alten Kontinents wurde das Betreten des amerikanischen Bodens im Staate New- Pork untersagt. Die meisten anderen Staatsregierungen der .amerikanischen Union folgten dem Beispiele New- Porks. Derart wurde ein Stillstand in der Auswandererbewegung der europäischen Israeliten nach dem Lande ihrer Sehnsucht und Träume herbeigeführt. Aber Einigkeit macht stark! Das Solidaritätsgefühl, das alle Glieder der grotzen jüdischen Familie fest und innig umschlingt, siegte über die Hindernisse, die ihr in den Weg gestellt wurden. Die jüdische Auswandererbewegung setzte trotz aller Erlässe und Verbote der Regierungen wieder ein und zwar stärker als vorher.