Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 27 (1910)
- Issue
- 29 (22.7.1910)
- Date
- 1910-07-22
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 482 Dr. Blochs Wochenschrift. Nr. L9 wird es doch noch einige Minuten dauern. Vielleicht wird es der Krone doch nicht ganz angenehm sein, sich als ersten Ratgeber den Vertrauensmann einer Partei Zu wählen, welche zwar im Kampfe, gegen die jüdische Korruption die SLaatsgrundgesetze abschaffen dürfte, aber in der nun Hraba redet, und Gehmann spricht, und Vergani schreibt, und Armann geht und Vielohlawek schreit und Schneider Ehrenbürger wird und so viele Leute Recht haben. Vorderhand bleibt Dr. Weiskirchner Handelsminister und muh in seinem Kreise seinen übervielen Worten endlich einige Taten folgen lassen. Das ist nun geschehen. Alles gerettet. Der ausländische Markt ist zwar nicht gehoben und auch ckicht die Teuerung. Aber das wären ja auch nur Kleinigkeiten. Die Hauptsache war, daß in der Vorwoche das Hausierverbot erlassen wurde. Jetzt liegt endlich der Lindwurm im Blute, der das Gewerbe so fürchterlich gebrandschatzt hat. In den englischen und amerikanischen Städten..sind zwar tausende von Hausierern, um die sich niemand kümmert, aber es mag immerhin richtig sein, dah sie das Gewerbe schädigen. Viele behaupten zwar, dah die Hausierer erst die Bedürfnisse wecken, welche sie mit ihrem Kram befriedigen, daß nur wenige ihrer Kunden ein Geschäft aufsuchen würden, sondern bei den Hausierern halb aus Erbarmen, halb aus aufgeschwatztem Lurus kaufen, wie ja überhaupt ein groher Teil des Geschäftes darin besteht, den Leuten Notwendigkeiten einzureden. Sicher ist es auch, dah die Hausierer viele Geschäftsleute und kleine Industrien mit ihren Einkäufen beschäftigen. Aber sei es drum. Es hätte doch wahrhaftig genügt, die Mahregel human durchzuführen. Das Heldentum des Handelsministers aber ist schonungslos tapfer gegen die Aermstcn und Kleinsten. Auf drei Iahre rückwirkend wurde das Verbot gemacht, die Verunglückten des Schicksals, welche sich in den letzten Jahren mühsam in eine kleine Existenz hineingefunden haben, um sich vor dem Bettel zu retten, werden wieder ohne Hilfe dem Elend preisgegeben. Die Sache wäre billig damit zu erledigen gewesen, dah man keine neuen Hausierlizenzen ausgäbe. Aber die meisten der Hausierer sind naturgemäh Juden, weil man diese ja überall bedrängt und verdrängt und sie sich mit dem Bescheidensten begnügen müssen. Daher der Grund, dah Dr. Weiskirchner durch eine Heldentat das Gewerbe rettete. Wir möchten nur, dah zur Antwort alle Minister brotlos würden, welche seit drei Jahren nichts getan haben als zu versprechen. Die Uotlage der Jude« iu Galizien (Ein Interview mit dem Reichsrats-Abgeordneten Dr. Löwenstein.) Vor einigen Tagen hielten die Abgeordneten Dr. Löwenstein, Dr. Kolischer und Dr. Gold eine Konferenz mit dem Ministerpräsidenten Baron Vienerth ab, in welcher die Notlage der Juden in Galizien und Maßnahmen zu ihrer Linderung erörtert wurden. Ein Redakteur des Krakauer „Tag" benützte die Anwesenheit Dr. Löwensteins in Krakau, um von ihm näheres über diese Konferenz und die Pläne der Regierung in dieser Frage zu erfahren. Abg. Dr. Löwenstein erklärte zunächst, dah die jüdischen Mitglieder des Polenklubs sowohl mit dem Ministerpräsidenten, als auch mit dem Statthalter von Galizien wiederholte Unterredungen über die Notlage der Juden in Galizien hatten und dah die letzte Konferenz bei dem Ministerpräsidenten gewissermahen den Abschluh dieser Unterhandlungen bilde, in welchen die Abgeordneten der Regierung einen positiven Aktionsplan unterbreitet haben. Auf die Frage, worin dieser Plan bestehe, erwiderte Pr. Löwenstein: Bekanntlich ist es einfach unmöglich, dah alle bisherigen jüdischen Schänker auch für die Zukunft Konzessionen erhalten, u. z. schon deshalb, weil die Zahl der Schanklizenzen im allgemeinen verringert wurde. Eine Erhöhung dieser Zahl würde im Lande grohe Unzufriedenheit Hervorrufen. Abgesehen von den bekannten Einwendungen gegen die grohe Zahl der Branntweinschänken haben auch sehr viele nichtjüdische Kreise um Konzessionen angesucht und es ist einfach unmöglich, alle diese Gesuche zurückzuweisen, weil es sonst den Anschein hätte, als ob man für die Juden ein eigenes Schankprivilegium schaffen wollte. Man müsse deshalb mit der Tatsache rechnen, dah ein groher Teil der gegenwärtigen jüdischen Schanker ohne Erwerb bleiben wird. Unsere Wünsche sind daher, dah zunächst bei Verteilung der Konzessionen in erster Linie die gegenwärtigen Schankinhaber und unter diesen vor allem solche berücksichtigt werden, die auher der Schänke keine andere Einnahmsquelle haben oder gröheres Vermögen besitzen. Da jedoch trotz dieses Modus eine grohe Zahl gewesener Schänler ohne Erwerb bleiben wird, so fordern wir, dah die Regierung für diese Erwerbslosen ebenso sorge, wie sie für Beschädigte durch Elementaeereignisse zu sorgen pflegt. Wenn die Bevölkerung irgendeiner Gegend von einem Elementarereignis, wie z. B. Brand, Ueberschwemmung, usw. heimgesucht wird, so werden die Betroffenen von der Regierung durch zinsenfreie Darlehen, Subventionen, Schuldabschreibungen usw. unterstützt, um die Gründung neuer .Existenzen zu ermöglichen. Die Negierung gibt für solche Zwecke jährlich grohe Summen aus.? Wir wünschen nun, dah auch die jüdischen Schänker, die ohne Erwerb bleiben, auf ähnliche Weise unterstützt werden. Die Zentralregierung möge eine bestimmte Summe auswerfen, welche von der Statthälterer auf Grund genauer Erhebungen an die wirklich Notdürftigen und Betroffenen in gerechter Weise verteilt werden soll. Die Aktion soll rasch, unparteiisch und ohne weitläufige Formalitäten durchgeführt werden, damit die Hilfe auch ihren Zweck erfülle. Die Regierung verhält sich zu diesem Plane sehr sympathisch. Am Tage nach unserer letzten Konferenz mit Baron Bienerth kam der Statthalter Dr. Bybrinsky nach Wien, woselbst ich auch mit ihm die Frage eingehend besprach. Auch der Statthalter ist mit dem Plane vollständig einverstanden. Allerdings sind noch manche formelle Schwierigkeiten zu überwinden, da solche Elementarunterstützungen in der Regel nur an Bewohner eines geschlossenen Gebietes gewährt werden; aber bei etwas gutem Willen wird sich ein Ausweg finden lassen. Die Regierung hat unseren Vorschlag günstig ausgenommen und wir haben das Recht, auf einen Erfolg zu hoffen. Steht diese Aktion im Zusammenhänge mit der Enquete über die Notlage der Juden in Galizien, die vom Landesausschusse demnächst veranstaltet werden soll? Dr. Löwen st ein: Die Enquete wird sich mit der wirtschaftlichen Lage der galizischen Juden überhaupt beschäftigen und nicht bloh mit der Schänkerfrage. Da jedoch diese Frage jetzt besonders aktuell ist, wird sie sicherlich einen wichtigen Teil der Enquete bilden, was gleichfalls zur günstigen Lösung derselben beitragen wird. Was die Enquete selbst betrifft, ist in den mahgebenden Kreisen der ernsteste Wille vorhanden, die Enquete durchzuführen und den traurigen Zuständen abzuhelfen. Wir haben die Ueberzeugung, dah die Enquete nicht bloh eine Demonstration, sondern ein praktischer Schritt sein wird, den galizischen Juden zu helfen. Hinsichtlich der Zurücksetzung der jüdischen Beamten und insbesondere der jüdischen Militär- Zertifikatisten erklärte Dr. Löwenstein, dah der Ministerpräsident die bestimmteste Zusage gemacht habe, sich das betreffende Material vorlegen zu lassen und Abhilfe zu schaffen. Betreffs der Zertifikatisten