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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1910-07-22 · 29 (22.7.1910) · page 1

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
27 (1910)
Issue
29 (22.7.1910)
Date
1910-07-22
Page
– (sequence 1)
Language
German
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Nr. 29 Di*o Bloch’s Jahrgang XXVII Zentralorgan für die gesamten Interessen des Judentums. -□:__□- Wien, 22. Juli 1910 Erscheint jeden jfreitag. Brief-Adresse: Wien, ix/i, Hahngasse 15. <=* Telegramm-Adresse: Bloch's Wochenschrift, Wien. O (j. =0 o p Dexugsprrks für ßeßrrrrtdj: Halbjährig 8 Kronen: Einzelexemplare 50 Heller. Für's Ausland: Halbjährig 10 Kronen. Ganzjährig 20 Kronen. Anzeigen: Die 4mal gespal- H tene Petitzeile 24 Heller. G oO —Qo? V. ft. Vostsxarftaffenami Clearing lDerft ebr Mr. 810.976. RedaMon und Administration: wir» XX/if Hahngasse Nr. 15. l) Telefon Nr. 14.847. <1 oO . - ——Qo Inhalt: Leitartikel : Der Retter. — Die Notlage der Juden in Galizien. — Vom Jahrmarkt des Lebens: Die jüdischen Kolonien in Nordamerika. Juden in der Industrie. Prof. Senator über das wahre Judentum. Zurückgekehrt. Schiaparelli über die Bibel. Ein geologisches Museum in Palästina. Moderne Marannen in Sibirien. „Der jüdische Bibliograph". Eine Doktor- Dissertation über den Poale-Zionismus. — Ein Memorandum der^Jaffaer Juden. — Die Entfernung des Pogrombildes aus dem Münchner Glaspalast. — Korrespondenzen: Baurat Wilhelm Stiaßny. Die Jewish Colonization Association. Ungarischjüdischer Schulverein. Der neue Präsident des französischen Konsistoriums. Freiheitsfeier mit Judenverfolgung. — Vermischtes. — Feuilleton: Dichtung und Wahrheit über den Eintagskönig von Polen Saul Wahl. — Literatur. — Briefkasten. — Inserate. Der Kelter. Der von Luegers Gnaden emporgetommene Handelsminister Dr. Weiskirchner rettet Tag und Nacht. Als Führer der christlichsoziaken Partei rettet er in den Wählerversammlungen mit einer großartigen umfassenden Geste alle Stände überhaupt. Das goldene Zeitaltei des Ovid ist eine trübselige Aera gegen die Tage, welche der Handelsminister so freundlich ist, gegen ein bischen Lob und Unterstützung der diesseitigen Reichshälfte zu versprechen. Dieses einfache Rezept ist das Patent der Christlich-Sozialen. Seit Iahren versprechen sie der Wählerschaft sämtliche Farben vom Himmel und die Gimpel bleiben ihnen auf dem ordinären Leim sitzen, obwohl Steuern und Teuerung in den letzten Jahren geradezu fabelhafte Dimensionen angenommen haben. Einer der Meister der blitzblauen Reden nun ist der geschmeidige Dr. Weiskirchner. Wenn man die Gesamtsumme seiner Versprechungen an die Wählerschaft präsentieren wollte, würde sicherlich der halbe Erdball herauskommen mit allem was drum und drauf ist. Gegenwärtig hat der Handelsminister ein Spezialgebiet für Versprechungen. In sein Ressort fallen das Gewerbe und die Industrie und er rettet natürlich beide auf das kräftigste. Natürlich wäre den beiden am einfachsten zu helfen, wenn sie durch günstige Handelsverträge einen Luten Markt im Auslande bekämen. Aber Dr. Weiskirchner darf diesen Weg nicht betreten. Denn die agrarischen Heerscharen wünschen gesperrte Grenzen, damit jeder für seine Kälber und seine paar Sack Korn einige Kronen mehr bekommt und der Zorn dieser Herrschaften darf aus Gründen der Abstimmung nicht gereizt werden. Ferner steht es fest, daß die billige Massenproduktion der Industrie und die Qualitätsarbeit des Gewerbes einander in den Hauptpunkten diametral entgegengesetzte Interessen haben. Aber das verschlägt den Handelsminister gar nicht. Seine fleißige Zunge überwindet auch diese Hindernisse spielend. An einem Tage wird die Industrie gerettet, an dem anderen das Gewerbe. Es gibt einen ganzen Stundenplan für die Rettung im Handelsministerium. Man kann nicht sagen, daß dieser dem Dr. Weiskirchner viel Zeit übrig läßt. Er muß die Nächte im Eisenbahnkupee zubringen, um überall redend und rettend eingreifen zu können. Kein Handelskammertag, keine Hafenanlage, keine Handwerkerversammlung läßt er aus dem Spiele. Ueberall gibt er Versicherungen, Versprechungen usw. in iniinitum. Natürlich geschieht in Wirklichkeit nicht das Mindeste. Der Industrie wie dem Gewerbe bleibt es überlassen, sich im Regen Weiskirchnerscher Worte ihre Wege und Hilfen selbst zu suchen, höchstens unterstützt von den träge nach rechts und links ausgeteilten Summen aus den Steuergeldern. Aber wo bleibt da die Kunst des Ministers? Nichts ist kleiner als ein Staatsmann, der sich mit der Verteilung von Subventionen begnügt. Er muß sozusagen seinem Gelde eine Seele geben, er muß Ideen haben für seine Mittel, er muß etwas Neues finden, das den Erfolg herbeizwingt. Für Dr. Weiskirchner aber ist am bezeichnendsten sein Vorgehen in der Wasserstraßenfrage. Die Polen wollten die Kanäle gebaut haben sofort die größte Hitze und Ereiferung des Handelsministers. Die Redner der Budgetdebatte im Herrenhausc traten leidenschaftlich gegen die Kanalvorlage auf sofort beeilte sich Dr. Weiskirchner zu erklären, er sei auch nicht recht für die Sache und die bisherigen Bemühungen und Vorarbeiten in der Frage seien vorderhand nicht ernsthaft zu nehmen. Ein solcher Minister, der Typus der christlichsozialen Manier, der Alles an Alle-Versprecher wird ernsthaft als der kommende Manu bezeichnet, als der Anwärter auf die Ministerpräsidentschaft. Oesterreich kann sich wahrhaftig schämen, eine solche flache Mittelmäßigkeit mit dem Allerweltsprogramm als ersten Minister erwarten zu müssen. Allerdings wird Dr. Weiskirchner als Ministerpräsident in seinem Elemente sein. Dann wird er erst die rechte Gelegenheit zum Retten finden. Bis jetzt hat er Agrarier und Städter. Gewerbe und Industrie trotz ihren gegenseitigen Feindseligkeiten mit demselben Munde gerettet. Als Ministerpräsident aber wird er Rettungsreden für den ganzen Staat halten, für alle Kronländer, für die innere und äußere Politik, für alles, was da kreucht und fleucht. Aber bis dahin

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