Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 27 (1910)
- Issue
- 28 (15.7.1910)
- Date
- 1910-07-15
- Page
- – (sequence 14)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 93% known words query
- IRI
…/3020846-3021873-3021902--19432-3044414- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
m Dr. Blocks Wochenschrift. em jeglicher Rabbi mit seinen sämtlichen Schülern unverzüglich: vor ihm erscheine. Zitternd gehorchten die Aufgesch-eckten dem Machtwort des heimkehrendenZwingherrn. Er jedoch musterte, ohne seinen Wagen zu verlassen, ohne ein Wort zu verlieren, das Bild in der Handdie Reihen der Schüler, worauf sie wieder entlaßen wurden. So kam er schließlich nach seiner. Hauptstadt Br ze sc. Hier erkannte er sofort unter den vorüberschreitenden Jünglingen den Gebuchten und beschied den Schüler samt seinem Lehrer für den andern Tag M sich aufs Schloß. Auf das Schlimmste gefaßt, erschienen beide zur bestimmten Frist vor dem Fürsten. Der iuuae Mensch wurde nack Namen und Herkunft geragt; um seine Sicherheit besorgt, machte er falsche Angaben. Radziwill runzelte die Stirne und forderte den Lehrer auf, über das Verhalten und die Fortschritte seines Schülers Auskunft zu erteilen. Als dieser nicht genug Worte des Lobes finden konnte und als einen hHver fäb lasten Und vortrefflichsten Jünaer rübmte. zoa der Fürst das Bild bervor. nnd reipte es dem Lebrer. Auch er konnte die VorträtäbnRckkLit mit keinem Zoa- Ma nickt in Abrede stellen. -So aestebe nur" — wandte sich der Fürst an den erschrockenen Jüngling — „daß Du Saul heißest und Dein Vater der Rabbiner von Padua, Samuel Juda, ist. Du hast übrigens nichts zu fürchten, vielmehr übernehme ich hiemit die Sorge für die Vollendung Deiner Studien und für Dein weiteres Fortkommen." Der Fürst nahm sich seines Schützlings väterlich an, machte dem Vater Mitteilung davon und verheiratete Saul schließlich mit der Tochter eines Juden aus Brzesc, der seine Gunst besaß. Er selbst ließ die Hochzeit au/srichten, lud alle ihm befreundeten Fürsten ein und bestand darauf, daß auch sein Freund Samuel Juda zum Hochzeitsfest des Sohnes aus Padua eintreffe. Schon damals zeigte Saul fo reiche Kenntnisse m allen Dingen und entwickelte' eine so außerordentliche Klugheit, daß er die Gunst der vornehmen Gäste im Fluge sich eroberte. * * * Das ist im großen und ganzen die Legende von Saul Wahh wie sie in ihrer ersten Fassung dasteht und überall in Polen erzählt wird. Ihr Hauptstück ist die Königswürde Sauls, die auch estrige Varianten besitzt, jedenfalls sogar bei den ersten Erzählern ein gewisses Mißttauen erregt. Soul Wahl ist König nur einen Tag oder gar eine Nacht, dazu tovimt die stete Begründung, die erklärenden Episoden. Bei einer handelt es sich um das Einhalten des festgesetzten Wahltermins. bei änderen bringt die Uneinigkeit her Wähler dazu, daß Sank zum König von Polen proklamiert wird. Auch die kurze Ref/ierungszest Sauls wird verschieden gedeutet. In einer Variante heißt es, daß Saul a pi‘ior-i nur für eine Nacht gewählt wurde, eine andere laßt den Sabbat eintteten und Saul im Regieren stören. Alle diHe Varianten hat Edelmann heworgehoöen und nach ihm Bloch m großem Maße gewürdigt, beide wußten ab/r nichts davon, daß in de'/ polnischen Geschichte noch aine Legende von der polnischen Krone bHtzeht. die von Le lewe l fixiert wurde?) Das erste historische Herrscherhaus m Polen waren die Pi asten und deren Anfang wird in allen polnische Lesebüchern — wie bekannt — so erzählt: „Als der ungastfreundliche -Fürst zu K r u s ch w i c a , P o p i e l, von de Mausen aufgefreffen wurde, da wählten die Bürger (Pokanen) den Piast, denr schon früher diese Würde vvn zwei Himmelsbolen prophezeiht wurde." 7) Leiewel: Polska wieköw srahnch II 419. (Polen im Mittelalter). Diese Legende hat eine Variante, oder ist eine Variante einer Legende, die folgendermaßen lautet: „Als die Mäuse Popiel in seinem Turme am See aufgefressen, da traten die Aeltesten des Volkes zusammen und berieten über die Wahl eines Königs; sie konnten sich nicht einigen, denn es waren der Würdigen viele. Da sagte der Aelteste von ihnen: „Die Götter mögen uns zeigen, wen wir wählen sollen; wer morgen als der erste in die Stadt kommen wird, -er möge unser König sein." So warteten sie am nächsten Tag und erblickten als ersten den 'Juden Abraham, der in Kruswica wohnte und allgemeine Achtung genoß. Sie freuten sich und riefen ihn zum König aus. Doch Abraham schlug die. aWLvotene Krone aus. Äls er aber sah, daß die Wähler bei ihrem Beschlüsse beharrten, erbat er sich einen ~ Tag Bedenkzeit, um im Gebete Gott zu Rate ziehen zu können. Er verbot aber strenge, ihn in seiner Andacht zu stören." „Zwei Tage und zwei Nächte waren bereits verstrichen und Abraham erschien nicht. Als er auch am Morgen des dritten Tages nicht erschienen war und die Ungeduld der hÄ.renden Menge laut zu werden anfing, erhob der Landmann Piast seine Stimme und sprach: „Brüder, so darf es nicht bleiben; das Land kann ohne Haupt nicht sein, und, da Abraham nicht herauskommt, will ich ihn herausführen!" Und die Art schwingend, stürzte er auf das Haus, in welchem Abraham verschlossen war. „Polen, — sprach Abraham heraustretend — sehet ihr den Landmann Piast? ihn wählet zu euerem König; er besitzt Verstand, denn er sah ein> daß ein Land fange ohne König nicht bleiben kann. Und m'/.tig ist auch Piast, denn, um das Vaterland zu retten, wi-ersetzte er sich meinem Gebote." Und Piast wurde König?)" — So weit die Legende, die im Volt^mund-: in Großpolen (Posen) sich erhalten hat. Der Kronikar Martin Gallus (12. Jhdt.) kennt die Legende in einer ganz anderen Fassung, (ohne den Juden), somit wird ihre Entstehung aus einer späteren Zeit stammen und hat Sternberg unrecht, indem er behauptet, die Legende sei älter als Gallus. Fül die Zeit der Entstehung dieser Legende muß auch die Beschäftigung Abrahams in Erwägung gezogen werden : — Abraham ist Pulvermacher — somit kommt erst das späte Mittelalter in Betracht. Immerhin darf das Band zwischen der Legende und der von Saul Wahl nicht gerissen werden und müssen beide auf einen gemeinsamen Ursprung zurückgeführt werden. In beiden Legenden ist die Fabel sehr ähnlich: der Tod des Herrschers, Uneinigkeit der Wähler, die Wahl des Juden, die kurze Dauer der Königszeit, die.nachherige Wahl eines wirklichen Königs. Welche Legende ist älter? Die Fabel allein hat auf die Chronologie keinen Bezug. Ist die Legende von Saul Wahl auf dem Boden der Abrahamlegende entstanden, oder ist die Abrahamlegende eine Entstellung der Erzählung von Saul Wahl? Die Frage wollen wir einstweilen unerledigt lassen, denn wir müssen zuerst die wirkliche Persönlichkeit Saul Mahls kennen lernen. ' (Fortsetzung folgt.) Atrradrr. Imperator Pacia. Ein Huldigungsbuch deutscher Autoren. Gesammelt und herausgegeben von Kü rl Br a un. Verlag Arthur Cavael, Leipzig. Jahrgang 1910. Der Gedanke dieser Huldigungsgabe entquoll der mächtigen Dankesreguug, die nach der Beilegung derUerbischen Kriegsgefahr ganz Oesterreich-Uügarn. ja die ganze zivilisierte Welt unserem Kaiser *) S ternber g: Versuch einer Geschichte der Juden in Polen (Wien 1860) S. 6—8.