Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 27 (1910)
- Issue
- 28 (15.7.1910)
- Date
- 1910-07-15
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
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Nr. 28 Dr. Blochs Wochenschrift. Seite 473 zum Andenken an seine verewigte Gattin eine Stiftung von 10.000 Mark zur Verwendung für arme russische Juden. Ein anderes Vorstandsmitglied stellte dem Vereine 30.000 Mark zum weiteren Ausbau seines Schulwerkes in Jerusalem zur Verfügung. Aus den Bewilligungen des Vereines sei hervorgehoben, daß für drei, von Brandkätastrophen heimgesuchte, russische örte gemeinsam mit dem Hilfskomitee für die notleidenden osteuropäischen Juden in Frankfurt a. M. 3750 Mark angewiesen wurden. Die Ausgaben für das Hilfswerk in Rußland und die Tätigkeit auf dem Gebiete der Auswanderung betragen im ersten Halbjahr 1910 bereits über 130.000 Mark, die Ausgaben für das Schulwerk bisher über 1^0.000 Mark. Wiederbelebung der antisemitischen Partei in Galizien. Wie aus Lemberg berichtet wird/ fand dieser Tage in Rzeszow die Landesversammlung der galizisch-antisemitischen Partei statt, an dessen Spitze der berüchtigte Pater Stojalowski steht. An der Versammlung haben einige hundert Bauern teilgenommen, die in blutrünstigster Weise gegen die Juden aufgehetzt wurden. Bezeichnend für die politischen Zustände in Galizien ist die Tatsache, daß an der Versammlung auch der Führer der Lemberger Allpolen, Dr. Grabski, teilnahm. Dieser Umstand weist darauf hin, daß es sich hier um ein politisches Konkurrenzmanöver der Allpolen gegen die polnische Volkspartei handelt. Die bäuerlichen Anhänger der Volkspartei sollen durch das leider probate Mittel des Antisemitismus abwendig gemacht werden. Diese Erscheinung kann für die galizischen Juden umso folgenschwerer werden, als der Antisemitismus der galizischen Bauern, wenn diese systematisch gehetzt werden, mitunter russische Formen anzunehmen pflegt. Es wäre zu wünschen, daß die Regierung dem neuerlichen Treiben des HetzkaplaNs Stojalowski ihr Augenmerk zuwende und die galizischen Juden sich zur Abwehr der drohenden Gefahr vereinigen. Eine Em'grationskonferenz der „Jea" in Rußland. Wie aus Petersburg berichtet wird, hat der Minister des Innern der Petersburger Zentrale der „Jca" die Einberufung einer jüdischen Emigrationskonferenz nach Libau gestattet. An der Konferenz, die von Baron Günzburg präsidiert werden wird und vier Tage dauern soll, dürfen nur Vertreter des „Jca"-Emigrationskomitees in Petersburg und seine Vertrauensmänner in der Provinz teilnehmen; Vertreter der Presse sind nicht zugelassen. Alle Referate und Debatten müssen ausschließlich in russischer Sprache geführt werden. Auf der Tagesordnung steht : 1. Die Regelung der Arbeit des Rayonskomitees der „Jca" und Organisation der Rayone. 2. Versorgung der Emigranten mit Schiffskarten, 3. Hilfeleistung und Auskunft an Emigranten bei Besorgung von Auslandspässen. 4. Aerztliche Hilfe für die Emigranten. 5. Jnformationsliteratur. 6. Die Tätigkeit des Lrbauer Komitees und der Grenzkomitees überhaupt. 7. Verschiedene Fragen. Die Com ferenz hätte sich auch mit der Ausarbeitung von Direktiven an alle Vertrauensmänner in der Provinz befassen sollen; dieser Punkt wurde aber vom Minister gestrichen. Das verbotene Pogrom-Bild. Zu dem von der Münchener Kunstausstellung entfernten Pogrom-Bilde des Malers Fabianski schreibt uns ein alter Freund unseres Blattes: Wie wäre es, wenn mit Einwilligung des Künstlers von dem Bilde mehrere tausend Kopien, u. zw. in verschiedenen Ausführungen und zu verschiedenen Preisen etwa von K 5.— bis K 25 per Stück hergestellt werden würden? Ich zweifle nicht, daß 100.000 Stück abgesetzt werden könnten, wodurch die russische Barbarei auf die wirksamste Weise der ganzen Welt veranschaulicht werden könnt'. Da die russische Regierung sich schon gegen die Ausstellung dieses Bildes russischer Justizschmach so empfindlich zeigt, so würde die Vervielfältigung und Verbreitung desselben vielleicht doch nicht wirkungslos auf die russischen Machthaber bleiben. L. E. Interessante Beschlüsse der französischen Rabbiner- Versammlung. Die jüngste Jahreskonferenz der französischen Rabbiner hat folgende Beschlüsse gefaßt: „1. Minjan: In vielen kleineren Provinzgemeinden Frankreichs ist es sehr schwer, an Wochentagen und selbst an Sabbaten das vorgeschriebene Minjan für den öffentlichen Gottesdienst zu erlangen. In Paris selbst gibt es Gotteshäuser, wo das Minjan nur durch bezahlte Minjan-Männer erreicht werden kann. Um nun diesem Uebelstande abzuhelfen, hat die Rabbinerversammlung beschlossen, daß im Notfälle auch Frauen zum Minjan zugezählt werden können. 2. Trauungen während der Omer-Tage: Es ist wiederholt vorgekommen, daß jüdische Brautpaare, deren Trauung während der Omer-Tage von den Rabbinern abgelehnt wurde, von der rituellen Trauung ganz absahen und sich mit der Ziviltrauung begnügten. Die Rabbinerversammlung beschloß nun. in allen Fällen, wo das Brautpaar trotz rabbinischer Ermahnung in die Aufschiebung der Trauung bis nach dem Omer-Tage nicht einwilligen will, die Trauungszeremonie auch in diesen Tagen vorzunehmen. 3. Religiöse Funktion bei Leichenverbrennungen: In dieser nicht vollständig durchberatenen Frage wurde provisorisch den Rabbinern die Erlaubnis erteilt, an "dem Leichenzuge vor der Kremation teilzunehmen, die Gebete zu verrichten, worauf der Rabbiner sich zurückziehen müsse und an dem eigentlichen Verbrennungsakt nicht teilnehmen darf. 4. Bar-Mizwah: Es wurde beschlossen, daß in Zukunft jeder Bar-Mizwah, ehe er als vollzähliges Mitglied in die Gemeinde ausgenommen wird, eine Prüfung in hebräischer Sprache und jüdischer Geschichte, sowie über das Wesen des Judentums zu bestehen habe. Ein neuer jüdischer General in Frankreich. Aus Paris wird berichtet: Colonel O. Bloch. Kommandant des 129. Infanterie-Regiments, wurde zum General befördert und zum Brigade-Kommandanten ernannt. Außer General Bloch gibt es noch zwei aktive jüdische Generale im französischen Heere. Es sind dies General Valabregue und General Heymann. Die Expedition der Jca nach Mesopotamien. Wie erinnerlich, hat die Jca vor ungefähr einem Jahre eine Studienkommission nach Mesopotamien entsendet, um festzustellen, ob das Land sich für eine größere jüdische Kolonisation eigne. Wie nun aus Konstantinopel gemeldet wird, ist die Jca-Erpedition bereits daselbst zurückgekehrt und soll der Jca vorgeschlagen haben, vorläufig von einer Kolonisierung in Mesopotamien abzusehen. Dieser, wie es heißt von der Zentrale der Jca bereits zum Beschlüsse erhobene Vorschlag soll mit der .vor kurzem gemeldeten Affäre des Ingenieurs Willcock Zusammenhängen. Der genannte englische Ingenieur hat im Aufträge der türkischen Regierung die Bewässerungsanlagen in Mesopotamien in Stand setzen, bzw. neue errichten sollen. Die von Willcocks bisher geleisteten Arbeiten sollen sich jedoch als völlig unbrauchbar erwiesen haben. Auf Intervention des Gouverneurs von Bagdad wurde nun Willcock abberufen und die Arbeit vorläufig eingestellt. Aus diesem Grunde hat sich vorläufig eine Kolonisation in Mesopotamien als nicht empfehlenswert gezeigt. Es soll damit gewartet werden, bis die erwähnten Bewässerungsarbeiten einer verläßlichen Gesellschaft übertragen werden.