Mannheim
Compact Memory

Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1910-07-15 · 28 (15.7.1910) · page 7

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
27 (1910)
Issue
28 (15.7.1910)
Date
1910-07-15
Page
– (sequence 7)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/3020846-3021873-3021902--19425-3044407
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Kr, 28 Dr. Bl-chs Mochenschrift Seite 47t freilich keinesfalls begnügen könnte. Dieselben Gewalten, die Hilsner ins. Zuchthaus gebracht haben, halten ihn darin fest, Denn leidex war der Hilsner-Prozeß. durch die Ritualmordagitation von vornherein zu einer eminent politischen Angelegenheit geworden. Man kann ihn nicht schonungsloser charakterisieren als mit den eigenen Worten des Staatsanwaltes, der freilich damals nicht ahnte, welch bittere Wahrheit er aussprach: der Fall Hilsner ist die österreichische Dreysus-Affäre. Ebenso wie im Falle Dreyfns hat sich der Klerikalismus in der Hilsner-Sache allzu stark engagiert. Beispielsweise hatte der Bischof Brynych von , Königgrätz aus Anlaß des Falles gegen die Juden eine unglaublich aufreizende Blutrede gehalten, die noch obendrein von dem bischöflichen Organ weiter verbreitet wurde. Andere Geistliche hatten Ritualmordschriften veröffentlicht. Aber auch ohne diese positiven Zeugnisse lag das politische Interesse des Klerikalismus an dem Falle klar zutage. Der ' Klerikalismus ist aber in Oesterreich allmächtig. Gegen seinen Widerstand ist schlechterdings nichts zu erreichen, zumal wenn es sich nur um eine Frage der Gerechtigkeit handelt. Da die Berechtigung der Wiederaufnahmebewegung nun sachlich nicht iu Frage gestellt werden konnte, so befolgte der Klerikalisnius die Methode des passiven und versteckten Widerstandes. Die klerikale Presse verschwieg wie nach einem verabredeten Plan ihren Lesern alle die aufsehenerregenden Tatsachen, die aus den Akten des Prozesses bekanntgegcben wurden, und ihrem Vorbild folgte auch die den Beamtenkreisen nahestehende juristische Fachpresse Oesterreichs, die charakteristischerweise nicht einmal zu bewegen war, auch nur das Erscheinen der einschlägigen, fachwissenschastlichen Arbeiten anzuzeigeu; ein Verhallen, das, wie man wohl sagen kann, in Deutschland undenkbar wäre. Ueberhaupt darf der Leser bei der Beurteilung des Falles urcht den Maßstab deutscher Verhältnisse anlegen. Was namentlich die österreichischen Behörden iu der Hilsner- .^sünh,igt.hahen. ist in. meinem. Buche an iiner tin- 'reichenden Zähl von Beispielen dargestellt, die ich hier um ./ein, weiteres aus der Nachgeschichte des Falles vermehren will: Am 29. Jänner 1906 brachte die „Wiener Sonn-, und Montags-Zeitung" die oben von uns berührte Bemerkung drs Schwurgerichtspräsidenten in der Form, der Präsident habe dem Verteidiger tränenden Auges erklärt: „Herr Doktor, Sie sehen mich tief erschüttert, ein Unschuldiger wurde zum Tode verurteilt." Die Zeitung wurde darauf von dem Kreisgericht Pisek auf Grund des Preßgesetz-s amtlich ersucht mitzuteilen, daß der Vorsitzende diese Aeußerung nicht getan habe. Der Verteidiger, Herr Hof- und Gerichtsadvvkat Dr. Aurednicek in Wien, ließ darauf in derselben Zeitung öffentlich erklären, daß allerdings die Aeußerung in dieser Form möglicherweise nicht getan sei;, wohl aber habe sich der Vorsitzende dem Sinne nach so ausgesprochen, wie die Zeitung es berichtet habe. Diese Erklärung des Verteidigers wurde nicht dementiert, ihre Richtigkeit wäre im Prozeßfalle durch das Zeugnis des Verteidigers erwiesen worden. Das Dementi gegenüber der ersten Zeitungsnachricht ist also zwar dem Wortlaut nach zutreffend, versucht aber durch Unterdrückung des Wesentlichen in dem Leser einen Irrtum hervorzurufen. Ebenso wie der Schwurgerichtsvorsitzende nicht mehr wagt, seine bessere Einsicht vor der Oeffentlichkeit zu vertreten, gibt es sonst manchen Kundigen, der unter vier Augen die Unschuld Hilsners zugibt, aber schweigt, wenn es heißt, Farbe zu bekennen. Hilsner fitzt heute 10 Jahre im Zuchthaus, P/a Jahre hat er schon vorher in der Untersuchungshaft zugebracht, und man ist von einer Wiederaufnahme vielleicht weiter entfernt als je zuvor. Wann wird wohl dieser „österreichischen Dreyfus-Affäre" ein Zola, ein Scheurer- Kestnex erstehen, ein Mann, der Opfermut und Energie genug ..besitzt, der Gerechtigkeit eine Gasse zu bahnen? Korrespondenzen. Baurat Wilhelm Stiaßny. Der unerbittliche Tod hat abermals einen der edelsten Menschen, einen der treuesten, hingebungsvollsten Söhne unseres Stammes von uns genommen: K. k. Baurat Wilhelm Stiaßny, Mitglied des Vorstandes der Wiener israclit. Kultusgemeinde, ist am 11. d. M. in Ischl gestorben. Um den Verdiensten des Verstorbenen gerecht zu werde«, muß man ebenso sehr sein Wirken in der Kultusgemeinde, wie seine Hingebung an humanitäre und sozialpolitische Aufgaben, seine politische Treue und seine fachmännische Arbeit ins Auge fasten. Der vieljährige aufopferungsvolle Dienst in der Kultusgemeinde kommt aber nicht bloß wegen der auf den schwierigsten Gebieten der Verwaltung betätigten Fürsorge in Betracht, sondern ebenso sehr wegen des von edelsten Gesinnungen getragenen echt jüdischen Geistes, der sich darin manifestiert, wegen der mutigen und selbst vor persönlichen Opfern nicht zurückschreckenden Stammes- und Religionszugehörigkeit, die er im öffentlichen wie im privaten Leben stets bekannt hat. In den Dienst der Gemeinde hat er aber nicht bloß seine Gesinnung, sondern auch sein fachmännisches Wissen gestellt und die hervorragendsten Bauwerke der Gemeinde auf humanitärem Gebiete, das Rothschild-Spital, das Blindeninstitut u. a. haben ihn zum Erbauer. Aus seiner Liebe zum Volke, aus dem er hervorgegangen, stammte auch seine auf humanitärem Gebiete entwickelte Arbeit^ freudigkeit. Hier sind es insbesondere zwei Institutionen, die ihn zum Schöpfer haben und an denen er sich unermüdlich beteiligte; es find dies der „Verein zur Unterstützung israelitischer Handwerker und Gewerbetreibender" und der „Verein für unentgeltliche Arbeitsvermittlung". Obwohl dies zwei getrennte Organisationen sind, so hängen fie doch nicht bloß ideell zusammen, sondern es ist der eine Verein aus dem andern hervorgegangen, er hat dort seine erste Anregung empfangen, wenn auch die Durchführung erst durch die Mitwirkung eines anderen Humanitätsvereincs zustande kam. Die beiden Vereine ergänzen auch einander materiell und Baurat Stiaßny war seit Entstehen derselben ein wertvolles Bindeglied zwischen beiden Vereinen. Wie er für seine Glaubensgenoffen auf dem Gebiete der Arbeit fördernd einzugreifen und dem Solidaritätsgedanken Ausdruck zu geben bemüht war, so hat er auch auf geistigem Gebiete einen Sammelpunkt geschaffen, und zwar in dem Museum für historische und architektonische Denkmäler der Juden. Wir haben es an dieser Stelle wiederholt betont, daß wir dieser Schöpfung S t i a ß n y s eine weit über den Kunstwert und die historische Bedeutung der gesammelten Objekte hinausreichende Bedeutung beinussen. Sie ist eines der schönsten Monumente jüdischer Arbeit auf allen Gebieten des Wissens, der Kunst, des Gewerbes; fie ist zugleich eine der glänzendsten, unwiderleglichsten Beweise für die Bodenständigkeit der Juden und ihrer steten Mitarbeit in allen Zweigen ideeller und beruflicher Tätigkeit. Sein jüdisches Bewußtsein hat S t i a ß n y auch im politischen Leben betätigt, und es soll allen Juden unvergessen bleiben, mit welcher Energie er, von edelstem und gerechtestem Zorn hingerissen, in den kräftigsten Worten eine den Juden angetane Beleidigung geißelte, ebenso auch wie er in politischen Vereinen und öffentlichen Diskussionen stets der Wortführer freiheitlicher Gesinnungen war, für Gerechtigkeit mit aller Wärme eintrat und die Toleranz, die er für seine Glaubensgenossen begehrte, auch jedem Anderen gegenüber bewährte. Seine großen Fähigkeiten konnte er bei den größten Wiener Bauten der ältere« Periode: Wasserleitung. Donauregulierung, Verkehrsanlagen betätigen, und in jenen Tagen, in denen der Mann galt, der etwas wußte und die Konfession nicht qualifiziernd oder disqualifizierend in die Wagschale gelegt wurde, da war Stiaßny's Wort im Rate der Gemeinde und anderwärts hochgeachtet. Nachstehend bringen wir einige biographische Notizen über Baurat Stiaßny, die zugleich ein kurzes Bild von seinem vielseitigen Wirken und seiner erfolgreichen Tätigkeit bieten: Geboren am 15. Oktober 1842, absolvierte er die Wiener technische Hochschule im Jahre 1861 und besuchte sodann durch iJ i

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.