Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 27 (1910)
- Issue
- 28 (15.7.1910)
- Date
- 1910-07-15
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/3020846-3021873-3021902--19421-3044403- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Nr. 28 Dr. Blocks Wochenschrift. Sette 467 trinken, keine Schulden machen, keine Frauen verführen und keine- Untergebenen mißhandeln u. dgl. Wahre- Musteroffiziere waren dagegen der Oberst und der Major, welche der Frau von Schönebeck so nahestanden. Der eine besah ihre Hand und den Trauring, der andere ihr Herz und wahrscheinlich noch einen anderen Teil ihres Körpers. Welche Autorität, welches Ansehen muh der Oberst, der mit solcher Lammsgeduld den Seitensprüngen seiner Frau zusah, und welche Begriffe von Disziplin muh dieser Major gehabt haben,. der seinen Vorgesetzten in tiefer Nacht aufweckt, um mit der Pistole hl der Hand die Abtretung der Frau zu verlangen! Und da der Oberst sich nicht gleich bereit findet diese Perle von einem Weibe abzutreten, schieht er den Schlaftrunkenen einfach nieder. Ein Duell wäre zwar anständiger und standesgemäßer gewesen, aber es ist immer mit einiger Gefahr verbunden. Am Ende war der Major gar ein feiger Jude. Aber Kameraden, aus diesem Volke duldet ja der preuhische Offizier nichts. „Nur ein guter Christ kann ein guter Soldat sein", und was für guter Christ muh erst der Mörder gewesen sein, der es bis zum Major brachte! Und die untröstliche Witwe hat bald einen Mann gefunden, denn sie soll sehr reich sein. Ob dieser Mann preuhischer Offizier ist, weih ich nicht, aber er ist jedenfalls kein Jude! In Oesterreich können Juden schon seit langem Offiziere werden, und man hat nicht gehört, daß unsere Armee dadurch an Tüchtigkeit, Disziplin oder Tapferkeit verloren hätte. Erst dem lieben „Vaterland" war es Vorbehalten, die Entdeckung zu machen, dah die Juden unsere Niederlagen im Jahre 1866 verschuldet haben. Welch ein Stümper erscheint Columbus neben solchem vatzerländischen Entdeck er! In zwei „Reminiscenzen aus dem Jahre 1866, Lehren für die Zukunft" betitelten Feuilletons will „Das Vaterland" die Ursachen unserer Niederlagen in jenem Jahre erklären. Und damit man gleich beim Beginn der Lektüre die Tendenz der Aufsätze merken soll, reguliert sie uns gleich in den ersten paar Zeilen mit der „perfiden, gedankenlos nachgeplapperten Phrase der „Judenliberalen". Und das ist gescheit: denn wer würde sonst die zwei langen Feuilletons zu Ende lesen? Auf jüdische Leser scheint das feudal-klerikale Blatt jedenfalls nicht gerechnet zu haben, denn sonst wäre es wohl in seinen Angaben und Behauptungen etwas vorsichtiger gewesen. Dah es nicht der preuhische Schulmeister gewesen ist, welcher die österreichische Armee i. I. 1866 besiegte, wie der „der Böswilligkeit entsprungene, noch jetzt in judenliberalen Blättern und Schriften vorgeführte Unsinn" verkündet, wollen wir dem klerikalen Blatte zugeben; denn nach unserer Ansicht wird eine Schlacht nicht vom Sieger gewonnen, sondern vom Besiegten verloren. Die Fehler des besiegten Feldherrn tragen mehr zu seiner Niederlage bei, als die Vorzüge des Siegers. Darauf kann jedoch hier nicht weiter eingegangen werden. Es gibt Leute, welche glauben, daß eine Lüge.zur Wahrheit wird, wenn man sie wiederholt ausspricht. Diesen Glauben scheint auch das fromme „Vaterland" zu teilen, denn nicht weniger als zehnmal wird in den erwähnten Feuilletons die Beschuldigung der Judenliberalen wiederholt. Was eigentlich judenliberal indem Jargon der antisemitischen und klerikalen Zeitungen bedeutet, ist mir nicht recht klar. Gewiß, wenn ein Jude liberal ist, — es gibt auch konservative und reaktionäre Juden — kann man ihn einen liberalen Juden nennen, aber warum nennt das Blatt den Doktor Giskra den Führer der „unpatriotischen und selbstsüchtigen judenliberalen Partei?" Daß er Minister gewesen war, verschweigt es, denn das allein würde als Beweis genügen, daß er kein Jude war. Und waren etwa die hochgeborenen klerikalen Generale, welche bei Magenta, Solferino, Königgrätz usw. geschlagen wurden, Juden? Waren die Kriegsminister und Armeeorganisatoren, welche 1859 von den Wirkungen der französischen gezogenen Kanonen überrascht wurden, waren die Generale, welche 1864 im Kriege gegen Dänemark die Wirkung der preuhischen Zündnadelgewehre kennen lernten, aber sie in der österreichischen Armee nicht einführen wollten, etwa Juden oder Judenliberale? Waren die hochweisen klerikalen Diplomaten, die Minister des Aeuhern und Gesandten im Auslande, welche 1859 nicht wußten, dah Frankreich den König von Sardinien unterstützen werde, welche damals hochmütig die freilich nicht umsonst angebotene preuhische Hilfe ablehnten, etwa Juden? Und dieselbe hochadelig-klerikale Clique, in deren Sold und Dienst das „Vaterland" steht, hat uns 1866 mit ihrer Blindheit und Bigotterie in den Doppelkrieg mit Preußen und Italien hineingeführt. Muhte sie nicht, dah Oesterreich diesen Doppelkrieg nicht mit Erfolg führen könne, so waren sie Dummköpfe, wühlen sie es, dann waren sie Hochverräter, die aus Partei¬ oder konfessionellen Interessen das Wohl des Staates aufs Spiel setzten. Juden, Judengenossen oder „Iudenliberale" waren diese Leute jedenfalls nicht. Auf solche Einwendungen muhte wohl das „Vaterland" gefaßt sein, denn es kommt ihnen mit einer echt .jesuitischen Ausflucht entgegen: „Der König Wilhelm I. von Preußen hat vor 1866 die nötige Reorganisation der Armee durchgeführt, „trotz des heftigsten Widerstandes der weitaus überwiegenden liberalen Majorität des preuhischen Abgeordnetenhauses, in welcher dünkelhafte Professoren, — darunter Virchow, Mommsen, Sybel (!), eitle Advokaten, jüdische Geldmänner und verjudete Demokraten das groheWort führten, aber für die wichtigsten Bedürfnisse des Staates und der Armee keinen Sinn hatten." Ich konstatiere, dah das fromme „Vaterland" den Bruderkrieg gegen Oesterreich als das „wichtigste Bedürfnis" des (ketzerischen) Staates Preuhen anerkennt, muh es .aber bitten, mir zu sagen, ob damals mehr als ein Vierteldutzend Juden im preuhischen Abgeordnetenhaus^ sahen. Und unter diesen der reine redliche Patriot Eduard Lasker. In Oesterreich aber, sagt das klerikale Blatt, hat man bei den Ausgaben für die Armee geknickert, „der judenliberalen Partei waren diese Reduktionen (des Kriegsministers Grafen Degenfeld) noch lange nicht genug und wurden von derselben am Heeresbudget systematisch immer größere Streichungen vorgenommen, infolgedessen in der Armee weitere Reduktionen stattfanden". ' Und fährt dann fort: „es kann hier nicht detailliert ausgeführt werden, in welcher Weise .... überhaupt gegen die Armee sich die judenliberale Partei und ihre Blätter seit 1864 benommen haben. Ich möchte auch hier das „Vaterland" fragen, wieviel Juden damals im österreichischen Reichstage sahen, aber ich erinnere mich eben, dah es damals gar keinen Reichstag gab. : Die Verfassung war ja im Jahre 1865 sistiert worden, und uneingeschränkt und ungehindert konnten die Esterhazy, Belcredi, Mennsdorf mit der ganzen feudal-klerikalen Clique über die Mittel des Staates, bis nach der Katastrophe von Königgrätz, verfügen. Warum haben sie damals nichts für die Armee getan? nicht wenigstens um die Reorganisation durchzuführen, den Krieg mit Preuhen um ein oder zwei Jahre verschoben? Aber sie verstanden es eben nicht besser, kannten weder die Schwäche Oesterreichs, noch die Stärke Preußens: wie der französischen Kaiserin, der Spanierin Eugenie, lagen ihnen mehr die klerikalen Interessen als die des Staa-