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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1910-07-15 · 28 (15.7.1910) · page 2

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
27 (1910)
Issue
28 (15.7.1910)
Date
1910-07-15
Page
– (sequence 2)
Language
German
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Nr. :s Seue 466 Dt. Blochs Wochenschrift. gung mit einem tönenden Manifest an die Wähler. Wenn aber der See noch ein Opfer haben will, — dann gut, dann wird er eben noch eins bekommen, man wird vor den Augen des Volkes noch einen Sündenbock heraussuchen, besten Namen ja schon allgemein bekannt ist, die großen Sünder hoffen noch immer, sich selbst, ihr System und ihr Regiment zu retten, wenn das nicht die freisinnigen Beisitzer durch Aufbietung ihrer ganzen Kraft verhindern. Warum sollen sie sich aber anstrengen? So große und so schwerwiegende Angelegenheiten wie die Hrabaaffäre können unmöglich durch eine noch so scharf geführte Untersuchung von Privatleuten erledigt werden. Daher gehört der ganze, oft überflüssig in Bewegung gesetzte Gerichts- und Juristenapparat mit seinem gesetzlichen Zwang auf Zeugen, mit der Drohung der Meineidsstrafen, mit seiner Schulung für große Verhandlungen? Wie konnte man diesem bisher überhaupt ausweichen? Wenn ein Stubenmädchen ein Staubtuch zum Fenster hinaus ausschüttelt, ist ein Wachmann und ein Strafmandat sofort zur Stelle. Nun spricht ein Mann von unrechtmäßiger Verwendung öffentlicher Gelder, und keine Behörde rührt einen Finger, obwohl sowohl die Polizei als auch die Staatsanwaltschaft Lesebüros haben. Diese Sicherheitsbehörden sollten doch einmal einen Erlaß darüber herausgeben, wann eigentlich das. öffentliche Interesse beginnt. Vielleicht erst dann, wenn der Abgeordnete Schneider, der natürlich doch noch Ehrenbürger geworden ist. Besuche bei Ruber macht, w:nn das „Deutsche Volksblatt" die Blutleere der Hruza konstatiert haben will und die'Verhaftung des unschuldigen Hilsner verlangt, wenn es heißt, die jüdischen Hausierer brotlos zu machen und überhaupt nur dann, wenn es gilt, die jüdische Korruption, die jüdischen Verbrechen zu bekämpfen. Die ' Hrabäaffäre verschläft der Staatsanwalt und überläßt es einer Majorität von Christlich-Sozialen, privat darüber zu urteilen, ob von Christlich-Sozialen Steuergelder unterschlagen wordcn sind und woher soviele christlichsoziale Vermögen stammen. Die arische Tugend und die Urrtrumduuge« des „Uaterlaud". In neuester Zeit haben die Prozesse von vier des Mordes oder der Anstiftung zum Morde angeklagten Frauen großes Aufsehen und allgemeines Interesse erregt. Dazu hat nun vor kurzem ein hiesiges vielgelesenes Blatt die Bemerkung gemacht, daß „in einer Naturgeschichte der gefährlichen Frauen der nationalen Abstammung gar keine Bedeutung zukommt", denn von den vier angeklagten Frauen ist eine Polin, die zweite eine Italienerin, die dritte eine Russin und die vierte eine aus Oesterreich stammende Deutsche. Das ist ganz richtig. Die vier arischen Nationalitäten können da einander nichts vorwerfen. Sie haben alle ihre „blonden Bestien". Hätte auch nur eine Jüdin ihren Gatten oder Liebhaber getötet, wie schnell hätten da die antisemitischen Hunde nach diesem Bissen geschnappt: in langen, schlecht stilisierten, aber mit Lügen vollgepfropften Leitartikeln hätten ihre Blätter nachgewiesen, daß Gattenmord zu den gewöhnlichen Beschäftigungen der „Judenweiber" gehört, wie das Abschlachten von Christenkindern zu den der „bärtigen Juden". Von großen jüdischen Verbrecherinnen aus neuester Zeit ist wir nur die Greislerin aus Krakau bekannt, die eine Zeitung mit einem Heiligenbilde als Makulatur verwendete. Sie ist dafür. Dank der Milde des polnischen Richters: nur zum Gefängnis, Nicht Zum Tode verurteilt worden: wie es wohl vor einigen Jahrhunderten geschehen wäre. Sollen wir nun den Spieß umkehten und, die Einzelfälle verallgemeinernd, die ganze arische Rasse für die Taten vier verworfener oder verrückter Weiber verantwortlich machen? Nein, das können wir schon aus dem Grunde nicht, weil wir die ganze in dem. Gehirn eines verdrehten sogenannten Gelehrten ausgebildete Rassentheorie eben als ein Hirngespinst betrachten, freilich, ein Hirngespinst, das von unjkrupulösen Leuten als Vorwand benutzt wurde und zum Teil noch benutzt wird, um die Juden zu verfolgen und zu bedrücken, die Ureinwohner Amerikas und Australiens auszurotten, Neger zu Sklaven zu machen und endlich, die gesetzlich Freigelassenen als Bürger zweiter Klasse zu behandeln, in jeder Weise zurückzusetzen und zu verletzen. Hat doch neuestens der Sieg eines Negers in einem Preiswettkampfe im freien Amerika zu Pogroms und Todschlag, von Negern geführt. Nebenbei bemerkt, möchte ich den Juden, welche eifrig Sport treiben, raten, sich ihrer Erfolge nicht zu rühmen, ja sich in Preiskämpfen gelegentlich besiegen zu lassen, um nicht durch solche „Provokation und jüdische Frechheit" den Neid und Hatz unserer antisemitischen Mitbürger zu erregen. Ich sage Mitbürger, obwohl ein Jude jetzt kaum Bürger von Wien werden kann, selbst wenn er die doppelte Taxe bezahlen möchte. Welcher wohlhabende Antisemit neulich taxfrei Bürger wurde, wissen ja die Leser. Und er könnte am Ende die ersparte Tate zu Judenschußgeld-Prämien verwenden, wenn er nicht glücklicherweise das Geld mehr lieben, als die Juden hassen würde. „In der Rasse liegt die Schweinerei", hat ein deutschnationaler Antisemit gesägt: die Klerikalen aber finden sie in der jüdischen Religion und nehmen mit offenen Armen jeden jüdischen Apostaten auf, verleihen ihm trotz länger Nase und Plattfuß Aemtsr- und Würden." Die> Taufe ersetzt ja in manchen Fällen Wissen und Befähigung. Betrachten wir nun die erwähnten vier Musterweiber, mit Rücksicht auf ihren Glauben, so finden wir, daß sie drei verschiedenen christlichen Konfessionen angehören: Frau Tarnowska, die Russin, gehört derselben Konfession an wie Stolypin, seine Tschinowniks und sonstigen Helfershelfer, und wie der edle Rumäne Orleanu *); Frau v. Schönebeck ist Lutheranerin, wie die verstorbenen Kirchenlichter Hofprediger Stöcker und Ahlwärdt, „der Rektor aller Deutschen": die Borowska und die Murri sind Konfessionsgenossinnen von Pater Scheicher und Redakteur Stojalowski. Da kann keine Konfession der anderen vorwerfen, daß nur sie solche Früchte hervorbringe. Die orthodoxe russische Konfession hat aber auch zwei würdige Männer, Naumow und Prilukow, die vielleicht noch einmal Minister oder Gouverneure werden dürften, zu der Verbrechergesellschaft geliefert. Und die deutsche Armee, in der kein Jude Offizier werden kann, diese Musterschule, „aller Tugend und edlen Sitte", hat zwei höhere Offziere, einen Obristen und einen Major, zu dieser Gesellschaft geliefert. „Nur ein guter Christ kann ein guter Soldat sein", soll Kaiser Wilhelm bei der Eidesleistung von Rekruten gesagt haben. Wie es sich mit dem Christentum dieser Musteroffiziere verhielt, weiß ich nicht. Aber ein deutscher Kriegsminister hat auch gesagt, daß Juden nicht zu Offizieren ernannt werden können, weil sie sich kein Ansehen zu geben wissen, keine Autorität, kein gutes Benehmen und anderes nicht haben: was jeder christliche Leutnant besitzt. Er hätte auch hinzufügen könnendaß' sie Nicht viel „Sekt" verbrauchen, sich-gar zu selten be- .;*) Für die bedauernswerten Leser, welche diesen groben Staats?, mann , nicht, kennen, .bemerke ich,daß dieser ärgste der A'ntißmbeii Rumäniens dort „Jndustrieminister" (beinahe 'Latte.'ich beschrieben Ritter) ist. •' ' '; 1

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