Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 27 (1910)
- Issue
- 26 (1.7.1910)
- Date
- 1910-07-01
- Page
- – (sequence 14)
- Language
- German
- Belongs to
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-Seite 44ß Dr. Blochs Wochenschrift. M. 26 rung, freiwillig aus .dem Klub auszutreten, zwar tief verletzt, -doch achselzuckend überhören zu wollen scheint, schlägt er ihm mit bem Stocke den Hut vom Kopfe, mit dem festen Vorsatze, in dem nun unausbleiblichen Duell den Insultierten zu töten. Datz dieses Vorgehen als die ehrenvollste Art, seiner Ueberzeugung Ausdruck zu verleihen, von den Klubgcnossen bejubelt wird, ist zwar nicht schön — aber es ist nicht Bernsteins Schuld, datz dies so lebenswahr ist. Zwischen dieser Attacke und dem Duell aber liegt ein Tag, ein böser Tag für die Fürstin. Gutlieb ist kein Parvenü von gestern, die Fürstin kennt ihn seit den ersten Jahren ihrer unglücklichen Ehe, und in der Zeit, da sic die gerichtliche Scheidung erzwang, war es Gutlieb, der ihr freundschaftlich und tröstend zur Seite stand. Oder war es nicht bloß Freundschaft gewesen, was die beiden verbunden hatte? Warum doch hatte die Fürstin nach der Geburt ihres Sohnes Thibault, die gleichzeitig mit ihrer Scheidung zusammenfiel, den Verkehr mit Justin abgebrochen, sich den Jesuiten in die Arme geworfen, und ein Bützerleben begonnen, aus dem jeder weiter ausgreifende gesellschaftliche Verkehr streng ausgeschlossen War. Warum doch lätzt sie ihn an diesem bösen Tage, da Gutliebs und des jungen Prinzen Zeugen über die Bedingungen des Zweikampfes unterhandeln, durch ihren Beichtiger zu sich bitten und führt ein Wiedersehen herbei, das sie seit mehr als 20 Jahren zu verhüten gemuht hatte? Warum doch fleht sie.Gutlieb an, zu verhindern, dah ihr Sohn Blutschuld auf sich lade, oder ihr -entrissen werde ünd bittet ihn, vom Duell zurückzutreten?. Wir würden den Zusammenhang erraten, auch wenn er nicht im übersprudelnden Gefühle der einst sich Liebenden von selbst sich verriete, und auch Thibault, der „dieses Individuum" im Salon seiner Mutter trifft, errät zu seinem Entsetzen, am Schlüsse einer meisterhaft gesteigerten, gn psychologischer Wahrheit unübertrefflichen Szene, das Geheimnis seiner Herkunft. Der dritte Akt bringt nun die unvermeidliche Aussprache tzwischen Vater und Sohn. Keine Rührseligkeit, keine Umarmungen, keine Tränen. Konventionell erklärt der Prinz, dah er für seinen Teil vom Duell zurücktrete, dem Beleidigten sein Bedauern wegen seines Vorgehens ausspreche und auch bereit sei, eine Ehrenerklärung für Gutlieb zu veröffentlichen. In Gutlieb aber kann der Vater sich nicht ganz verleugnen. „Ich verbiete es dir", ruft er aus, da der Prinz mit müder Stimme seine Geneigtheit erklärt, das Ordenskleid zu nehmen. „Du würdest schon in einem Jahre kein Mönch mehr, sondern ein der Kutte Entlaufener fein. Du bist für Tätigkeit, für das Leben, du bist ein Führer, du suchst an die Spitze zu kommen, weil du ein Jude bist. Werde was du Willst, es wird ein Großes sein. Wir haben der Menschheit stets Apostel geliefert, selbst jene gegen uns!" Wäre Bernstein nicht der Meister, der er in Seelenkenntnis und deskriptiver Treue ist, so liehe er vielleicht in Thibault den Juden erwachen, und irgend ein rührender Schkuheffekt würde sentimentale Gemüter befriedigen. Doch, wenn man. durch zwanzig Jahre den Namen Prinz von Croney und Clary getragen hat und von Jesuiten erzogen worden ist, hat man seine Gefühle beherrschen gelernt. „Ich glaube es gerne", sagt der Prinz kühl, „dah Sie an meinem Geschicke aufrichtigen Anteil -nehmen: Sie sind ein erfahrener Mann, warten Sie bloh drei Minuten, dann werden Sie mir Ihren Rat erteilen". Damit verläht er das Gemach, ein Schuh ertönt,, und die herbeieilende Fürstin kniet mit Justin und dem Beichtiger an der Leiche ihres Sohnes. RE. Regimentsarzt Derblich s. A. Geehrte Redaktion! Vielleicht erachten Sie die nachstehenden Zeilen für wert, in Ihrer geschätzten „Wochenschrift" abgedruckt zu werden. Ich möchte nur ein kleines „Schulbeispiel" dafür bieten, wie zuweilen irrige historische Notizen vyn Hand zu Hand gehen. 2n dem Hecht-Kayserlingschen „Lehrbuch der jüdischen Geschichte und Literatur", neu bearbeitet von Dr. M. D o c t o r und Prof. Dr. A. B i a ch, stietz ich jüngst auf die Anmerkung auf S. 219, welche die Notiz enthält, dah:im Jahre 1859, im italienischen Feldzuge, viele Juden wacker mitgekämpft haben. Als Beweis hiefür wird das Zeugnis des christlichen Regimentsarztes Derblich angeführt, welches er ihrem Mute ausstellte. Biach beruft sich l. c. auf M. Philipp so ns „Neueste Geschichte des jüdischen Volkes", Vd. I, S. 377, wo ebenfalls (ohne weitere Quellenangabe) der christliche Regimentsarzt Derblich als Kronzeuge für die militärische Tüchtigkeit der Juden auftritt. Philippsons „Neueste Geschichte" besitzt auch sonst nicht den Wert einer Quellenschrift oder eines Werkes, auf welches man sich ohne genaue Nachprüfung des historischen Materials sicher verlassen könnte. Schon 1907, als Philippsons Buch erschien, geriet ich von ungefähr auf die oberwähnte Stelle und wunderte mich nicht wenig über den „christlichen" Regimentsarzt Derblich, denn ich kannte ihn aus meinen Prager Universitätsjahren her als guten Juden. Er lebte als Oberstabsarzt i. R. in Prag, verkehrte in der jüdischen Gesellschaft und erzählte gerne auch vom italienischen Feldzuge, seiner nicht Goetheschen italienischen Reise. Seine Frau war im liberalen Sinne des Wortes sogar eine fromme Jüdin, eine Kusine des verblichenen k. Rates Falkowitsch s. A. Seit Jahren ruhen Dr. Derblich und Frau auf dem Prager jüdischen Friedhof. Zwei Söhne leben in angesehenen Stellungen in Prag und bekennen sichauch abgesehen von der Kultussteuer, zum Judentum. Ein Enkel des verstorbenen Dr. D e r b l i ch, bei dessen Einführung in den „Bund Abrahams" wir zugegen waren, besucht jetzt das Gymnasium. Wie wird der liebe Junge sich wundern, wenn er .in der Oktava im Biachschen Lehrbuch seinen seligen Grohvater als „christlichen Regimentsarzt" zitiert lesen wird. Ich gehöre nicht zu denen, die, statt nach den goldenen Schätzen der historischen Wissenschaft zu graben, froh sind, wenn sie Regenwürmer finden, oder die über historischem Notizenkram sich nicht zu dem Ganzen eines Buches erheben können, aber ich meine, datz gerade ein „Lehrbuch" gut gesiebt und. siebenfach geläutert sein mutz. Indem ich für die Veröffentlichung obiger Zeilen bestens danke, verbleibe ich der geehrten Redaktion ergebener Prag-Karolinental. Dr. I. Hirsch.' {itaratm*. A F. Afauaßjew, Russ ische Volksmärchen. N. F. deutsch von A. Meyer, Wien 1910. Verlag von Dr. Nud. L u d w i g. Wien, IV., Weyringergasse 37. Angesichts dieser Erzeugnisse der ruffischen Volksseele muß man wieder über die Einheitlichkeit der Motive staunen, . die sich durch die Märchenbichtung aller Völker ziehen und auch in den Erzählungen der jüdischen Maasebücher wiederklingen. Die Uebersetzung ist - als meisterhaft zu bezeichnen. . ' R. August Bebel, Aus meinem. Seien. Illustriert. Stuttgart 1910. I. H. W. D ietz Nachf. Geb. M. 2 —. Eine düstere Kindheit, harte Jugend, Kämpfe und Anfeindungen, abet treue Freunde. und der Glaube an den Wert und den endlichen Sieg der erfochtenen Sache, so zieht inbuntem Wechsel eines der anziehkndsten Menschenschicksale des neuen Deutschland an unserem Auge vorüber. Bebel-, der als Kind im soldatischen Drill sein Lebenselement fühlte, später Mitglied eines katholischen Gesellender-, eines, Gegner Lassalles, er schildert uns diesen Werdegang mit einer