Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 27 (1910)
- Issue
- 26 (1.7.1910)
- Date
- 1910-07-01
- Page
- – (sequence 13)
- Language
- German
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Seite 44h Nr. 26 Dr. Bkochs WocheMrift. Mützenmacher, Dawid der Fleischer und mit ihnen Fuhrleute und Unechte, die im Dienste bei den Juden standen. Herr Sliwnicki stand sprachlos da, die Verteidigung war unmöglich, denn er hatte im Hause nur zwei Diener; die übrigen sind in die Kirche gegangen. Demütig zahlte er dem Isaak alle rückständigen Steuern und war zufrieden, daß er so davongekommen war. Die Juden nahmen das Geld in Empfang, verließen das Haus und trabten eilig davon: bald verschwanden sie auf der Landstraße in einer Staubwolke. Kaum sind die Juden fort, als in dem Herrn Sliwnicki die Rachsucht erwachte. Wutentbrannt liefe er sofort die große Alarmglocke im Dorfe schlagen und alle Pferde aus dem Stall Mhren. An der Spitze einer großen Reiterschaar jagte er die Landstraße entlang den Juden nach. Am Scheidewege, unweit vom Wirtshaus, saß auf dem Meilenstein ein armer Jude, ein Lemberger Krämer aus der Krakauer Vorstadt. Er ging zu Fuß auf den Jahrmarkt nach Zloczow und ruhte hier nach dem ermüdenden Marsche aus: neben ihm lag auf der Erde die Ware, die er um geborgtes Geld für den Markt ankaufte. Mosche — so hieß der Jude — erblickte schon von der Ferne den Herrn Sliwnicki mit dem Gefolge, zog demütig die Mütze und verbeugte sich bis zur Erde. Herr Sliwnicki kannte den Mosche, er hatte bei ihm oftmals kleinere Einkäufe besorgt, der Jude brachte auch in den Hof Talglichter. Heute wollte Herr Sliwnicki den Mosche nicht kennen, heute war Mosche ein Repräsentant der Juden, die den Adeligen so gedemütigt haben, er war aller Strafen schuldig, die einem gebühren für den „despectus nobilitatis", er mußte für alle büßen. „Leg' dich hin!" schrie mit aufgeregter Stimme Herr Sliwnicki den Juden an. Mosche zuckte-zusammen, denn er ahnte das Unglück und stand bewegungslos da. „Legt den Hund nieder!" wiederholte Sliwnicki mit gereizter Stimme, und im Ru ergriffen ihn die Haiduken und schon lag er in Todesangst auf dem Meilenstein. „25 Nahajkas!" kommandierte der Herr auf CzyLykow und der Leibhajduk sprang von feinem Pferd und begann unbarmherzig den Juden zu schlagen. Herr Sliwnicki saß stolz auf dem Pferde und zählte pünktlich die Schläge, denen das Jammer- und Schmerzensgeschrei des Juden folgte. Das tat dem Herrn Sliwnicki wohl, denn es kühlte seinen Rachedurst und gab ihm die Satisfaktion für die Beleidigung und den „d espectus", den er erlitten. Halbtot nahm man Mosche vom Meilenstein herunter und setzte ihn auf ein Pferd. Damit war der Kriegszug zu Ende, Mosche wurde in Ketten gelegt und in einen dunklen Keller geworfen: dort sollte er so lange bleiben, bis ihn die Lemberger Judengemeinde loskaufen wird. Die armselige Ware teilte unter sich die Dienerschaft als Entschädigung für den verlorenen Sonntag. Drei Wochen später erschien im Lemberger „Grodgericht" persönlich der edle Wencislaus Ritter von Sliwnicki, Herr auf EzyLykow.und Umgebung, und überreichte eine Klage auf die ungläubigen Juden von Lemberg wegen Ueberfall, Verletzung der persönlichen Sicherheit und Beleidigung eines „adeligen Menschen". — Gleichzeitig Mhrte die ungläubige Jüdin Sara mit Tränen i.n den Augen Klage gegen den Herrn auf Ezy^ykow, er hätte ihren Mann Mosche — Vater von sechs kleinen Kindern — geschlagen, in Ketten im Keller gehalten und elend vor Hunger und Durst zu Tode gemartert. Also geschah es am 3. September im Jahre des Heils 1603. Lemberger Grodakten Bd. 356, Seite 1162 bis 1164. •" > Israel. Ein Stück in 3 Akten von Henry Bernstein. In der Arena in Baden, dem reizvollen Freilufttheater, fand dieser Tage die Premiere des Bernsteinschen Stückes „Israel" statt, — wohl ein Versuch des strebsamen Direktors, neben der bloß unterhaltenden Operette und dem erheiternden Lustspiel auch das ernstere Genre der Problem- oder Tendenzstücke zu pflegen, und zugleich eine Konzession an das Gros des Badener Kurpublikums. Henry Bernstein, der feine Kenner und Schilderet des französischen High-life. hat in „Israel" das gebracht, was wir von seiner russisch-jüdischen Abstammung, seinem glänzenden Talente und seiner kühn reflektierenden Eigenart immer erwartet haben — er bringt den Juden zum Sprechen, es spricht einmal er selbst. Fast dürfen wir sagen, daß alles, was bisher von ihm bekannt geworden ist, seine Stücke aus dem Milieu der exklusivsten Pariser Gesellschaft, „Der Dieb", „Der Fächer", ja selbst das den Juden keineswegs feiernde Milieustück „Simson", nur die Vorbereitung war für die wenigen Worte, welche der Dichter Justin Gutlieb .im 3. Akte von „Israel" zu seinen Gunsten sprechen läßt. Mußte doch Bernstein erst den Beweis erbringen, daß selbst .die kompliziertesten Individualitäten einer durch Generationen hyperkultwierten Gesellschaft seinem scharf umreißenden Stichel stand halten mußten; wollte er doch zuvor seine Befähigung demonstrieren, das Innenleben dieser, durch Konvention scheinbar nivellierten Klassen durch einen wohlgezielten Eingriff bloß zu legen: hatte er doch vor allem die Ueberzeugung zu verbreiten, daß er ein Wahrheitsucher und ein Wahrheitsager sei. — ehe er daran denken durfte, daß man ihm. wenn er von den Juden Wahres sagen würde, Glauben schenken werde. „Israel" ist stark, ist zäh, ist unverwüstlich, wenn es auch von seinen Zeitgenossen immer wieder verfolgt, entehrt, gedemütigt, einem Schatten gleich an die Wand gedrückt erscheint, sei diese Wand das tränenbenetzte Gemäuer der Klagewand zu Jerusalem, seien es die fühllosen Steinzeilen fremder, auf der Flucht durchwanderter Städte, oder sei es. die fein abgestimmte Tapete des Pariser Klubs der französischen Hocharistokratie. Aber dieser Schatten lebt, und wenn es ihm nur ein wenig gegönnt ist, sich auszubreiten, so erstarkt er mächtig, wächst, über sich selbst hinaus und behauptet seinen Platz an der Sonne; ihn ganz auszulöschen vermögen seine Widersacher nie und nimmer. Gelingt es aber einem von Israels Feinden, ihm empfindlich wehe zu tun, tritt einer auf. ein Apostel des Hasses, einer, der die träge Menge hinzureißen und deren stumpfe Lieblosigkeit in aufschäumenden Groll zu verwandeln vermag, so ist es in letzter Linie ein Reis vom eigenen Stamme, ein Sprößling seiner eigenen Lenden, ein Abkömmling von Israel. Die näselnden Lebemänner des aristokratischen Pariser Klubs sind außer sich vor Bewunderung, womit sie das ganz beispiellose Auftreten ihres Kameraden, des jungen Prinzen Thibault de Croney, begleiten. Dieser Jesuitenzögling und Lieblingssohn einer durch Frömmigkeit ihre Schönheit und ihren Geist verleugnenden Fürstin, list Mitarbeiter der „Libre Parole", des >Pariser Antisemitenblattes, hält Reden und Vorträge in antisemitischen Versammlungen und würde, wenn dies nur von seinem Eifer, seinem Temperament und seinen Fähigkeiten abhinge, Frankreich, oder zumindest doch Paris, längst judenrein gemacht haben. Heute will er mit Justin Gutlieb, einem seit 30 Jahren dem Klub angehörigen Bankier, .den Anfang machen. Als derselbe seine Aufforde?