Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 27 (1910)
- Issue
- 26 (1.7.1910)
- Date
- 1910-07-01
- Page
- – (sequence 12)
- Language
- German
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SrtteÄB Dr? BÜGs WöchWyttst Nr. 26 zu Geheimen Justizräten ernannt worden. Geheimrat Timendorfer, der Großpräsident der Bnei-Brith-Logen, hat sich durch .Förderung und Unterstützung jüdischer Wohltättgkeitsbestrebungen häufig ausgezeichnet und gehört auch zu .den führenden Persönlichkeiten des Hilfsverems und der Alliance, bei der er neuerdings, wie verlautet, demissioniert haben soll. Frankfurt a. M. Herr Rabbiner Dr. Nobel-Hamburg wurde zum Nachfolger des vor wenigen Monaten verstorbenen Rabbiners Dr. Horovitz in Frankfurt a. M. gewählt. Dr. Nobel war, bevor er sein Amt in Hamburg angetreten hatte, Rabbiner in Königsberg i. Pr. und Leipzig. Er ist ein hervorragender Talmudkenner und Hebraist, ein geistreicher Redner und philosophisch geschulter Schriftsteller. Amsterdam. Frl. Jeanette Hoofien hat an der Amsterdamer Universität das Doktorat der Rechte mit Auszeichnung abgelegt. Fräulein Hoofien ist die erste Jüdin in Holland, die den Titel Dr. juris führt. Der Mathematiker Selig Brodetsky Der junge Mathematiker Selig Brodetsky, der, wie noch erinnerlich, im Jahre 1908 mit dem seltenen Titel Senior Wrangler (der erste der Klasse) für Mathematik an der Eambridger Universität ausgezeichnet wurde, erhielt jetzt das vielumworbene Jsaac Newton-Stipendium von 200 Pfund Sterling jährlich auf die Dauer von drei Jahren, um seine vielversprechenden Spezialstudien in Optik und Astronomie fortsetzen zu können. Ein gleiches Stipendium erhielt Brodetsky vor ungefähr zwei Jahren von derselben Universität, nachdem er in den Prüfungen in der höheren Mathematik als allererster hervorgekommen war. Brodetskys wiederholte akademische Auszeichnungen wurden von verschiedenen Londoner Tagesbsättern höchst lobend erwähnt. . Jaffa. (Ein Geschenk des deutschen Kaisers.) Der hiesige jüdische Juwelier M. A. Sakolska erhielt vom deutschen Kaiser eine goldene Adlernadel sowie ein Dankschreiben des Freiherrn v. Mirbach als Anerkennung für die gute Ausführung des silbernen Schlüssels Zum Hospiz der Kaiserin Auguste Viktoria- Stiftung auf dem Oelbergs Die erste Advokatin in Algier. Me Pariser Blätter berichten, hat Fraulein Blanche Azoülag in Algier das Doktorat der Rechtslehre mit Auszeichnung erworben. Mlle. Azoulag entstammt einer angesehenen Jüdeufaunlie in Coustantine und ist die erste Dame, die in Algier sich dem Advokatenberufe widmet. n«d Studie« zur Geschichte der I«de« i« Pole«. Von Dr. Majer Balaban (Lemberg). Ilf. Die Steuerexekution. (Historische Skizze.) Mit großen Schritten ging Wencislaus Ritter von Sliwnicki, Herr auf EzyLykow und Umgebung, im Gastzimmer seines Hofes einher, ganz seinen Gedanken ergeben. Sein Lieblingsthema bildeten die Juden. „Wozu brachten es schon die Ungläubigen — dachte Herr Sliwnicki — und wozu werden sie es noch bringen. Alles rissensie an sich, den Handel, das Gewerbe, alle Pachtungen, alle Zölle und Mäuthäüser! Srul von der Judengasse in Lemberg pachtet die ganze Stadt Z i oczow, wohnt im dortigen Schlosse, schaltet und wallet und heißt „Herr Israel". So pachten die Juden alle Steuern und Staatseinkünfte und lassen einen „Adelsmenschen" den Weg nicht frei passieren. Kommst auf den Markt, zahl' dem Juden, fährst die Landstraße, zahl' dem Juden, auf der Brücke, im Mauthäusel fitzt der Jude, ja sogar die „zwei Groschen vom Joch"*) hebt der Jude ein und dringt ins Haus des Adeligen, des nobilis und bene natus, um das Geld einzuheimsen." A capite! Bei diesem Gedanken zuckte Herr Sliwnicki zusammen, denn er erinnerte sich an den Juden Isaak aus Lemberg, der seit Jahren hei ihm die Steuern abverlangte. Aber Herr Sliwnicki zahlte nicht! Nicht deswegen kam er als Adliger zur Welt, um Steuern zu zahlen und dazu noch an Juden,' er tat es nie und wird es auch nicht tun und um seinem Beschluß den Siegel aufzudrücken, rief er seinen „H eid u k e n" und befahl ihm, unter Androhung von 25 Stockstreichen, den Juden Isaak — wenn er wagen sollte, in den Hof zu kommen — von allen Stiegen hinunter zu werfen. Vergnügt über den erteilten Befehl, kehrte Herr Sliwnicki ins Gastzimmer zurück und wartete ungeduldig auf das Mittagsmahl. Es war ein schöner Augustsonntag, heller Sonnenschein beleuchtete die Fluren, die, soweit das Auge reichte, in wunderbarem Glanze standen. Ein leiser Wind bewegte die vollen Aehren, die auf die Sichel zu warten schienen. Herr Sliwnicki war mit dem Ertrage dieses Jahres zufrieden, vergnügt schaute er zum Fenster hinaus und berechnete, wieviel ihm die heurige Ernte einbringen werde. Weit hinter den Fluren, nahe dem Horizont, stach von der gelbgrünen Flur der weiße Weg ab.: es war.die Landstraße, die von Lemberg nach Zloczüw führte.; auf der die Wagen — schwer beladen — einherfuhren. Die meisten zogen in einer Richtung nach dem Osten und sahen aus der Ferne wie schwarze Flecken aus einem weißen Tuche aus. Inmitten dieser Fuhrwerke fiel dem Späherauge des Herrn Sliwnicki eine lange Reihe von Wagen auf, die hart aneinander gereiht schnell sich bewegten, als wollten sie alle anderen hinter sich lassen. Herr Sliwnicki strengte seine Augen an, um die Insassen dieser Wagen zu erkennen, als er zu seinem Erstaunen bemerkte, daß der Vorderwagen plötzlich einlenkte und direkt auf seine Felder fuhr: hinter dem Wagen rollte der zweite, der dritte, vierte usw. Die Pferde gingen stramm voran, teilten mit ihren Leibern die grüne Flur und zerstampften mit ihren Hufen das schon reife Getreide. Erschrocken starrte Herr Sliwnicki vor sich hin und konnte seine Gedanken nicht in Ordnung bringen: sind es Tartaren oder ist es ein böser Nachbar, der aus Rache bei ihm einkehrt und, ohne ihm Fehde zu künden, in sein Gut einzieht? Schnell rief er den Koch und schickte ihn hinaus, nachzusehen, wer die „Gäste" seien und ihre Pferde anzuhalten. Der Koch rannte ins Feld, erreichte den ersten Wagen und ergriff die Pferde am Zaum, aber einige feste Peitschenhiebe zwangen ihn, den Zaum freizulassen und warfen ihn betäubt auf den Boden. Die Wagen eilten vorwärts und fuhren in gewaltigem Galopp auf die Schloßrampe hinauf. Schnell sprangen die Leute von den Wagen herunter: Herr Sliwnicki hörte in der Diele ein lautes Gespräch und im Nu stand vor ihm der verhaßte Lemberger Jude Isaak und hinter ihm ein 'ganzer Troß ihm wohlbekannter Gestalten aus der städtischen Judengasse: Lasar der Pächter, Isidor der Fette, Lasar der Aeltere, Schmulko Sohn der Händlerin Ester, Lewko, Zudik, Lewko der *) Der Adel zahlte nur zwei Groschen vom Joch.